Murrays Comeback nach OP Aus der Hüfte geschossen

Andy Murray spielt mit einem künstlichen Hüftgelenk. Der Tennisprofi wäre fast zurückgetreten, doch nun feierte er nach zweieinhalb Jahren wieder einen Turniersieg. Er wagt sich noch mal auf die große Bühne.

Für Andy Murray war es ein emotionaler Sieg in Antwerpen
Francisco Seco/DPA

Für Andy Murray war es ein emotionaler Sieg in Antwerpen

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Als sich Turnierdirektor Dick Norman bei den Zuschauern in der Antwerpener Arena bedankte, war die Anspannung von Andy Murray abgefallen. Der überraschende Turniersieger saß neben Stan Wawrinka auf der Bank, die beiden langjährigen Kontrahenten plauderten und Murray konnte nach dem 3:6, 6:4, 6:4-Sieg über zweieinhalb Stunden schon wieder lachen. Das hatte Minuten vorher noch anders ausgesehen.

Murray vergrub das Gesicht in seinen Händen. Der bei vielen Tennisfans so beliebte Schotte war den Tränen nahe, beim ersten Siegerinterview seit zweieinhalb Jahren fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. "Das bedeutet mir sehr viel", sagte Murray. "Die letzten Jahre waren sehr schwierig. Ich hatte nicht erwartet, noch einmal in dieser Position zu sein. Ich habe diese Woche sehr genossen."

Diese Woche ging für Murray los mit einem Zweisatzerfolg gegen den belgischen Wildcard-Inhaber Kimmer Coppejans. Die European Open in Antwerpen sind ein ATP-Turnier der kleinsten 250-Kategorie. Das Tennisjahr klingt langsam aus, mit dem Masters in Paris Ende Oktober, den ATP Finals in London und der Davis-Cup-Woche Mitte November gibt es noch drei Höhepunkte. Doch die großen Stars wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer, jahrelang Murrays Gegner in unzähligen Endspielen, sind schon müde. Ihr Blick geht eher Richtung 2020. Doch für Murray zählt gerade jedes Spiel. Und sei es gegen den unbekannten Coppejans.

Rücktritt war für Murray eine ernsthafte Option

Murray selbst hat in Antwerpen nur einen Platz im Hauptfeld des Turniers bekommen, weil er immer noch unter das sogenannte Protected Ranking fällt. Fällt ein Spieler sechs Monate oder länger aus, wird er durch das Ranking davor geschützt, nach einem Abrutschen in der Weltrangliste bei der Rückkehr durch die Mühlen der Qualifikationen zu müssen, um ins Hauptfeld zu kommen. Neun Turniere lang greift diese Sonderregelung, Antwerpen war für Murray das siebte Turnier, seit er sich entschieden hat, tatsächlich noch mal professionell Tennis zu spielen.

Das hatte im Januar dieses Jahres noch ganz anders ausgesehen. Murray hatte sich bereits einmal an seiner dauerverletzten Hüfte operieren lassen, doch Besserung trat nicht ein. Der zweifache Olympiasieger spielte nur noch sporadisch, er fiel in der Weltrangliste auf Position 839 zurück und im Vorfeld der Australian Open hatte er auf einer emotionalen Pressekonferenz von starken Schmerzen berichtet. Tennisspielen sei schwierig, mittlerweile habe er schon beim Autofahren Probleme.

Das große R-Wort stand im Raum: Rücktritt. Mit 31 Jahren.

Nach dem Turniersieg vergrub er das Gesicht in seinen Händen
AP

Nach dem Turniersieg vergrub er das Gesicht in seinen Händen

In Melbourne schied er nach großem Kampf gegen Roberto Bautista Agut in fünf Sätzen aus. Die Zuschauer feierten Murray, es gab sogar per Video eingespielte Abschiedsgrüße von Kollegen. Murray entschied sich für eine zweite Operation, Ende Januar wurde ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt - ohne die Garantie, wieder professionell Tennis spielen zu können. Das mit dem Rücktritt wollte Murray noch nicht final aussprechen, aber es war realistisch.

"Ich wollte Ende des zweiten Satzes einfach nur überleben"

Doch dann spürte der zweimalige Wimbledon-Sieger, dass sich schnell Besserung einstellte. Der Alltag war ohne Schmerzen zu bewältigen, und schon nach wenigen Monaten stand Murray wieder auf dem Trainingsplatz. Mitte des Jahres spielte er erste Doppel- und Mixed-Turniere, im Vorfeld der US Open kamen erste Einzelversuche hinzu und bis zum Auftakt in Antwerpen hatte Murray insgesamt zwölf Matches gespielt.

Einerseits will es Murray behutsam angehen. Früher war er besessen vom Training, heute lässt er schon mal Einheiten sausen und will mehr auf seinen Körper hören. "Ich glaube nicht, dass ich körperlich wieder zu meiner Bestleistung zurückkehren kann", sagte Murray vor einigen Wochen. Doch spätestens die Woche in Antwerpen hat wieder das "Andererseits" in ihm geweckt. Er siegte gegen Pablo Cuevas, Marius Copil und Ugo Humbert, ehe er von Wawrinka - ein ebenfalls von Verletzungen geplagter Recke des Tennissports - richtig gefordert wurde.

So sehen Sieger und Pokal in Antwerpen aus
Francisco Seco/ AP

So sehen Sieger und Pokal in Antwerpen aus

Den ersten Satz verlor Murray nach einem frühen Break. Im zweiten Satz stand es 4:4, Wawrinka hatte einen Breakball und wenn es nach einem der Linienrichter gegangen wäre, hätte der Schweizer zum Sieg aufgeschlagen. Doch Murray ließ den Ball erfolgreich überprüfen, bekam zwei neue Aufschläge und wehrte den Breakball mit einem Vorhand-Winner ab. Murray ballte die Faust, schrie seine Freude heraus und kämpfte sich Punkt für Punkt zurück ins Match.

So wie er es schon unzählige Male in seinen über 850 Matches auf der ATP-Tour gemacht hat. "Ich wollte Ende des zweiten Satzes einfach nur überleben", sagte Murray zur entscheidenden Phase.

Tatsächlich ist es schwer zu glauben, dass Murray mit einem künstlichen Hüftgelenk die Strapazen eines Grand-Slam-Turniers mit maximal sieben Matches über drei Gewinnsätze erfolgreich bestehen kann. Versuchen will er es aber. Murray hat bereits angekündigt, Anfang kommenden Jahres wieder bei den Australian Open antreten zu wollen.

Am liebsten ohne Grußworte der Kollegen.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ClausB 21.10.2019
1. Mal sehen,
wie lange seine Endoprothese halten wird, wenn er in den nächsten Jahren weiterhin Tennis spielen sollte -und das auch noch als Profi mit nicht wenigen Turnieren im Jahr neben dem notwendigen wöchentlichen Training. Nicht allzulange, denke ich.
lancer59 21.10.2019
2. Jetzt bin ich ...
... zum Murray-Fan geworden! Nach so einem Rückschlag eine solche Leistung im Spitzensport zu bringen ist beinahe unfassbar. Ein echter Kämpfer!
RalfBukowski 21.10.2019
3. Das ist schon ein Hammer...
...dass er mit einem künstlichen Hüftgelenk überhaupt Tennis spielen kann.
Oliver E. 21.10.2019
4. Wahnsinn
Eine Hüftendoprothese hat bei normaler Belastung im Idealfall eine Standzeit von ca. 20-25 Jahren. Das durchschnittliche Alter für die Implantation einer Hüftendoprothese liegt bei ca. 68 Jahren, da kommen die mit dieser Lebensdauer bis an ihr Lebensende gut klar. Da wird das Implantat auch nicht übermäßig belastet. Bei einem 31-jährigen Patienten, der dann noch als Leistungssportler agiert, kann man die Lebensdauer locker halbieren, wenn nicht sogar auf ein Drittel herabsetzen. Und was dann? Eine Revision geht noch einigermaßen, aber danach ist dann auch Schicht. Man muß sich einfach mal die anatomischen Begebenheiten anschauen: Der Oberschenkel ist außen hart und wird nach innen hin weicher und flüssig. Dort hinein wird ein Metallteil implantiert, vorher wird die Form der Prothese herausgefräst. Das bedeutet viel Knochenverlust. Dieser Knochen kann sich nicht regenerieren, da die Prothese im Weg ist. Wenn die Primär-Hüftprothese raus muß und eine Revisionsprothese rein, dann wird dieses Implantat immer dicker und länger sein als das vorherige, da es sonst keinen Halt findet. Das bedeutet das irgendwann einfach kein Knochen mehr da sein wird. Das was Murray da macht ist, simpel ausgesprochen, idiotisch. Aber jeder wie er mag.
anduls 21.10.2019
5. sorry, das ist unverantwortlich
jemand sollte ihm das mal sagen. Die Belastung ist schon für die natürliche Hüfte enorm, die künstliche wird die ganzen Rotationen nicht lange mitmachen.
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