ATP-Finals-Sieger Daniil Medwedew Der Rüpel reift zum Champion

Sein schlechtes Image hat er mittlerweile abgelegt, beim ATP-Finalturnier zeigte Daniil Medwedew auch seine sportliche Entwicklung. Der Erfolg gegen Dominic Thiem war sein Meisterstück – auch weil der Matchplan so überraschend war.
Daniil Medwedew: »Im dritten Satz habe ich wahrscheinlich das beste Tennis meiner Karriere gespielt«

Daniil Medwedew: »Im dritten Satz habe ich wahrscheinlich das beste Tennis meiner Karriere gespielt«

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ANDY RAIN/EPA-EFE/Shutterstock

Es war eine Szene, die viel über den Reifeprozess des Tennisspielers Daniil Medwedew aussagt: Dank eines Netzrollers hatte Dominik Thiem, sein Gegenüber im Endspiel des ATP-Final-Turniers von London, den ersten Satz soeben gewonnen. Der Russe war mal wieder reichlich ungestüm nach vorne gerannt. Er hätte den Ball von Thiem wohl auch locker bekommen, wenn da nicht das Netz gewesen wäre. Medwedew zuckte kurz, aber er bekam den Schläger nicht mehr an den Ball.

Im Tennis ist das die denkbar frustrierendste Art, einen Punkt zu verlieren. Jetzt war es sogar das Spiel. Und der Satz. Und Medwedew, der für seine Wutausbrüche bekannt ist, reagierte wie? Mit einem Lächeln. Thiem lachte auch. Sportsmanship nennen das die Briten. Fair und anständig nahm der 24-jährige Russe dieses sportliche Unglück hin.

Möglicherweise hatte sich die aktuelle Nummer vier der Weltrangliste in diesem Moment erneut an eine Begegnung mit dem Österreicher von vor neun Jahren erinnert. Damals, bei einem Jugendturnier, trafen die beiden zum ersten Mal aufeinander. Medwedew verlor deutlich. Verrückt habe er sich zu dieser Zeit auf dem Platz verhalten, erzählte Medwedew in diesen Tagen von London. »Zehn Mal schlimmer als heute.« Nach dem Spiel habe Thiem zu ihm gesagt: »Du hast eine gute Zukunft vor dir, aber du musst ruhiger werden. Weil ich damals durchgedreht bin.«

Medwedew blieb im Finale des ATP-Turniers nach dem verhängnisvollen Punktverlust nicht nur ruhig, er strahlte urplötzlich eine enorme Leichtigkeit aus. Und er gewann dieses Endspiel am Ende zwar knapp, aber sehr verdient 4:6, 7:6 und 6:4.

Es war eine beeindruckende Vorstellung: Medwedew hat den traditionellen Saisonabschluss der ATP-Tour, dieses einwöchige Elitetreffen der besten acht Profis der Welt, das im Gruppenmodus ausgetragen wird, ungeschlagen gewonnen. Er hat unter anderem Rafael Nadal und Novak Djokovic besiegt. Mit dem Triumph über Thiem am späten Sonntagabend waren es dann Siege gegen die ersten drei der Weltrangliste. Der Erfolg gegen den Österreicher, der derzeit als komplettester Spieler auf der Tour gilt, aber war sein Meisterstück. Weil er im Zustandekommen so überraschend war.

Thiem übertölpelt

Medwedew übertölpelte Thiem. Noch nicht im ersten Satz, dort suchte der gebürtige Moskauer seinen Rhythmus. Thiem schien immer noch beflügelt von seinem dramatischen Halbfinal-Sieg über Djokovic vom Vortag. Routiniert und sicher spulte der US-Open-Champion sein Programm ab. Dann aber änderte Medwedew seinen Matchplan. »Ich habe gespürt, dass Dominik nicht mehr so schnell auf den Beinen war. Ich habe kleine Sachen umgestellt«, sagte er hinterher.

Plötzlich rückte der für seinen unorthodoxen und unberechenbaren Spielstil bekannte Russe immer häufiger ans Netz vor. Das hatte man so vorher von ihm noch nicht gesehen. Medwedew war ab Mitte des zweiten Satzes deutlich initiativer, scheuchte Thiem immer wieder mit seiner weit ausgeholten Vorhand über die ganze Breite des Platzes und agierte taktisch klug und variabel. Wenn es doch einmal eng wurde, konnte er sich auf seinen krachenden ersten Aufschlag verlassen. So wie im Tiebreak des zweiten Satzes.

»Im dritten Satz habe ich wahrscheinlich das beste Tennis meiner Karriere gespielt«, so Medwedew, der auf der Pressekonferenz im Anschluss an das Match seines Lebens einen extrem selbstbewussten Eindruck hinterließ. Manche würden das als arrogant bezeichnen. Polarisiert hat Medwedew schon immer. Und er tut es auch weiterhin. Dass er nach dem gewonnenen Matchball gegen Thiem nicht den Hauch einer Regung gezeigt hat und stattdessen so tat, als sei der größte Sieg seiner Karriere ein x-beliebiger Erstrundenerfolg bei einem kleineren ATP-Turnier dürfte ihn bei seinen Kritikern nicht beliebter gemacht haben.

»Ich feiere meine Siege einfach nicht mehr"

Warum er denn nicht wenigstens ein paar Emotionen gezeigt habe, wollte ein Reporter wissen. »Ich feiere meine Siege einfach nicht mehr, das habe ich nach den US Open 2019, als ich Probleme mit den Fans hatte, so für mich entschieden. Und es geht mir gut damit«, sagte Medwedew. In New York vor einem Jahr verärgerte er in der dritten Runde im Spiel gegen den Spanier Feliciano Lopez die Zuschauer mit einer Mittelfinger-Geste und einem provozierenden Interview nach dem Spiel. Erst nach dem Turnier bat er für seine Ausfälle um Entschuldigung. 2017 in Wimbledon warf Medwedew nach dem Ausscheiden in der zweiten Runde Geldmünzen vor den Stuhl der Hauptschiedsrichterin und wollte ihr damit indirekt Bestechung vorwerfen. Auch diesen Fauxpas bedauerte er danach.

Das Rüpel-Image hat Medwedew mittlerweile abgelegt – mit steigender Weltranglistenposition. Seine spielerische Klasse ist sowieso unumstritten. »Der Sieg hier wird mich reifer machen. Ich habe jetzt das Selbstvertrauen für die kommenden Grand Slams«, sagte er noch nach seinem Erfolg bei den ATP-Finals.

Soviel scheint nach London klar: Mit Medwedew wird 2021 mehr denn je zu rechnen sein.

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