ATP-Finals-Champion Tsitsipas Einfach sehr attraktiv

Stefanos Tsitsipas attackiert, wann immer er kann: Der Sieger des letzten Tennisturniers des Jahres kommt mit seinem Spielstil gut an. Doch für die Weltspitze ist der 21-Jährige noch zu sprunghaft.

Aus London berichtet Philipp Joubert


Stefanos Tsitsipas ist noch kein so begnadeter öffentlicher Redner wie die großen Tennisspieler dieser Welt. Oft springt der 21-Jährige von einem Gedanken zum nächsten, bricht Sätze ab und fängt mit großer Freude ganz woanders an. Das Sprunghafte passt auch zu seiner sportlichen Entwicklung, aber dazu später mehr. Der Redner Tsitsipas wirkt jedenfalls erfrischend, der Charme des jungen Griechen lässt die Augen der Zuschauer immer wieder leuchten, selbst die von enttäuschten Gegnern.

So musste auch Dominic Thiem lachen. Der Österreicher hatte gerade das Endspiel der ATP Finals in London verloren. Aber als sich Tsitsipas im vermeintlich letzten Satz seiner Siegesansprache plötzlich in Richtung Thiem drehte und ihm grinsend den Deal anbot, die großen Titel in Zukunft zu teilen, schien die Enttäuschung für einen Moment verschwunden.

Beim Publikum kommt Tsitsipas auch deswegen gut an, weil er auf dem Court der Inbegriff des schnellen Entscheidungssuchers ist. Diesen Eindruck vermittelte er auch in dieser Londoner Woche. Beim ersten großen Titelgewinn seiner Karriere agierte Tsitsipas klar, ohne Zweifel, alles in seinem Spiel ist auf Angriff ausgerichtet: die Beinarbeit, die entschiedene Rotation des Oberkörpers, der wuchtige Schwung. Auch wenn es mal brenzlig wird und viele Konkurrenten eher einen Sicherheitsball schlagen würden: Tsitsipas hält voll drauf, er will immer den direkten Punkt.

Die Konkurrenz lobt ihn

"Jeder zu kurz geratene Ball wird direkt von ihm attackiert", sagte Roger Federer nach der Niederlage gegen Tsitsipas am Samstag. Auch Finalgegner Thiem schwärmte schon eine Stunde nach seiner knappen Niederlage (6:7, 6:2, 7:6) von Tsitsipas, lobte seine Technik und sagte: "Er ist großartig fürs Tennis, einfach weil er so einen attraktiven Spielstil hat." Auch dieses Endspiel mit zwei Entscheidungen im Tiebreak war eine Mischung aus großartig und attraktiv.

Immer auf Angriff: Stefanos Tsitsipas will den direkten Punkt
Justin Setterfield/Getty Images

Immer auf Angriff: Stefanos Tsitsipas will den direkten Punkt

Und mit diesem Match drängt sich natürlich die eine Frage auf: Kann Tsitsipas die Grand-Slam-Dominanz von Novak Djokovic, Federer und Rafael Nadal brechen? Die Frage stellt sich fast immer, wenn einmal ein anderer Profi ein großes Turnier gewinnt, vor allem wenn der Sieger auch noch jung ist. Tsitsipas erfüllt also die wesentlichen Voraussetzungen. Doch obwohl er nun der jüngste Sieger des Jahresendturniers seit dem Jahr 2001 und dem damaligen Triumph von Lleyton Hewitt (damals 20 Jahre alt) ist, wollte er sich auch am Sonntag nicht mit Prognosen aufhalten.

In Madrid schlug er den Sandplatzkönig

Ein Blick in die Vergangenheit fällt dagegen leicht. Als Nummer 15 war Tsitsipas in die Saison gestartet und er war beeindruckend locker durch die ersten Monate des Jahres 2019 gekommen. Bei den Australian Open im Januar hatte er Federer besiegt und war ins Halbfinale eingezogen. Im Mai bei den Madrid Open auf Sand schlug er im Halbfinale keinen geringeren als den Sandplatzkönig Rafael Nadal. Es folgte ein Abnutzungskampf über fünf Stunden gegen Stan Wawrinka, der das Aus in der vierten Runde der French Open bedeutete. Mit dieser Niederlage geriet Tsitsipas aus dem Tritt, der Sommer war geprägt von Niederlagen und Zweifeln.

Schwankungen gehören zur Karriere vieler junger Tennisspieler, man kennt diese Sprünge in der Entwicklung auch von Alexander Zverev, 22 Jahre. Bei Tsitsipas folgte auf die Sommer-Flaute jedenfalls wieder eine ansteigende Herbstform. Wie all das zusammenpasst? Tsitsipas wollte dazu am Sonntag nicht ins Detail gehen. Es sei eine zu lange Geschichte, sagte er bloß. Auf seinem YouTube-Kanal wolle er bald ausführlicher über sein wechselhaftes Jahr reden.

Er strahlte bei der Ankündigung, wohl auch im Wissen, dass seine Geschichte gerade erst beginnt. Spannend wird nun sein, mit welcher Form er nach einer kurzen Verschnaufpause beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres im Januar antreten wird.

insgesamt 4 Beiträge
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kopi4 18.11.2019
1.
Nach dem Masters-Finale 2018 wurde ähnlich über den Sieger berichtet. Großer Sieg,Durchbruch, bereit und in der Lage die großen drei auch bei den Grand Sams zu attackieren. Wie die Saison für Zverev verlief weiß man inzwischen.Jetzt also Tsitsipas. Auch für ihn, Medvedev und Thiem gilt: die Wachablösung vollzieht sich nicht beim Masters oder in der Weltrangliste. Titel unterhalb der Grand Slams schön und gut, wirklich wichtig sind aber nur die vier Majors. Und bei denen haben Djokovic, Nadal und, zumindest in Wimbledon, Federer bewiesen das sie die Angriffe der next Generation noch jedesmal abwehren konnten.
jesse01 18.11.2019
2. Recht ham sie
ihr Beitrag trifft zu , genau meine Meinung.atp WM gewinnt meistens der frischere am Ende des Jahres. tsitsipas mit schlechtem Jahr, war am Ende am frischsten mit dem immer Pausen einlegenden Federer. Grand slams werden wieder übel ausgehen für den ATP Weltmeister! quasi Parallelev zu Zverev
jean-baptiste-perrier 19.11.2019
3. Tsitsipas weiter als Zverev!
Stefanos Tsitsipas stand letztes Jahr immerhin schon im Australian Open Halbfinale nachdem er im Viertelfinale Federer (hatte beide AO zuvor gewonnen) besiegen konnte. Zverev kommt ja hingegen häufig nicht mal in die Nähe der Big Three bei den Grand Slam Turnieren. Ein Dominic Thiem war zweimal hintereinander im Endspiel der French Open der einzig ernsthafte Gegner für Nadal. Im 5-Satz-Krimi im Viertelfinale der US Open 2018 war der Domi ganz nah dran Nadal zu besiegen. Also Thiem und dahinter Tsitsipas sind diejenigen welchen der jüngeren Generation die 2020 durchaus den nächsten Schritt machen können (sprich ein GS Titel nicht ausgeschlossen). Ein Sascha Zverev hinkt den beiden bei GS Turnieren da noch weit hinterher. Also es gibt die Big Three als absolute Top-Favoriten. Direkt dahinter kommen Thiem, Tsitsipas und ein Stan Wawrinka. Plus einem möglichen Dark Horse namens Andy Murray. Zverev muss einfach ernsthaft arbeiten und mal seine ganze Herangehensweise bei GS hinterfragen. Er agiert immer noch wie ein überheblicher Teenager auf dem Platz inklusive der ganzen Kontrollverluste (notorisches Schläger-Schreddern). Zverev muss aufhören für Vater Zverev in der Box zu spielen, sondern endlich für sich selbst, ansonsten bleibt er das ewige Talent. Alexander Senior sollte langsam auch einsehen, dass er seinem Sohn mit seiner Anwesenheit in der Box eher schadet als hilft.
jean-baptiste-perrier 19.11.2019
4. Der Zeit voraus!
jean-baptiste-perrier hat geschrieben: "Stefanos Tsitsipas stand letztes Jahr immerhin schon im Australian Open Halbfinale nachdem er im Viertelfinale Federer (hatte beide AO zuvor gewonnen) besiegen konnte." - - - - - Zitat Ende - - - - - Ich war gedanklich (aufgrund der Vorfreude) schon im Januar 2020 bei den Australian Open. Der Sieg Tsitsipas gegen Federer bei AO im Viertelfinale war natürlich 2019 (Federer hatte AO 2017 und 2018 gewonnen)!
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