Thiem bei den ATP World Tour Finals Harte Landung

Dominic Thiem galt lange als reiner Sandplatzspieler. Doch in dieser Saison dominiert er die Gegner plötzlich auch auf Hartplatz. Was macht er anders?

Österreichs Dominic Thiem überrascht in London mit starken Leistungen
Glyn KIRK / AFP

Österreichs Dominic Thiem überrascht in London mit starken Leistungen

Aus London berichtet Philipp Joubert


Es war ein denkwürdiger Tennisabend bei den ATP-Finals in London, ein hochklassiges Duell, bis zum Schluss mit unklarem Ausgang. Doch am Ende setzte sich Dominic Thiem nach einem vergebenen Matchball gegen Novak Djokovic durch und gewann (6:7, 6:3, 7:6) im Tiebreak des dritten Satzes gegen den wohl besten Tennisspieler der Welt. Vor Glück sank Thiem zu Boden. Normalerweise würde so eine Landung für ihn weich ausfallen, denn wenn Thiem bisher große Duelle gewinnen konnte, dann meist auf Sand. Doch in dieser Saison gewinnt er auch auf harten Plätzen, wie aktuell in London.

"Super Domi", sang die große Fangruppe aus Österreich, die ihm hinterhergereist war, als es Thiem geschafft hatte und erstmals ins Halbfinale des letzten Turniers des Jahres eingezogen war. Für den 26-Jährigen ein besonderer Erfolg, zumal er nach Siegen gegen Roger Federer am Sonntag und nun auch gegen Djokovic gelang. Die Tenniswelt horcht auf. Gelingt Thiem jetzt der Durchbruch?

Thiem hat sich in den vergangenen Jahren zum ersten Herausforderer von Rafael Nadal auf Sand hochgearbeitet, war aber stets kurz vor Ultimo gescheitert. Thiem, das ist immer noch der höfliche Dominic. Der junge Mann, der jedem beim Gespräch in die Augen schaut und freundlich mit Ballkindern umgeht.

Grob und nun auch variabel

Freundlich ist Thiem auch im Herbst 2019. Aber er ist auch jemand, der auf und neben dem Court einen Reifeprozess durchlaufen hat. Seit Anfang des Jahres gab es die schrittweise Trennung von Günter Bresnik. Der 58-jährige Bresnik hatte Thiem etwa 15 Jahre trainiert, ein Buch über seinen Musterschüler geschrieben, für ihn in der Öffentlichkeit gesprochen und hinter den Kulissen in seinem Namen verhandelt.

Doch seit diesem Frühjahr steht Thiem auf eigenen Beinen, das gilt auch spielerisch. Thiem sah den Tennissport unter Bresnik eher als Kraftsport. Mit der Wucht einer Kanone schlug er die Bälle, oft viel härter als seine Gegner. Duelle gegen Thiem, das war auch Armdrücken auf hohem Niveau.

Ohne Bresnik und im Herbst 2019 gibt es zwar weiter kaum einen anderen Spieler, der einen Ball von der Grundlinie so schnell machen kann wie Thiem, der 26-Jährige ist immer noch ein Mann fürs Grobe. Aber eben auch einer, der mittlerweile genau jene taktischen Finessen beherrscht, die Matches zwischen den besten Spielern der Welt entscheiden. Sein Spiel ist variabler geworden.

Wie Thiem bei seinem Sieg gegen Federer den Aufschlag variierte, in den Ballwechseln immer wieder so nah wie möglich an die Grundlinie trat, nur um dann am Dienstag gegen Djokovic doch zwischendrin zwei Schritte nach hinten zu gehen - das wird nicht als der ganz große spielerische Glanzpunkt in Erinnerung bleiben. Aber es kam einer Glanzleistung schon sehr nahe.

19 Niederlagen in 23 Hartplatz-Duellen

Thiem ist nicht der erste Spieler, der im vergangenen Jahr die ewigen Drei - Djokovic, Federer und Nadal - besiegen konnte. Daniil Medvedev ist spätestens seit seiner Final-Teilnahme bei den US Open ein Titelkandidat für die kommenden Grand-Slam-Turniere. Der junge Grieche Stefanos Tsitsipas gilt als Spezialist für Siege gegen die Großen. Alexander Zverev gewann bereits im vergangenen Jahr das Endturnier der Saison von London - und er startete auch in diese Ausgabe mit einem Sieg gegen Nadal.

Doch Thiem wirkt reifer als die anderen jungen Herausforderer. Auch, weil dem vermeintlichen Sandplatzspieler in dieser Saison Turniersiege auf den Hartplätzen von Peking und Wien gelungen waren, nun festigte er die positiven Eindrücke in London. Bemerkenswert ist diese Entwicklung, weil er noch vor dieser Saison eine Bilanz von vier Siegen und 19 Niederlagen in Hartplatz-Duellen gegen Top-Ten-Spieler hatte.

Thiem hofft, die jüngsten Erfolge wirken sich positiv aus auf das neue Jahr. Allerdings ist das noch Zukunftsmusik. Jetzt warten die letzten Tage der ATP World Tour Finals. Hier treten die besten acht Spieler der Welt gegeneinander an - und einer von ihnen ist Thiem. Bisher war er sogar der Beste.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
meresi 13.11.2019
1. Schön
dass es noch einen Artikel dazu gibt. Jetzt aber schnell zu Nadal wechseln, hatter der alte Mann doch tatsächlich Medvedev paniert im 3. Satz
jazcoleman 17.11.2019
2. Überschrift
Beitragtitel in Indian wells auf hartplatz ignoriert?
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