Zverev-Aus im Achtelfinale der Australian Open Am Boden zerstört

Der erste Grand-Slam-Titel war greifbar, dazu Platz eins in der Weltrangliste: Die Australian Open hätten Alexander Zverev viel Prestige bringen können. Sie brachten: Frust – vor allem ob der eigenen Leistung.
Von Klaus Bellstedt
Alexander Zverev: Wutausbruch aus Ärger über die eigene Leistung

Alexander Zverev: Wutausbruch aus Ärger über die eigene Leistung

Foto: Mackenzie Sweetnam / Getty Images

Symbolbild: Als Alexander Zverev den ersten Satz in seinem Achtelfinal-Match gegen Denis Shapovalov nach nur 38 Minuten 3:6 verloren hatte, dachte man: Kann passieren. Dann geht das Spiel für den Deutschen eben erst im zweiten Satz los. Aber im Grunde war kurze Zeit später schon alles vorbei. Sofort kassierte Zverev das nächste Break, produzierte auch im ersten Spiel Doppelfehler, streichelte den zweiten Aufschlag mit nur knapp über 100 km/h übers Netz und zertrümmerte vor Wut nach dem verlorenen Auftaktspiel seinen Schläger. So, wie er es lange nicht mehr gemacht hatte. Es war das Symbolbild eines völlig missratenen Tages für den 24-Jährigen.

Zverev und sein kaputter Schläger

Zverev und sein kaputter Schläger

Foto: MICHAEL ERREY / AFP

Das Ergebnis: Alexander Zverev hat das Achtelfinale bei den Australian Open gegen den Kanadier Shapovalov 3:6, 6:7 (5:7) und 3:6 verloren. Der Weltranglistendritte hatte sich zum neunten Mal in Folge für die Runde der letzten 16 Spieler bei einem Grand-Slam-Turnier qualifiziert und in seinen ersten drei Runden in Melbourne nach überwiegend souveränen Leistungen nicht einen Satz abgegeben. Shapovalov, in Melbourne an Nummer 13 gesetzt, trifft nun im Viertelfinale auf Rafael Nadal.

Ein Suchender: Nichts klappte bei Zverev in diesem Match. Es überraschte besonders, dass – abgesehen vom fehlerhaften Spiel mit zig einfach verschlagenen Bällen und großen Problemen, insbesondere beim zweiten Aufschlag – auch die Einstellung nicht stimmte. Zverev gab das hinterher zu. Nie wirkte es, als könne er das Match noch drehen und das drohende Desaster abwenden.

Die Körpersprache war bezeichnend. Bestes Beispiel: Als er im Tiebreak des zweiten Satzes beim Stand von 1:5 gegen sich die Seite wechselte, schlurfte er wie ein schon Geschlagener über den Court. Dabei war noch Zeit für eine Wende. So etwas erscheint bei Rafael Nadal oder Novak Djoković unvorstellbar. Zverev fehlte am Sonntag auch die Aura eines großen Tennisspielers.

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Die offene Tür: Meist ergibt sich im Tennis bei aller Klarheit zumindest ein Mal für den unterlegenen Spieler die Chance, zurück in ein eigentlich schon verlorenes Match zu finden. Bei Zverev bestand diese Möglichkeit im zweiten Satz. Ihm gelangen zwei Breaks. Shapovalov verlor für einen Moment seine Konstanz. Deutschlands bester Tennisspieler ging 5:3 in Führung. Doch dann kehrte Zverevs unerklärliche Passivität zurück.

Anstatt den Kanadier weiter unter Druck zu setzen, zögerte er, zog die Schläge nicht mehr durch, setzte seine Volleys ins Netz und schob selbst leichte Vorhände teilweise über einen Meter hinter die Grundlinie seines Gegners. Shapovalov spielte ohne Frage ein tolles Match, aber in vielen Phasen musste er auch einfach nur auf die Fehler seines Gegners warten.

Hatte überraschend leichtes Spiel: Denis Shapovalov

Hatte überraschend leichtes Spiel: Denis Shapovalov

Foto: Tertius Pickard / AP

Bilanzen lügen nie: Zverev wehrt sich regelmäßig gegen Kritiker, die ihm vorwerfen, er bestätige bei den großen Turnieren seine guten Leistungen auf der Tour nicht. Die Zahlen sagen etwas anderes. Gegen die Top-20-Spieler hat der Hamburger bei Grand-Slam-Events nach der Niederlage gegen Shapovalov jetzt eine Matchstatistik von 4 Siegen bei 19 Niederlagen. Gegen einen Spieler aus den ersten zehn der Weltrangliste hat er noch nie ein Spiel bei einem Major gewonnen. Zum Vergleich: Auf der Tour hat Zverev gegen die Top 20 eine positive Gesamtbilanz von 72:67.

Alles bereitet, alles aus: Das Tennnisjahr 2021 war für Zverev das erfolgreichste seiner Karriere: Er gewann sechs Turniere. Darunter zwei bedeutsame Master-1000-Wettbewerbe, die ATP-Finals in Turin und das Olympische Turnier in Tokio. Nur der lang ersehnte Grand-Slam-Titel fehlte. In Melbourne schien die Chance so groß wie nie, auch wegen des fehlenden Novak Djoković.

Einzig der in der Weltrangliste vor Zverev platzierte Russe Daniil Medwedew müsse irgendwie bezwungen werden, dachten viele. Und es lockte ja noch mehr: Mit einem Sieg bei den Australian Open wäre Zverev zur Nummer eins der Weltrangliste aufgestiegen. Historisches lockte, aber am Ende war doch schon nach vier von möglichen sieben Matches alles vorbei.

Niedergeschlagen und ehrlich: Es spricht für Zverev, dass er im Anschluss an die Niederlage keine Ausreden suchte, sondern hart mit sich ins Gericht ging: Es sei eines der schlechtesten Matches gewesen, das er je abgeliefert habe. Was schiefgelaufen sei? »Alles.« Punkt. Zverev vergrub auf der Pressekonferenz sein Gesicht immer wieder in den Händen. »Ich bin hierhergekommen, um die Nummer eins der Welt zu werden. Aber es ist lächerlich, darüber zu reden. Ich habe es nicht verdient.«