Tennisprofi Jan-Lennard Struff über Brandkatastrophe in Australien "Einfach eine Tragödie, was hier passiert"

Jan-Lennard Struff hatte sich kaum ums Klima geschert, bis ihm ein Kollege die Augen öffnete. Nun fordert der Tennisprofi mehr Engagement von Ausrichtern und Profis - und trauert um Koalas in Australien.
Ein Interview von Philipp Joubert
Jan-Lennard Struff während seines ATP-Cup-Matches gegen Nick Kyrgios, das er gegen den Australier verlor

Jan-Lennard Struff während seines ATP-Cup-Matches gegen Nick Kyrgios, das er gegen den Australier verlor

Foto: TRACEY NEARMY/ REUTERS

SPIEGEL: Herr Struff, Sie haben gerade bei dem neu geschaffenen Teamwettbewerb ATP Cup in Brisbane gespielt. Selbst wenn die Stadt nicht von den verheerenden Buschfeuern hier in Australien betroffen ist – das Thema beschäftigt doch sicher auch die Profis.

Jan-Lennard Struff: Es ist allgegenwärtig. Einfach eine Tragödie, was hier passiert. Wenn man in den Nachrichten sieht, wie jemand Koalas aus dem Feuer zieht, ist das schon sehr traurig. Ich möchte das auch gar nicht ausblenden.

SPIEGEL: Sie haben sich einer Reihe von Spielerinnen und Spielern wie Nick Kyrgios, Novak Djokovic oder Julia Görges angeschlossen, die öffentlich angekündigt haben, für Organisationen wie das Rote Kreuz zu spenden. Warum ist Ihnen das wichtig?

Struff: Ich hatte einfach das Bedürfnis, etwas zu machen. Auch wenn die von mir gespendeten 2000 australischen Dollar im Großen und Ganzen eine überschaubare Summe sind, wollte ich trotzdem eine Botschaft an alle senden: Spendet etwas, jeder Betrag zählt. 

SPIEGEL: Die Feuer kommen zu einer Zeit, in denen immer mehr Menschen bewusst ist, wie real die Erderhitzung schon ist. Sie selbst haben auf Twitter geschrieben, dass Sie die CO2-Emissionen Ihres Fluges nach Australien über die Organisation Atmosfair kompensiert haben. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Zur Person

Jan-Lennard Struff (geboren am 25. April 1990 in Warstein) ist die derzeitige deutsche Nummer zwei der Weltrangliste (aktuell Platz 30). Seit Jahren hält sich Struff unter den besten 60 Tennisprofis der Welt. "Struffi", wie ihn Familie, Freunde und Fans nennen, begann als Sechsjähriger mit dem Tennissport, seit 2009 ist er Profi. Privat mag er Fußball und Bücher.

Struff: Alles ging los, als ich im Vorjahr beim Turnier in Madrid im Physioraum saß und mich ein Spieler fragte: Wie bereinigst du eigentlich deinen ökologischen Fußabdruck? Da wurde mir klar, dass ich darüber noch nie nachgedacht hatte. Ich habe mich erst dann viel mit dem Thema beschäftigt, Filme geschaut, mich mit dem besagten Spieler und einem guten Freund weiter unterhalten. Ich bin nach wie vor dankbar, dass ich die Flüge nach Australien in der Businessklasse machen kann, einfach weil ich hier meinen Job machen muss. Trotzdem wollte ich meinen Flug kompensieren. Ich habe dann auch noch all meine Flüge aus dem Jahr 2019 zusammengerechnet und die Summe ebenfalls kompensiert. Ich möchte das gar nicht aufbauschen. Wie andere auch, habe ich ein Auto, das zu viel CO2 ausstößt. Aber wir sollten alle mehr darüber nachdenken.

SPIEGEL: Einige Spieler wie Kevin Anderson und Dominic Thiem versuchen, öffentlich Umweltschutzthemen im Kontext des Tennis aufzugreifen, um zum Beispiel den Gebrauch von Plastik zu reduzieren. Gibt es da unter den Profis mittlerweile ein größeres Bewusstsein, oder sind Sie weiterhin einer der wenigen, der sich mit dem Thema wirklich beschäftigt?

Struff: Ich denke, dass viele Spieler gar nicht drüber nachdenken. Auch ich habe wenig über so etwas nachgedacht, bis ich angeregt wurde. Aber es ist wohl so, dass sehr viele Spieler auf der Tour ichbezogen sind und es ihnen letztendlich scheißegal ist.

SPIEGEL: Wäre es dann nicht an den Veranstaltern, etwas zu machen? Wenn schon nicht der Spielkalender so geändert wird, dass es weniger Flüge gibt, sollten dann nicht zum Beispiel die Veranstalter von Turnieren wie den Australian Open alle Flüge für die gut 250 Spielerinnen und Spieler aus dem Hauptfeld kompensieren?

Struff: Natürlich, so etwas würde helfen. Aber man sollte vielleicht lieber vom Großen ausgehen. Man könnte mit der Herrentour ATP so viel an Aufklärungsarbeit und Werbung machen. Dann hat man zwar immer noch die vielen Flüge. Man würde aber hoffentlich dazu beitragen, umweltbewusster zu denken und zu handeln - genau darum geht es ja. Ich kriege zu Hause schließlich auch von meiner Freundin einen Rüffel, wenn ich was in den falschen Mülleimer geworfen habe. Und das finde ich auch gut so. Da braucht es einfach mehr Bewusstsein.

SPIEGEL: Am 20. Januar beginnen die Australien Open. In den vergangenen Tagen lagen die Messwerte des Echtzeit-Luftqualitätsindex am Spielort Melbourne teils über den empfohlenen Werten. Der Weltranglistenzweite Novak Djokovic wollte sogar eine Verschiebung des Turniers kürzlich nicht komplett ausschließen. Wie viel von dieser Diskussion ist bisher bei Ihnen angekommen?

Struff: Ich habe leider keine Ahnung, was diese Werte genau bedeuten. So wie ich das sehe, haben die Veranstalter allerdings die Möglichkeit, das Turnier auch vermehrt auf den großen, überdachten Courts stattfinden zu lassen. Dort gibt es ein Filterungssystem. Oder aber es geht in die Trainingshallen, auch wenn das schlecht für die Zuschauer ist.

SPIEGEL: Wären Sie vorbereitet auf schlechte Luftbedingungen, die ja auch Ihren Alltag in Melbourne abseits vom Tennis beeinträchtigen könnten?

Struff: Beim Spielen kann ich jedenfalls keine Atemschutzmaske tragen. Aber wenn ich mich normal draußen bewege, und es wäre wirklich schlechte Luft draußen, dann würde ich die Maske tragen. Wenn es nicht mit dem Atmen geht, dann kann man halt nicht spielen. Aber ich finde es jetzt erst mal nebensächlich, was mit dem Turnier wann und wie passiert. Natürlich wäre es schade, weil ich unbedingt spielen möchte. Das ist mein Business. Aber ganz ehrlich: Das viel größere Thema sind doch die Brände. Um die sollte es gehen.