Novak Djokovic gewinnt zum achten Mal die Australian Open Der unromantische Realist

Novak Djokovic ist eine Klasse für sich in seinem Sport. Im vierten Satz im Finale von Melbourne zeigte der Serbe, warum er so schwer zu schlagen ist.
Aus Melbourne berichtet Klaus Bellstedt
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Es war eigentlich wie immer: Die vom Hallensprecher ausgerufene Lieblingsspieler-Abstimmung wenige Minuten vor dem Finale der Australian Open gewann Novak Djokovics Gegner. Die Leute in der Rod-Laver-Arena - daran änderte auch der kleine Haufen der lautstarken serbischen Fans nichts - drückten in der Mehrzahl Dominic Thiem die Daumen. Der Serbe kennt das Gefühl. Er ist selten der Liebling, auch weil er auf dem Platz eine gewisse unromantische Realität verkörpert. Genau die macht ihn aber so erfolgreich - auch an diesem Abend wieder. In einem intensiven und teilweise hochklassigen Match, in dem der 32-Jährige viele kritische Phasen zu überstehen hatte, gewann Djokovic in fünf Sätzen 6:4, 4:6, 2:6, 6:3, 6:4.

In seinem achten Endspiel bei den Australian Open sicherte er sich damit zum achten Mal den Titel in Melbourne. Insgesamt war es Djokovics 17. Grand-Slam-Erfolg. Am Montag wird ihn die Weltrangliste als neue Nummer eins führen. Die Dominanz der sogenannten "Big Three", bestehend aus Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer, geht also weiter. Die letzten 13 Major-Turniere gewann immer einer von ihnen.

"Fiese Zeit für junge Spieler" 

"Wir haben einfach eine fiese Zeit erwischt, wir jungen Spieler. Wir müssen halt immer eine dieser drei Legenden schlagen", sagte Thiem noch vor dem Finale. So, als hätte er schon geahnt, dass es für ihn wieder nichts mit einem Endspiel-Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier werden würde. Zwei Mal stand der Österreicher bei den French Open in Paris schon im Finale. 2018 und 2019 zog er jeweils gegen Sandplatz-König Rafael Nadal den Kürzeren. Gegen Djokovic führte er dieses Mal sogar mit 2:1-Sätzen und hatte den großen Favoriten stark in Bedrängnis gebracht. Djokovic wankte, aber er fiel nicht, weil er einmal mehr Geduld und Können bewies, jene Phasen, wenn seine Gegner ihr bestes Tennis spielen, zu überstehen. Djokovic blieb auch gegen Thiem gerade noch so am Leben und war im genau richtigen Moment wieder da, um zurückzuschlagen.

Diese Phase ereignete sich nach dem dritten Satz, den der Serbe deutlich 2:6 verloren hatte. Alles sprach da eigentlich für Thiem. Der Zverev-Bezwinger traf die Linien, deckte die Grundlinie ab, returnierte sehr gut und streute immer wieder seine krachende Rückhand gewinnbringend ein. Sein Plan schien, abgesehen vom ersten Satz, den er zu nervös anging und 4:6 gegen einen da noch fehlerlos agierenden Djokovic verlor, aufzugehen.

Er müsse "viel riskieren, aber nicht zu viel, das ist ein schmaler Grat", sagte er vor dem Spiel noch; beim letzten Aufeinandertreffen in London habe er das perfekt hinbekommen. Es sei eine Sache der Balance, so der Weltranglisten-Fünfte.

"Du wirst noch eine Grand-Slam-Trophäe gewinnen - mehr als nur eine", sagte Novak Djokovic (rechts) zu seinem Konkurrenten Dominic Thiem nach dem umkämpften Finale in Melbourne

"Du wirst noch eine Grand-Slam-Trophäe gewinnen - mehr als nur eine", sagte Novak Djokovic (rechts) zu seinem Konkurrenten Dominic Thiem nach dem umkämpften Finale in Melbourne

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Das Hoch-Risiko-Spiel zahlte sich aus. Thiem holte sich den zweiten Satz 6:4 und Djokovic machte plötzlich leichte Fehler. Die Quote seiner ersten Aufschläge verringerte sich darüberhinaus im Vergleich zum ersten Satz von 80 auf 60 Prozent und ging zwischenzeitlich sogar auf 43 Prozent herunter. Hinzu kamen konditionelle Probleme. "Ich weiß immer noch nicht richtig was los war, meine Energie war plötzlich weg. Ich kenne das nicht von mir. Der Arzt sagte ich war dehydriert“, sagte er nach dem Match. Sichtlich angeschlagen und mit sich und dem Schiedsrichter, den er wegen einer zweifachen Time-Violation verhöhnte, hadernd, musste er auch den dritten Satz (2:6) abgeben. Es war die erste echte Krise des Serben in diesem Turnier.

Es knisterte in der Arena 

Der vierte Satz verlief phasenweise spektakulär. Beide Spieler zeigten ihr bestes Tennis, es knisterte in der Arena. Djokovic schien es wieder besser zu gehen. Aber vor allem: Fast unbemerkt bekam er wieder die Kontrolle über das Spiel. Er gewann seine Aufschlagspiele  souveräner. Er diktierte, wie im ersten Satz, die Geschwindigkeit des Spiels, wurde dabei aber nicht ungeduldig. Es war jetzt das perfekte Djokovic-Spiel.

Brad Gilbert, ehemaliger Weltklassespieler aus den USA, hat seinen Stil einmal als "Offensive mit Ballkontrolle" bezeichnet. Im Stile eines echten Champions war es dem Serben gelungen, sich aus der Umklammerung zu befreien und nach dem vierten Satz auch den entscheidenden fünften Satz für sich zu entscheiden. Ein Break reichte dem 32-Jährigen, Djokovic traf jetzt jeden Return, Thiem bekam keine freien Punkte mehr. Das Match war nach 3 Stunden und 59 Minuten vorüber.

"Es war definitiv das härteste Finale, das ich bei den Australian Open bisher gespielt habe", sagte Djokovic hinterher und analysierte: "Ich habe im vierten Satz meine Stärke wiedergefunden. Davor habe ich mich nicht gut gefühlt. Es ist schade, dass einer von uns heute verlieren musste. Dominic hat fantastisches Tennis gespielt." Auf die Frage, wie er es denn im Kopf geschafft habe, den Turnaround zu schaffen, antwortete Djokovic präzise und offen: "Tennis ist ein extrem mentales Spiel. Es gibt so viele Momente, in denen man die Konzentration verlieren kann. Es kommt dann darauf an, solche Phasen zu akzeptieren und möglichst schnell zu sich selbst zurückzufinden, um den Fokus wiederzufinden."

Djokovic ist wahrscheinlich der größte Individualist in seinem Sport. Und deshalb so schwer zu schlagen. Selbst wenn man - wie Thiem an diesem Abend - so dicht davor stand.

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