Tennis-Durchstarter Alcaraz Wie Tarzan im Urwald

Sein risikofreudiges Spiel, sein außergewöhnliches Ballgefühl, seine gewaltige Wettkampflust – Carlos Alcaraz ist der aufregendste Spieler auf der Tour.
Selbstbewusstes Showtalent: Carlos Alcaraz

Selbstbewusstes Showtalent: Carlos Alcaraz

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Matthias Oesterle / IMAGO / ZUMA Wire

Carlos Alcaraz mit den großen Drei im Tennis zu vergleichen, sollte eigentlich verboten werden. Es sei denn, einer aus dem elitären Dreierklub thematisiert die Parallelen selbst.

»Wenn du jung und schon sehr gut bist, ist der Prozess schneller als bei den normalen Menschen. Also ist er kein normaler Typ, so wie Novak (Djoković, d. Red.) kein normaler Typ war, so wie Roger (Federer) kein normaler Typ war, so wie wahrscheinlich auch ich kein normaler Typ war.«

Dieses Zitat über Alcaraz stammt von Rafael Nadal. Es ist nur wenige Wochen alt. Nach seiner überraschenden Drei-Satz-Niederlage gegen den 16 Jahre jüngeren Aufsteiger des Jahres beim Masters in Madrid hielt der 21-fache Grand-Slam-Champion eine Lobeshymne auf Alcaraz. Der erfolgreichste Sandplatzspieler in der Geschichte des Tennis fand wohl, dass die Zeit gekommen war, seinen möglichen Nachfolger angemessen zu würdigen.

Nadal sezierte in seiner Rede weniger das Spiel des 19-Jährigen, wohl aber beschrieb er die außergewöhnliche Ausstrahlung, das große Selbstbewusstsein sowie die gewaltige Wettkampflust dieses Teenagers, der sich zu einem ernsthaften Konkurrenten auf der Tour entwickelt hat und der ihm auch bei den French Open in Paris, jenem Grand-Slam-Event, das Nadal schon 13 Mal gewinnen konnte und das am Sonntag begonnen hat, sehr gefährlich werden könnte.

Wie alles begann: Der zehn Jahre alte »Carlitos«

Wie alles begann: Der zehn Jahre alte »Carlitos«

Foto: IMAGO / PanoramiC

Alcaraz’ Aufstieg in die Tennis-Weltspitze hat etwas Urgewaltiges an sich. Das hat auch etwas mit seinem Turniersieg in Madrid zu tun. Dort gewann das Talent nicht nur gegen sein Kindheitsidol Nadal, sondern im Halbfinale auch gegen den Weltranglistenersten Djoković. Gegen beide zusammen gelangen ihm 88 sogenannte Winner. Die Bilanz wird umso erstaunlicher, da von diesen direkt erzielten Punkten lediglich acht durch Asse zustande kamen.

Topspinaufschlag und ansatzlose Stopps

Der Spanier, den sie in seiner Heimat in Murcia »Carlitos«, den kleinen Carlos nennen, hat in seinem aufregenden und abwechslungsreichen Spiel kaum Schwächen. Er spielt extrem risikofreudig und verfügt über ein außergewöhnliches Ballgefühl, was immer dann besonders zum Vorschein kommt, wenn er ansatzlose Stoppbälle streut. Über seine zweite große Waffe, den Topspinaufschlag, hat Djoković nach seiner Niederlage gesagt, er habe so einen derart hoch abspringenden Ball noch nie gesehen. Alcaraz gewinnt seine Matches sehr rational und ohne Drama. »Klinisch«, so beschrieben Tennisspieler diesen Stil gerne.

Was den Spanier zudem von anderen Anwärtern auf Grand-Slam-Titel unterscheidet: Im Gegensatz zu den sogenannten »schnellen Riesen« Medvedev, Berrettini, Tsitsipas oder Alexander Zverev, den Alcaraz im Finale von Madrid deklassierte, ist er mit 1,85 Meter Körpergröße deutlich kleiner und damit wendiger. Alcaraz bewegt sich geschmeidig und hat mittlerweile auch das Defensivspiel, das ihn an die Linien und in die Ecken führt, für sich entdeckt. Schon sein erster Trainer Carlos Santos verglich ihn einst mit Tarzan: »Weil er sich auf dem Platz so zu Hause fühlt wie Tarzan im Urwald.«

Hat auch das Defensivspiel, das ihn in die Ecken führt, für sich entdeckt: Carlos Alcaraz in Madrid

Hat auch das Defensivspiel, das ihn in die Ecken führt, für sich entdeckt: Carlos Alcaraz in Madrid

Foto: Clive Brunskill / Getty Images

Der Weg in die Weltspitze war für Alcaraz in gewisser Weise vorgezeichnet. Schon 2021 erzielte er gute Ergebnisse, kam etwa bei den US Open bis ins Viertelfinale, das er mit Adduktorenproblemen abbrechen musste. Die vier Turniersiege in diesem Jahr, unter anderem bei bedeutenden Events wie den Miami Open, dienen als weitere Belege für die schnellen Entwicklungsschritte eines Profis, der immer noch am Anfang seiner Karriere steht. In der Weltrangliste ist der Rechtshänder mittlerweile bis auf Position sechs geklettert. Riesige Sprünge im Ranking gingen dem voraus.

Ferrero und Alcaraz – eine besondere Beziehung

Alcaraz trainiert seit einigen Jahren im gut eine Stunde von Murcia entfernten Villena in der Akademie von Juan Carlos Ferrero. Nachdem der 2018 eine kurze Zusammenarbeit mit Zverev beendet hatte, wurde er Alcaraz’ persönlicher Trainer.

Der ehemalige Weltranglistenerste und Roland-Garros-Champion war im Vergleich zu den klassischen spanischen Sandplatzspielern seiner Generation ähnlich vielseitig wie heute Alcaraz. Durch die gemeinsame Anfangszeit in der Anonymität unterklassiger Turniere geht die Beziehung Ferreros zu seinem Schüler über das Professionelle hinaus. Ferrero – der bei Zverev an dessen Disziplinlosigkeit verzweifelte – übernahm eine umfassende Mentorenrolle in einem insgesamt zehnköpfigen Betreuerteam. »Carlos und ich als sein Trainer haben das Glück, dass seine Familie 1+ ist. Sie haben mich seit der ersten Minute arbeiten lassen, ohne sich einzumischen – und das, obwohl der Vater als Tennisspieler mir viel sagen könnte«, sagte Ferrero kürzlich dem Radiosender Cadena Ser.

Jenseits des Platzes schult Alcaraz seine strategischen Fähigkeiten beim Schach, schaut stundenlang alter Tennismatches auf YouTube und pflegt vor seinen Matches eine Siesta einzulegen. Von Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo hat sich der Real-Madrid-Fan manche Jubelgeste abgeschaut; beiden mangelt es weder an Sendungsbewusstsein noch an Showtalent.

Spanische Medien warnen bereits: Vergesst einen gewissen Rafael Nadal (r.) nicht

Spanische Medien warnen bereits: Vergesst einen gewissen Rafael Nadal (r.) nicht

Foto: JUAN MEDINA / REUTERS

Im Herzen der Spanier ist »Carlitos« schon so weit angekommen, dass sein Madrider Finale mit 25 Prozent Einschaltquote das Top-Fernsehereignis dieses zweiten Sonntags im Mai war und Medien wie die Sportzeitung »Marca« warnten, dass man bei allem Hype um Alcaraz nicht einen gewissen Rafael Nadal vergessen möge.

Das allerdings wird schon deshalb nicht passieren, weil ab Sonntag beim zweiten Majorturnier des Jahres im Stade Roland Garros zu Paris Nadal wieder im Fokus stehen wird. Weil der 35 Jahre alte Rekordsieger, solange er auf der »Terre Battue« spielt, einfach immer auch irgendwie schillernder Favorit sein wird.

Alcaraz kann das nur Recht sein. Andererseits wird er die French Open nach seinem furiosen Aufstieg in den vergangenen Monaten auch nicht im Schatten von Djoković oder Nadal bestreiten können. Er geht jetzt nach seinem rasanten Aufstieg ebenfalls als Favorit in das Turnier, sein klarer 6:4, 6:2, 6:0-Erstrundensieg gegen den Argentinier Juan Ignacio Londero passte da ins Bild. Rafael Nadal hatte es ja prophezeit: Diese Hochgeschwindigkeit im Entwicklungsprozess ist es, die die Außergewöhnlichen von den Guten unterscheidet.