US-Open-Überraschung Koepfer "Dieser Lauf wird mein Leben verändern"

Er wollte die Qualifikation überstehen, er schaffte es ins Achtelfinale: Dort scheiterte Tennisprofi Dominik Koepfer zwar an Daniil Medwedew. Trotzdem ist der Deutsche einer der Gewinner dieser US Open.

Dominik Koepfer über seine bisherige Karriere: "Manchmal kamen fünf Zuschauer"
Mike Stobe / AFP

Dominik Koepfer über seine bisherige Karriere: "Manchmal kamen fünf Zuschauer"

Von , New York


Vor Beginn des Tiebreaks im vierten Satz erhoben sich die Zuschauer im Louis Armstrong Stadium in New York. Das hatten sie in den bis dahin gespielten 2:27 Stunden dieses Achtelfinals zwischen Dominik Koepfer und Daniil Medwedew schon so oft getan, immer dann, wenn der Deutsche einen spektakulären Punkt erzielt hatte.

Doch nun standen die knapp 10.000 Zuschauer auf, weil sie merkten, dass Koepfer ihre Unterstützung brauchte. Er musste beim Stand von 6:3, 3:6, 2:6 und 6:6 diesen Tiebreak gewinnen, um das Aus bei den US Open zu verhindern. Und das Publikum wiederum wollte offenbar mehr sehen von diesem 25-Jährigen, dessen Namen bis vor wenigen Tagen nur Insider kannten.

All der Applaus, das Daumendrücken und die "Let's go, Koepfer"-Rufe halfen letztlich nicht, der Qualifikant unterlag dem Weltranglistenfünften in vier Sätzen. "Das war eine fantastische Erfahrung heute. Ich habe noch nie vor so vielen Leuten gespielt, die meinen Namen gerufen haben", sagt Koepfer nach dem Match.

"Das stählt"

So erfrischend, wie er auf den Tennisplätzen in Flushing Meadows auftrat, gibt er sich auch gegenüber den Medien. Wenn Koepfer spricht, sagt er auch etwas. Und so erzählte er beispielsweise beschwingt von seiner Zeit an der Tulane University, wo er Finanzwesen studierte und Tennis spielte.

In der College-Liga NCAA steht Teamspirit über allem. Es geht um die Mannschaft, nicht um den Einzelakteur. Und gespielt wird teilweise unter Bedingungen, die es auf keinem ATP-Turnier gibt. "19 Jahre alte angetrunkene Studenten, Trash Talk von den Tribünen - da geht's zur Sache", sagt Koepfer. "Aber das stählt."

Seine Studienzeit ist auch der Grund, warum Koepfer in seiner Heimat kaum bekannt ist. Wer in den USA am College spielt, bewegt sich außerhalb des deutschen Radars. Im Kindes- und Jugendalter spielte Koepfer genauso gerne Golf wie Tennis und fuhr passioniert Ski. Erst mit 16 Jahren, als andere schon bei internationalen Turnieren antraten, nahm er Tennis etwas ernster, trainierte "drei- bis viermal die Woche, nicht mehr nur ein- oder zweimal", wie er sagt.

"Manchmal kamen fünf Zuschauer"

In die US Open war er mit dem Ziel gegangen, die drei Qualifikationsrunden zu überstehen und ins Hauptfeld zu kommen. Er schaffte es bis ins Achtelfinale. In seiner bisherigen Karriere hat der Linkshänder seit 2016 laut atptour.com 332.732 US Dollar eingespielt, in New York erspielte er sich nun 280.000 Dollar.

"Ich habe mich von Match zu Match gesteigert", sagte Koepfer. Bislang waren seine Bühne vor allem zweitklassige Challenger-Turniere. Wer dort aufschlägt, spielt oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. "Manchmal", so Koepfer, "kamen fünf Zuschauer. Ab und zu war auch nur mein Trainer da."

Und deshalb hätte der Kontrast am Sonntag größer gar nicht sein können, als Koepfer im Armstrong Stadium einlief. Dass das Match zum Heimspiel wurde, lag zum einen daran, dass die Amerikaner Underdog-Stories wie die seine lieben. Außerdem ist Medwedew für die New Yorker der Badboy, seit er in der Runde zuvor einem Ballkind das ihm angebotene Handtuch aus der Hand riss und sich danach mit dem Mittelfinger an die Schläfe tippte.

Daniil Medwedew: "Mach nur so weiter"
Jason DeCrow / AP

Daniil Medwedew: "Mach nur so weiter"

Koepfer spielte, als säßen da nicht knapp 10.000 Zuschauer um ihn herum. Als wäre das hier nicht das wichtigste Spiel seiner bisherigen Karriere. Der Mann, der sein weißes Basecap so trägt, als hätte er es eilig und deshalb keine Zeit gehabt, es richtig aufzusetzen, führte 6:3, 2:0. Dann aber drehte Medwedew auf.

Koepfer dürften auch die Belastungen der vergangenen Wochen zu schaffen gemacht haben. Von allen Achtelfinalisten musste er aufgrund der Qualifikation den längsten Weg zurücklegen. Das Match gegen Medwedew war sein siebtes in New York. "Mach nur so weiter, dann wirst du ein unglaublicher Spieler", sagte ihm Medwedew beim Handschlag am Netz.

Er wisse, sagte Koepfer, dass "dieser Lauf mein Leben verändern wird".



insgesamt 4 Beiträge
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Sibylle1969 02.09.2019
1.
Schön, dass solche Geschichten im Tennis möglich sind. Eine günstige Auslosung und in einer frühen Runde einen gesetzten Spieler schlagen, auf diese Weise schafft es immer wieder mal ein Underdog ins Achtelfinale eines GS-Turniers.
telarien 02.09.2019
2. Danke!
Koepfer hatte technisch was zu bieten, besonders beeindruckt hat mich seine mentale Stärke. War sehr schön mit anzusehen.
jean-baptiste-perrier 02.09.2019
3. Koepfer mit OE! - Ein Name den man sich merken sollte!
@redaktion und andere - - - - - Wichtig: Laut Aussage von Matthias Stach während der Übertragung (Eurosport) heißt der Junge tatsächlich Koepfer mit OE und nicht mit Ö. Das OE ist also keine englische Variante sondern entspricht dem Nachnamen im deutschen Original! - - - - - Zum Tennis: Nun im Achtelfinale müsse so ein Qualifikant doch entzaubert werden, haben wohl viele gedacht. Doch dies war definitiv nicht der Fall. Gut, im ersten Satz wirkte der Weltranglisten-Sechste Medvedev nicht wirklich fit. Er machte viele Unforced Errors und auch sein Aufschlag war eher zahm. Sobald Koepfer das Spiel schneller machte, bekam der Russe Probleme. Ab dem dritten Spiel des zweiten Satzes steigerte sich Medvedev sprunghaft auf das Niveau welches man an seiner Weltranglistenplatzierung ablesen kann. So gut wie kaum noch Unforced Errors und gleichzeitig hatte er plötzlich sehr viele freie Punkte durch seinen sehr starken Aufschlag. Koepfer hielt dennoch weiterhin gut dagegen. Bei ihm schlichen sich jedoch mehr Unforced Errors ins Spiel. Zudem profitierte Medvedev von insgesamt 7 Netzrollern bei denen der Ball stets zu seinen Gunsten ins Feld fiel. Da war also neben der Brillianz von Medvedev auch eine Menge Pech für Koepfer im Spiel. Dennoch hatte Koepfer selbst noch eine Reihe von Breakchancen, die er jedoch nicht nutzen konnte. Im dritten Satz hatte Koepfer 3 Breakchancen in Folge (0:40) zum 3:1. Doch er konnte sie nicht nutzen, da Medvedev gerade unter Druck seine besten Aufschläge auf den Platz zimmerte. Im vierten Satz wurde Koepfer selbst wieder stärker. Die längeren Ballwechsel waren nun wieder ausgeglichen auf Augenhöhe. Medvedev hatte jedoch die kürzeren Aufschlagspiele, da sein bombensicherer Aufschlag immer schwerer von Koepfer zu returnieren war. Und so deutete schon vor Beginn des Tiebreaks vieles darauf hin, dass Medvedev durch diesen Aufschlagvorteil den Tiebreak klar dominieren würde. Und so kam es dann auch leider. Koepfer kann man absolut keinen Vorwurf machen. Er zeigte höchstens ein- zweimal im gesamten Match ein Zitterhändchen. Ansonsten war er nervenstark und spielte viel stärker als man dies einem ausgepowertem Qualifikanten im Achtelfinale gegen die Nr. 6 zutrauen würde.
jean-baptiste-perrier 02.09.2019
4. Koepfer in der Zukunfts-Perspektive
Medvedev hat vor ein paar Wochen zweimal Novak Djokovic besiegt und hat die meisten gewonnenen Matches 2019 überhaupt. Also nach Djokovic, Nadal, Federer und Wawrinka ist Medvedev derzeit wirklich der schwierigste Gegner der einem im Achtelfinale zugelost werden konnte. Und Koepfer schrammt da ganz knapp (Breakchancen 4 von 14, Medvedev 6 von 10) an einem Sieg vorbei. Chapeau! Beinahe schade dass es kein Aufeinandertreffen zwischen Koepfer und Zverev gab, da hätte Koepfer mit der gestern gezeigten Leistung leicht und locker in die Fußstapfen Kohlschreibers treten können (Zverev K.O. 2018 in New York). Koepfer kann handwerklich richtig gutes Tennis spielen und hat derzeit eine mentale Stärke wie die absoluten Top-Leute. Wenn er das so auch zukünftig bringen kann und sich womöglich noch verbessert, dann sollte er sich unter den Top 80 locker (!) etablieren. Er könnte mit seiner guten Mentalität mindestens so eine Art deutscher John Millman (AUS) oder Daniel Evans (GB) werden. Im Vergleich mit Millman und Evans ist Koepfer jedoch ein wesentlich besserer Tennisspieler in Bezug auf das komplette Schlagrepertoire. Wenn man krampfhaft eine kleine Schwäche sucht, dann ist es der Stopball. Eine besondere Stärke selbst unter großer Bedrängnis ist ein knapp über dem Boden gespielter defensiver Slice, der mit relativ hohem Tempo knapp über die Netzkante zurück ins Feld des Gegners rast. Mit dem hier bei den US Open gezeigtem Potential würde ich Koepfer zu gerne auch mal gegen Leute wie Tsonga, Goffin oder auch Dimitrov sehen. Gut, vielleicht war das jetzt der einmalige Höhepunkt in Koepfers Karriere und er wird nie wieder dieses Niveau erreichen. Sollte er sich hingegen sogar noch verbessern, dann wird dieser Koepfer jedoch ein Top 30 Spieler. Ich bin wirklich gespannt wie das mit Koepfer weitergeht. Selbst Spielern die im Ranking eng um die Top 10 oszillieren, könnte er an guten Tagen gefährlich werden. Ausgehend von den Eindrücken in den vier Matches der Hauptrunde (Quali hab ich leider nicht gesehen). Das mag eine sehr gewagte Hochrechnung auf einer verschwindend geringen Daten-Basis sein. Doch nur wer wagt, der auch gewinnt. Ich setze klar auf Koepfer! Weiter so und wir werden noch tolle Matches in Zukunft von ihm sehen. Nie mehr Quali für Koepfer, sonden direkt in die Hauptfelder!
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