Einstiges Tennis-Wunderkind Capriati Unglücklich auf dem Thron

Derzeit ist die 15-jährige Cori Gauff das große Tennis-Versprechen. Jennifer Capriati war noch zwei Jahre jünger, als sie Turniere gewann und die Welt sich in sie verliebte. Doch darauf war das Wunderkind nicht vorbereitet.

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Es gibt ein Bild von Jennifer Capriati, aufgenommen vor knapp einem Jahr, sie steht auf einem Tennisplatz und lächelt. Sie trägt eine blaue Seidenbluse, neben ihr posieren Petra Kvitova und Elina Svitolina, sie halten ihre Schläger. Capriati aber hat ihre Hände frei, eine hat sie auf die Netzkante gelegt.

Es ist das bis heute letzte öffentliche Bild von Capriati auf einem Tennisplatz. Es ist überhaupt eines der letzten Bilder, das es von der inzwischen 43-Jährigen gibt. Capriati und die Öffentlichkeit, das passt - sollte es überhaupt je einmal anders gewesen sein - schon lange nicht mehr zusammen. Es ist wie blaue Seidenbluse und Tennisplatz. Geht, wird aber schnell unbequem.

Im Oktober 2018 verlor sich das einstige Wunderkind als Botschafterin der Frauen-Tennis-Vereinigung WTA während der Finals vor dem Duell Kvitova gegen Svitolina an der Netzkante. In der Fragerunde zu diesem Auftritt sagt sie: "Ich bin froh, hier zu sein. Es ist großartig, zurückzukommen und alle wiederzusehen und auch die aktiven Spielerinnen zu erleben. Ich bin so glücklich!" Danach hört die Welt wieder monatelang nichts von ihr. Ein kurzes Aufflackern, keine Kommentare zu ihrem heutigen Leben. "So viel wurde öffentlich. Aber ich denke, alle von uns haben gerne ein Privatleben."

An der Seite von Petra Kvitova (links) und Elina Svitolina: Jennifer Capriati im Oktober 2018
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An der Seite von Petra Kvitova (links) und Elina Svitolina: Jennifer Capriati im Oktober 2018

Capriati ist seit 2012 Mitglied der Tennis Hall of Fame. Doch wirklich präsent ist sie nur noch, wenn wieder ein Teenager für Furore sorgt, wie zuletzt die 15-jährige Cori Gauff in Wimbledon. Dann werden die historischen Vergleiche gezogen mit der damals als "achtes Weltwunder" titulierten Capriati aus New York, die es schon prominent in die großen US-Zeitungen schaffte, bevor sie mit 13 bei ihrem ersten Profiturnier ins Finale kam.

Es war nicht überraschend, als Capriati schon damals beim Anblick des riesigen Rummels um ihre Person sagte: "Ich glaube, die Medien sind ein wenig außer Kontrolle." Es folgten erfolgreiche Jahre, French-Open-Halbfinale mit 14, Top Ten im selben Jahr, viele weitere Rekorde. Dann: Olympia-Gold 1992 im Finale von Barcelona gegen die große Steffi Graf. Capriati ist 16. Kann ein junger Mensch eine derartige Entwicklung kontrollieren?

Im Alter von neun Jahren hatte Capriati ein Tennis-Camp besucht, Paul Fein zitiert in seinem Buch "Tennis Confidential" die offizielle Bewertung der Hoffnungsträgerin. Es ist eine Art Vorahnung, noch ist alles unter Kontrolle. "Sie hat viel Potenzial und sollte sorgsam aufgebaut werden. Der Spaß muss im Vordergrund stehen! Seien Sie vorsichtig und treiben sie die Entwicklung nicht zu schnell voran." Sieben Jahre später sagt Capriati nach einem verlorenen Match gegen Gabriela Sabatini bei den Australian Open: "Es lastet viel Druck auf mir. Vielleicht, weil alles nun sehr ernst ist."

Mit 16 Jahren Olympiasiegerin: Jennifer Capriati (links) schlägt Steffi Graf im Finale von Barcelona 1992
AP Photo/Michel Lipchitz

Mit 16 Jahren Olympiasiegerin: Jennifer Capriati (links) schlägt Steffi Graf im Finale von Barcelona 1992

Für ihre Eltern und vor allem ihren Vater Stefano ist es nie ein Spaß. Jennifer findet sich schon im Alter von zehn Tagen mit ihrer Mutter, die an ihrer Figur arbeiten will, auf dem Tennisplatz wieder. Sie lernt dort krabbeln, immer hinter dem Filzball her. Ihr Vater, Stuntman aus dem italienischen Brindisi, legt ihr laut "People Magazine" ein Kissen unter den Rücken und lässt sie Situps machen, da ist sie noch ein Baby. Mit drei hat sie ihren ersten richtigen Schläger in der Hand, mit fünf bekommt sie Unterricht vom Vater der US-Tennislegende Chris Evert. Ihre Familie zieht für die Karriere ihrer Tochter nach Fort Lauderdale - Jennifer ist damals noch im Kindergarten.

Capriati ist auf die mediale Aufmerksamkeit nicht vorbereitet

Später folgt der Umzug direkt in ein Tennis-Resort in Saddlebrook, Florida. Im Alter von zwölf Jahren deklassiert Jennifer Capriati auch deutlich ältere Konkurrentinnen, der Vater drängt die Tour auf eine Ausnahmegenehmigung. Erst mit 14 zu den Profis? Zu spät, findet er. "Sie ist ein so glückliches Mädchen. Sie will doch nur Tennis spielen", sagt Stefano Capriati. Wenig später spielt sie mit 13 in Boca Raton, Florida, ihr erstes Profiturnier, alle großen Medienanstalten berichten von vor Ort. Capriati unterschreibt ihren ersten Sponsorenvertrag. Ihr Lohn: fünf Millionen US-Dollar.

Das US-Tennis lechzt nach einer Nachfolgerin von Chris Evert. Erschöpft von der Suche und beseelt vom Glauben, nun endlich fündig geworden zu sein, zieht die Tenniswelt das Talent mithilfe der Eltern vom Court - und setzt sie auf einen Thron. Auf dem Platz, nahe der Netzkante, verwandele sich das "Dream-Teen" ("Sports Illustrated") laut Ex-Coach Rick Macci in eine "Killerin". Je weiter das Netz entfernt ist, desto mehr verliert sie jedoch sie die Kontrolle. Die mediale Aufmerksamkeit, die Sponsoren, der Druck - Capriati ist darauf nicht vorbereitet.

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16  Bilder
Jennifer Capriati: Mit 16 Olympiasiegerin, mit 18 unter Arrest

Der "New York Times" sagt Capriati 1994: "Ich habe mich so gefühlt, wie ich gespielt habe. Und wenn ich schlecht gespielt habe, habe ich zwar gesagt, damit kann ich leben, aber in Wahrheit konnte ich es nicht. Ich dachte dann, niemand mag mich."

Tennis war alles. Und ohne Erfolg alles nichts. Im August 1993 kehrt sie nach einer Erstrunden-Niederlage bei den US Open dem Tennisplatz den Rücken. Wenige Monate später wird sie wegen Ladendiebstahls verhaftet, der Ring, den sie klaut, kostet 15 US-Dollar. Es ist der Anfang einer langen Boulevardkarriere. Sie kehrt zwar furios auf den Tennisplatz zurück, gewinnt 2001 und 2002 drei Grand Slams. Doch die Erfolge sind kurzweiliger als die Abstürze. 2004 spielt sie im Alter von 28 ihr letzten Profimatch. Die sportliche Geschichte, so verheißungsvoll gestartet, endet in Philadelphia mit einem 0:6, 1:6 gegen Vera Zvonareva.

"Aber ohne Tennis, wer bin ich dann?"

Die Erzählung der Jennifer Capriati aber geht weiter. Mitte der Neunzigerjahre war sie wegen Marihuana-Besitzes verhaftet worden, es folgen bis heute Drogentherapien, Gerüchte über Essstörungen, Depressionen, Berichte über einen Selbstmordversuch. 2013 zeigt sie ein Ex-Liebhaber wegen Stalking an, spricht unter anderem von hundert Anrufen an einem Tag, es gibt eine außergerichtliche Einigung.

Capriati versucht sich eine Zeitlang mit Twitter, es ist 2016 und sie echauffiert sich ausdauernd, vor allem über Hillary Clinton, die damalige US-Präsidentschaftsbewerberin. Dafür huldigt sie immer wieder ihrem Vater, der 2015 starb.

Einmal schreibt sie: "Wir haben keine Kontrolle darüber, was andere tun. Wir können nur kontrollieren, was wir glauben und denken und wie sehr du jemandem erlauben willst, dich zu verletzen."

Doch auch diese Zeiten aufblitzender Einsichten in das Seelenleben des einstigen Tenniswunders sind vorbei. Capriati soll in einem mondänen Wohnungskomplex auf Singer Island, Florida, wohnen, mit Blick auf den privaten Strand. Sie schweigt und lässt so Interviews von früher für sich sprechen. 2007 sagte sie in der "New York Daily News": "Tennis hat meinem Leben eine Struktur gegeben. Aber ohne Tennis, wer bin ich dann? Manchmal fühlt es sich an wie ein Dämon. Tief drinnen fühle ich mich abscheulich." Die Netzkante, die Halt gibt, ist zu diesem Zeitpunkt ganz weit weg.

Das Bild aus dem Oktober 2018, es erzählt vermeintlich also von einer nun besseren Zeit.

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Cogitatio33 30.08.2019
1. Wirklich gut geschrieben
Ich selbst bewundere Coco Gauff auf dem Tennisplatz, was für eine Inspiration - muss mich aber auch parallel fragen, wie sie das alles verarbeiten wird. Als Mensch, nicht als Spielerin. Die spielerische Klasse ist eine Sache, und die mentale Stärke nochmal eine ganz andere. So sehr ich Bewunderung für solch eine Stärke habe, so sehr fürchte ich auch, dass es einen Zeitpunkt in Coco´s Leben geben wird, in dem sich alles drehen könnte. Ich wünsche ihr hierfür viel Kraft und ein ausgewogenes und sorgsames Umfeld, dass sie bei all dem Hype nicht nur als Tennisspielerin entwickeln lässt, sondern auch als Frau, als Mensch. Capriati hat einen sehr schweren Weg hinter sich - und ich hoffe dass es Gauff leichter und ein wenig unbeschwerter ergeht.
beckersheinz215 30.08.2019
2. Kinderstars
Da scheiden sich halt die Geister. Einerseits bin ich der Meinung: Ein Kind ist ein Kind und braucht eine Kindheit. Der ganze Selbstverwirklichungs-Terror der Eltern ist eine Plage. Gibts überhaupt Kinderstars, die nicht völlig abgestürzt sind und am Leben scheitern? Andererseits: Irgendwie würde der Menschheit ja auch was fehlen. Denn "leider" führt sowas ja auch zu großartigem. Stellen Sie sich mal vor, der überaus strenge Leopold Mozart hätte seine Kinder nicht an die Instrumente geprügelt, und im Alter von 6 Jahren wochenlang mit Kutschen durch Europa geschleift. Oder der Vater der Jackson Family. Oder halt die Capriatis uvm. Aber letztendlich ist es ja Zufall, ob auch Talent da ist. Den gefundenen "Stars" stehen vermutlich Millionen Kinder gegenüber, die genau so "misshandelt" (nichts anderes ist das objektiv) werden und leiden, es aber nie zu etwas schaffen und abseits der öffentlichen Wahrnehmung abstürzen.
Mesi0013 30.08.2019
3. Fehlinterpretation
Das Schlimme ist weniger das Tennisspiel oder die fehlende Zeit um Kind bzw. Jugendliche zu sein, mit all den damit verbundenen Sonderheiten bis man sagen kann wer man eigentlich ist und wie die eigenen Bedürfnisse sind. Das Schlimme sind die Medien, die sich berufen fühlen entsprechend verheisungsvolle Charaktere in die mediale Öffentlichkeit zu zerren. Der Markt sei eröffnet. 13 Jahre, dann ist locker 20 Jahre eine mediale Ausbeutung zu erwarten und -Dank des Alters- Aufreißer wie "erster Freund", "erster Rausch", "erster Liebeskummer" usw usf. Der Mensch dahinter interessiert nicht, wichtig ist der Erreichungsgrad und die Auflage. Ist der eigentliche Grund der Berühmtheit erloschen, dann empfiehlt sich die mediale Verwertung mittels skandalöser Tendenz, siehe Boris Becker. Die Auflage muss schließlich stimmen. Alles wäre halb so schlimm gäbe es eine ethische Zurückhaltung der Medien. Als nationaler Star kann man anonym ins Ausland entfliehen, als globale Berühmtheit bleibt dann noch das lebenslängliche Gefängnis an seinem Rückzugsort um dem medialen Heißhunger nicht zur Verfügung zu stehen. Mehr Selbstkritik hätte dem Artikel gut getan.
jean-baptiste-perrier 30.08.2019
4. Hochjubeln und später Verdammen!
Mesi0013 hat geschrieben: "Ist der eigentliche Grund der Berühmtheit erloschen, dann empfiehlt sich die mediale Verwertung mittels skandalöser Tendenz, siehe Boris Becker. Die Auflage muss schließlich stimmen. Alles wäre halb so schlimm gäbe es eine ethische Zurückhaltung der Medien. Als nationaler Star kann man anonym ins Ausland entfliehen." - - - - - Zitat Ende - - - - - Wo sie Boris Becker erwähnen: Ist es in Deutschland im internationalen Vergleich nicht besonders extrem? Becker gilt dem Durchschnitts-Deutschen seit Jahren als Trottel der nicht mit Geld umgehen kann. International geniesst Becker jedoch noch großes Ansehen (nicht nur bei sich zuhause in Wimbledon)! Kann das eventuell historisch erklärt werden, dass in Deutschland bei großen Erfolgen die breite Masse sich allseitig auf die Schulter klopft und sich später beim Scheitern umso stärker vom einstigen Idol durch Abwertung distanziert? Man ist nationalen Idolen mit großen Ambitionen in zwei Weltkriege gefolgt und hat sich nach dem Scheitern von ihnen distanziert. Wir mussten ja, haben es aber schon immer gewußt, dieser Herr mit dem Bart war verrückt und schon immer nur eine Eintagsfliege. Erst grenzenlos hochjubeln und später dann vollkommen verdammen ist ein wiederkehrendes Muster besonders in Deutschland. Für differenzierte Zwischentöne findet man wenig Gehör hierzulande.
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