Möglicher Karriereabschied von Roger Federer Das Ende ist nah

Erstmals spricht Tennisstar Roger Federer über ein mögliches Comeback nach seiner schweren Knieverletzung. Wimbledon droht er zu verpassen. Die Welt muss sich darauf vorbereiten, dass einer der größten Sportler langsam abtritt.
Roger Federer: Der Herr der Gentlemen

Roger Federer: Der Herr der Gentlemen

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Ryan Pierse / ATP Tour / Getty Images

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Rücktritt? Diese Frage müssen sich alle Sportlerinnen und Sportler irgendwann stellen. Und oft ist die Entscheidung eine der schwierigsten der Karriere. Besonders bei den Größten des Weltsports, denn an ihnen wird oft am meisten gezerrt.

Boxer Muhammad Ali ging mit einer Niederlage. Schwimmer Michael Phelps kam nach einer Pause wieder und beendete die Laufbahn mit der 23. Olympia-Goldmedaille. Jaromír Jágr spielt mit 49 immer noch Eishockey. Valentino Rossi, 42, fuhr noch zwölf Jahre nach seinem insgesamt neunten WM-Titel Motorrad und trat erst am vergangenen Wochenende zurück.

Um Roger Federer ranken sich seit Monaten Rücktrittsgerüchte. Der 40 Jahre alte Schweizer hielt sich lange mit Einschätzungen zurück, doch nun hat sich Federer zu seiner Situation und den Chancen auf ein Comeback geäußert. Seine Botschaft lautet: Er will wieder professionell Tennis spielen. Doch es schwingen sehr viele Zweifel mit.

Besondere Beziehung zu Wimbledon

»Die Ärzte sagen, dass ich im Januar wieder leicht joggen und allmählich auf den Court zurückkehren kann. Sanft«, sagte Federer in einem Interview mit dem  »Tagesanzeiger «. Er habe schon ein wenig Tennis mit seinen Kindern gespielt. »Im März oder April kann ich dann wieder mit einem Tennis-ähnlichen Training beginnen, mit Ausfallschritten und komplexeren Bewegungen. Und natürlich muss ich die gesamte Kondition wieder aufbauen, die für Tennis auf sehr hohem Niveau notwendig ist.«

Somit wird Federer die Australian Open im Januar verpassen. Die French Open (Ende Mai 2022) würde er womöglich sogar im gesunden Zustand meiden, die rote Asche von Paris und Federer – das war immer eher ein Zweckbündnis. Ganz anders als mit Wimbledon. Wenn der Rasenplatz in London für Boris Becker das Wohnzimmer war, so beansprucht Federer die restliche Wohnung für sich. Achtmal gewann Federer Wimbledon, vier weitere Male stand er im Finale, hier bestritt er sein bis dato letztes Match. Gegen Hubert Hurkacz, im Viertelfinale 2021. Er verlor in drei Sätzen.

Bei Federer schwingt in jedem Wort die Sehnsucht mit, noch mal auf den Tenniscourt zurückkehren zu können. Wimbledon wäre für ihn der Clou, dort, wo er den ersten seiner insgesamt 20 Grand-Slam-Titel gewinnen konnte. Dort, wo sein Ruhm, sein Mythos, seine Fairness den Gegnern gegenüber und seine Eleganz besonders gestrahlt haben. Federer ist im Tennis, dem Sport der Gentlemen, der Herr aller Gentlemen. Kritiker können mit Federers Perfektion nicht so viel anfangen, doch er gehört zu den beliebtesten Sportlern auf dem Planeten.

Umso gebannter schaut nun die Öffentlichkeit, wie es bei ihm weitergeht.

»Die Wahrheit ist, dass ich unglaublich überrascht wäre, wenn ich in Wimbledon schon wieder spielen würde«, sagte Federer.

Mit den Kindern Ski fahren oder mit Freunden Fußball spielen

Nach seiner Niederlage gegen Hurkacz im vergangenen Sommer musste sich Federer zum wiederholten Male einer Knieoperation unterziehen. Der Meniskus seines rechten Knies musste genäht werden, gleichzeitig wurde auch sein Knorpel behandelt – und das macht den Reha-Prozess so langwierig. Knorpelschäden sind kompliziert und haben schon viele Athletinnen und Athleten zum Abschied vom Leistungssport gezwungen.

Roger Federer und Wimbledon, eine ganz besondere Beziehung

Roger Federer und Wimbledon, eine ganz besondere Beziehung

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TOBY MELVILLE / REUTERS

Federer habe die OP vor allem machen lassen, »um in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit meinen Kindern Ski fahren oder mit meinen Freunden Fußball oder Tennis spielen zu können. Meine primäre Motivation war es, mich für mein normales Leben wieder in Form zu bringen.« Gleichzeitig wolle er die Reha »mit der Mentalität und dem Körper eines Spitzensportlers« absolvieren.

Er wisse, dass das Ende nah ist, doch letztlich sei es egal, ob er in der kommenden Saison oder doch erst 2023 zurückkehre.

Aber liegt Federer damit richtig?

Seit er im Oktober 2019 in Basel sein letztes Turnier gewinnen konnte, hat Federer nur 23 Matches bestritten. Und die Konkurrenz wird jünger, besser und ist in jedem Fall fitter. Tennis entwickelt sich stetig weiter, die Leistungsdichte an der Spitze ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Federer drohen unwürdige Erstrundenniederlagen, gegen unbedeutende Gegner. Vielleicht wäre ein Viertelfinale in Wimbledon doch der angemessene Zeitpunkt für einen Rücktritt gewesen.

Federer will sich bei den Fans bedanken

Federer, der abseits der Tennisplätze seit Jahren an seiner Verwandlung zum Geschäftsmann arbeitet und für die Zeit nach der Karriere gerüstet scheint, sieht das anders: »Was für ein Bild werden die Leute von mir in Erinnerung behalten? Meinen letzten Satz in Wimbledon im vergangenen Juli? Oder meine Grand-Slam-Titel und was es bei ihnen auslöste, als sie mir beim Spielen zugesehen haben? Ich tippe auf Zweiteres.«

Völlig sicher scheint sich Federer aber nicht zu sein. Denn an anderer Stelle sagt er, die ganzen Mühen in der Reha nehme er auf sich, um »mich bei den Fans zu bedanken. Sie haben Besseres verdient als das Bild, das meine Rasensaison hinterlassen hat.«

Federer spricht beim Zeitpunkt eines Rücktritts von einer sehr persönlichen Entscheidung. Dennoch wird die Welt genau hinsehen.

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