Eigenmächtige Verlegung in den Herbst Wie die French Open einen Tennis-Machtkampf ausgelöst haben

Auch im Tennis ist unklar, wann wieder Turniere gespielt werden können. Trotzdem haben die French Open ohne Absprache einen neuen Termin gewählt - und bringen Spieler, Verbände und Veranstalter gegen sich auf.
Von Philipp Joubert und Marcus Krämer
Die French Open sind eines der wichtigsten Tennisturniere der Welt

Die French Open sind eines der wichtigsten Tennisturniere der Welt

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Tennis ist ein Sport von Individualisten. In den Weltranglisten sind mehr als 3000 Spielerinnen und Spieler gelistet, jeder kämpft für sich. Wie in fast allen anderen Sportarten ruht wegen der Coronakrise derzeit auch der Tennisbetrieb. Viele Spieler können nur noch im Ausdauerbereich trainieren, niemand kann einschätzen, wann wieder professionell Tennis gespielt werden kann.

In dieser ungewissen Lage ist am Dienstag mit den French Open ein Turnierveranstalter vorgeprescht und hat in einem Alleingang einen neuen Termin für den zweiten Grand Slam des Jahres bekanntgegeben. Ursprünglich sollte in Paris vom 24. Mai bis 7. Juni gespielt werden. Der französische Tennis-Verband mit Präsident Bernard Giudicelli wollte unter allen Umständen vermeiden, ein ganzes Jahr aussetzen zu müssen und verlegte die French Open auf die Wochen zwischen dem 20. September und dem 4. Oktober. So geht Roland Garros den Olympischen Spielen und den US Open aus dem Weg und trotzdem sind noch Spiele unter freiem Himmel denkbar.

Zunächst war unklar, ob es sich tatsächlich um ein französisches Solo gehandelt hatte, auch wenn die Reaktionen einiger Profis genau das vermuten ließ. So twitterte die ehemalige Weltranglistenerste Naomi Osako ein kurzes "excusez moi???"  (Entschuldigung?) und Vasek Pospisil, kanadischer Tennisprofi und als Mitglied des Spielerrats der Männerorganisation ATP gut vernetzt, ließ über seine sozialen Kanäle verbreiten: "Das ist Wahnsinn. Keine Kommunikation mit den Spielern oder der ATP. Wir haben nichts zu sagen in diesem Sport."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Am Mittwoch folgte eine gemeinsame Mitteilung der ATP und der WTA, dem organisatorischen Pendant der Frauen-Tour. Vorerst bis zum 7. Juni wird kein Tennis gespielt, die Plätze in der Weltrangliste werden bis dahin eingefroren. Die French Open wurden nicht erwähnt, es gab auch keine Informationen darüber, wie der Turnierkalender im weiteren Verlauf des Jahres aussehen könnte. Wie groß der Affront der French Open gewesen sein muss, zeigt das Ende der Mitteilung:

"Nun ist nicht die Zeit, einseitig zu handeln, sondern im Einklang. Alle Entscheidungen im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Coronavirus erfordern eine angemessene Überprüfung aller Beteiligten am Spiel." Eine Ansicht, die von ATP, WTA, dem Tennisweltverband ITF sowie den Veranstaltern der anderen drei Grand-Slam-Turniere (Australian Open, Wimbledon, US Open) geteilt werde.

Im Tennis steht ein Machtkampf bevor

Es läuft unweigerlich - unabhängig davon, ob 2020 in dieser globalen Sportart überhaupt noch gespielt werden kann - auf einen Machtkampf hinaus. Der neue French-Open-Termin liegt eine Woche nach den US Open. Zwei der wichtigsten Turniere auf unterschiedlichen Belägen (Hartplatz und Sand) und Kontinenten reihen sich innerhalb kürzester Zeit aneinander. Es ist schwer vorstellbar, wie die Topspieler innerhalb von fünf Wochen ernsthaft um zwei Grand-Slam-Titel kämpfen können. Die US Open erwägen deshalb auch eine Verlegung, Wimbledon (29. Juni bis 12. Juli) hat sich bisher noch nicht geäußert.

Die Terminfindung der Grand-Slam-Turniere ist das eine. Das neue Datum der French Open setzt jedoch bei den Frauen insgesamt fünf, bei den Männern sogar sechs Veranstaltungen unter Termindruck, darunter die ebenfalls in Frankreich ausgetragenen Moselle Open und der Laver Cup. Das ist ein sportlich unbedeutender Wettkampf zwischen einem europäischen Team und einem mit Spielern aus dem Rest der Welt. Mitorganisiert wird das Turnier von Roger Federer, der in den vergangenen Jahren dank seiner Stellung und Beliebtheit in der Tenniswelt viele Topspieler wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Alexander Zverev für den Laver Cup engagieren konnte. Ein freiwilliger Verzicht auf den Termin Ende September kommt für die Organisatoren nicht infrage.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dieser Konflikt zeigt, wie kompliziert die Lage im Tennis mit ganz unterschiedlichen Interessenvertretern ist:

  • Die International Tennis Federation (ITF) ist als Zusammenschluss der nationalen Verbände zwar eine Art Weltverband und legt die Tennisregeln fest. Sie hat aber nur Einfluss auf Davis Cup, Fed Cup und das Turnier bei den Olympischen Spielen.

  • ATP und WTA sind prinzipiell die Gewerkschaften der Profis, dort vereinen sich jedoch neben den Spielern auch die Turnierveranstalter. Das führt zu Auseinandersetzungen, zuletzt zu sehen bei den Australian Open, als sich die Profis bei der Beeinträchtigung durch die Buschfeuer nicht genügend gehört fühlten.

  • Daher lassen die Spielerinnen und Spieler, angeführt von Vasek Pospisil, von einer Anwaltskanzlei prüfen, ob sich sich - ähnlich wie in den amerikanischen Sportarten - zu einer reinen Gewerkschaft zusammenschließen können. Dann könnten sie in direkte Verhandlungen mit den beiden Touren und den Grand-Slam-Turnieren treten.

  • Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open organisieren sich unabhängig von ATP und WTA und haben dank ihrer Bedeutung eine besondere Machtfülle.

  • Roger Federer nimmt mit seiner Agentur Team8, die mittlerweile auch Zverev betreut, eine Sonderrolle ein. Der Laver Cup zwang den Davis Cup ans Ende der Saison. Der wiederum wetteifert mit dem von ATP und australischem Verband organisierten ATP Cup.

In einem Sport mit 69 Männer- und 67 Frauen-Turnieren pro Jahr kommt es für Pospisil deshalb besonders darauf an, gemeinsam zu kommunizieren und dann Entscheidungen bezüglich eines neuen Turnierkalenders zu treffen, wie der Kanadier in dem Podcast "Beyond the Baseline"  erzählt. "Es kann nicht sein, dass jedes Turnier sein eigenes Ding macht. Dann haben wir Anarchie", sagt er. Die abgesagten Turniere gehen unterschiedlich mit der Situation um, während München (27. April bis 3. Mai) einen neuen Termin anpeilt, spricht das Masters in Madrid (3. Mai bis 10. Mai) von einer Komplettabsage.

Die French Open wiederum, wegen Investitionen in Höhe von 380 Millionen Euro in den vergangenen Jahren unter finanziellem Druck, hoffen dank ihrer Bedeutung als Grand Slam mit ihrem Alleingang durchzukommen. Pospisil hält einen Boykott einzelner Profis für unwahrscheinlich, die Spielerinnen und Spieler sollten besser zu einer gemeinsamen Lösung kommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.