Medwedews Finalniederlage bei den US Open Vom Bösewicht zum heimlichen Liebling

Er zeigte Fans den Mittelfinger, sie buhten ihn aus. Doch mit seinem Auftritt im Finale der US Open spielte sich Daniil Medwedew in die Herzen des Publikums. Bei der Niederlage gegen Rafael Nadal war er der heimliche Hauptdarsteller.

Hört die Anfeuerung zwischen den "Rafa"-Rufen heraus: Daniil Medwedew
Adam Hunger / DPA

Hört die Anfeuerung zwischen den "Rafa"-Rufen heraus: Daniil Medwedew

Von Philipp Joubert


Am frühen Montagmorgen deutscher Zeit beugte sich Rafael Nadal weinend nach vorne, während im New Yorker Arthur-Ashe-Stadion ein Video von seinen nun 19 Grand-Slam-Titeln gezeigt wurde. Nach fünf epischen Stunden hatte er zuvor das Finale der US Open 7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4 gegen Daniil Medwedew gewonnen. Die Triumphfeier schien gut vorbereitet - schließlich spielte hier Nadal. Doch so klar war es am Ende nicht.

Nach 341 gespielten Punkten und 289 zermürbenden Minuten fragte sein Gegner Medwedew mit Recht: "Wenn ich gewonnen hätte, was hätten sie dann nur auf dem großen Bildschirm gezeigt?"

Vermutlich den Wahnsinnslauf des 23 Jahre jungen Russen durch diesen Sommer und vor allem durch diese US Open. In den zwei Wochen in New York hatte Medwedew dem Publikum den Mittelfinger gezeigt und den Regen an Buhrufen mit ausgestreckten Armen auf sich einprasseln lassen. Sie hätten seine flapsigen Interviews und klugen Beobachtungen gezeigt. Die Bilder der Erschöpfung nach 23 Matches in den letzten 42 Tagen. Und natürlich wäre auf der Videoleinwand Medwedews Aufholjagd zu sehen gewesen. Nach einem Zweisatzrückstand war er sensationell zurückgekommen.

Nadal als ultimativer Endgegner

Innerhalb einer Woche schaffte es Medwedew vom Bösewicht zum Helden des Turniers. Dass das sportliche Happy End ausblieb, lag daran, dass sich Rafael Nadal mal wieder als ultimativer Endgegner erwies. Dabei kostete das Spiel dem Spanier einige Nerven. Selbst bei der Siegerehrung musste Nadal noch schlucken. Von "einem der emotionalsten Abende meiner Karriere", sprach der 33-Jährige. Nadal, der während der letzten anderthalb Jahrzehnte einige der epochalsten Matches der Tennisgeschichte gespielt hat, weiß, wovon er spricht.

Nadal feierte seinen 19. Grand-Slam-Titel. Der heimliche Hauptdarsteller war aber Medwedew
Getty Images/AFP

Nadal feierte seinen 19. Grand-Slam-Titel. Der heimliche Hauptdarsteller war aber Medwedew

Denn Medwedew erlief mit seinen langen Beinen auch nach mehr als vier Stunden noch jeden Ball, fand Winkel zum Kopfzerbrechen und behielt dabei stets die Balance und Nerven.

"Die Atmosphäre war die beste meines Lebens", sagte er in der Pressekonferenz. Zwischen all den "Rafa, Rafa"-Rufen hatte es auch Unterstützung der Zuschauer für Medwedew gegeben. Deswegen brauchte er nur ein Wort zur Einordnung. Er sprach von einem großartigen Sommer, einem großartigen Turnier und einem großartigen Match. "Daran werde ich ganz sicher auch noch mit 70 Jahren zurückdenken", sagte Medwedew.

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US Open: Episches Match in New York

Erinnerungen an del Potro

Die Geschehnisse des Sonntages ließen Erinnerungen an das US-Open-Endspiel der Herren vor zehn Jahren wach werden. Damals zog ein 20-Jähriger mit brutaler Wucht durchs Herrenfeld: Juan Martin del Potro gewann die US Open 2009 mit Siegen gegen Rafael Nadal und Roger Federer. Doch die Neuordnung der Tenniswelt blieb aus. Stattdessen folgte eine Dekade, in der 33 der 40 Grand-Slam-Titel zwischen Nadal, Federer und Novak Djokovic aufgeteilt wurden.

Wenn man sieht, wie ein junger Spieler wie Daniil Medwedew ein ganzes Teilnehmerfeld aufscheuchen kann, mag man sich wünschen, dass die Geschichte dieses Mal anders weitergeschrieben wird. Medwedew will seinen Teil dazu beitragen: "Ich bin in den letzten zwei Wochen gewachsen. Aber ich muss weiter machen und besser werden."

Noch besser.



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pommesbay 09.09.2019
1. Kluger
Kerl, der Medwedew, noch nie hab ich jemanden so intelligent Tennis spielen gesehen. Es wäre eine echte Bereicherung für die Tour, wenn sich dieser junge Mann mit seiner unkonventionellen Art dort etablieren könnte.
ItchyDE 09.09.2019
2.
Ich denke, das Publikum ist weniger Pro-Medvedev, sondern eher Anti-Nadal eingestellt.
meineeiermity 09.09.2019
3. Ganz großes Tennis
Medwedew hat mich mit seiner Art zu spielen begeistert. Wucht, Technik, Spielintelligenz und Kondition alles Top. Glückwünsch an Nadal, ist einfach ein krasser "Kämpfer".
Sibylle1969 09.09.2019
4.
Ich denke auch, dass Medvedev, wenn er gesund bleibt (del Potro war das ja nicht vergönnt) sicher in Zukunft um die großen Titel spielen wird. Ich hab gerade noch mal nachgeschaut: von den 40 GS-Titeln der letzten 10 Jahre gingen 15 an Djokovic und 13 an Nadal, 5 an an Federer, je 3 an Wawrinka und Murray und einer an Cilic. Eine ganze Generation an sehr guten Tennisspielern ging in Sachen Grand-Slam-Titel leer aus, ich denke da an Spieler wie Berdych, Raonic, Nishikori, Dimitrov (ob der mit 28 Jahren noch den großen Durchbruch schafft, bleibt abzuwarten). Die jungen Spieler stehen bereit, die alten abzulösen: Medvedev, Zverev, Thiem (der ist aber auch schon 26), Tsitsipas, Shapovalov...
Markus.Wohlers 09.09.2019
5. New Yorker Publikum ist unverschämt
Ich finde es gut wie Medvedev die Wogen geglättet hat, aber das New Yorker Publikum ist unverschämt. Sie haben den Champ und diesjährigen Defending Champion Novak Djokovic ausgebuht, weil der gute Mann verletzt das Spiel gegen Wawrinka aufgegeben hat. Das ist unterste Schublade. Novak ist der dreifache US Open Gewinner und kein Schurke.
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