US-Open-Siegerin Raducanu »Ich liebe jetzt einfach nur mein Leben«

Emma Raducanu hat als Qualifikantin sensationell die US Open gewonnen. Es ist die Spitze einer rasend schnellen Entwicklung: Vor wenigen Wochen in Wimbledon hatte die 18-Jährige dem zu großem Erwartungsdruck nicht standgehalten.
Us-Open-Siegerin Raducanu

Us-Open-Siegerin Raducanu

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Paul Zimmer / imago images/Paul Zimmer

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Die Geschichte von Emma Raducanu beginnt vor zwei Monaten. In ihrem ersten Grand-Slam-Turnier überhaupt war die 18-jährige Engländerin Anfang Juli völlig überraschend bis in Achtelfinale von Wimbledon vorgedrungen. Auf der Insel ergoss sich vom ersten Sieg an eine beispiellose Welle der Begeisterung über die Teenagerin. Eine Welle, die sie schließlich fast erdrückte.

Raducanu, die nur dank einer Wildcard überhaupt in Wimbledon dabei war, musste in ihrem Viertrundenmatch gegen die Australierin Ajla Tomljanovic beim Stand von 4:6 und 0:3 aufgeben. In einem Statement auf Instagram schrieb sie später, ihr sei schwindelig gewesen und sie habe Atemnot gehabt. Die Erfahrungen ihrer Wimbledon-Woche hätten sie eingeholt, sagte sie noch. Und dann folgte ein bemerkenswerter Satz: »Die letzte Nacht wird mir dabei helfen zu lernen, was es braucht, um an der Spitze zu performen.«

Etwas mehr als acht Wochen später steht die junge Frau nach einem ungefährdeten 6:4 und 6:3-Erfolg über die auch erst 19-jährige Kanadierin Leylah Fernandez in der größten Tennis-Arena der Welt, dem Arthur-Ashe-Stadion in New York, und reckt als Titelgewinnerin den Siegerpokal der US Open in die Luft.

Raducanu, die in Toronto geboren wurde und mit zwei Jahren mit ihren Eltern nach Bromley in Süd-London übergesiedelt ist, hat eine atemberaubende Entwicklung hinter sich. Das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres war erst ihr viertes Turnier überhaupt auf Profi-Level. Zwischen Februar 2020 und Juni 2021 hatte sie gänzlich darauf verzichtet, Tennis zu spielen. Der Schulabschluss genoss bei ihr eine höhere Priorität. Hinzu kam die Corona-Pandemie, die ihr das Reisen erschwerte.

Nie zuvor hatte Raducanu ein Turnier auf der Tour gewinnen können. In der Weltrangliste wurde sie vor den US Open an Position 150 geführt. Am Montag kommt das aktualisierte Ranking heraus, in dem die Engländerin auf Platz 23 erscheinen wird. Einen derartigen Quantensprung hat es im Damen-Tennis noch nicht gegeben.

In der Qualifikation hätte Raducanu beinahe schon aufgegeben

In New York bei den US Open hatte Raducanu inklusive der drei Spiele in der Qualifikation in zehn Matches nur ein einziges Mal eine kritische Situation zu überstehen. Das sagte ihr Trainer, Andrew Richardson, in einer Medienrunde vor dem Endspiel. In der zweiten Runde der Qualifikation gegen Mariam Bolkwadse aus Georgien lag die Teenagerin nach gewonnenem ersten Satz mit 3:5 hinten. Sie habe da abgewunken und eigentlich schon aufgeben wollen, sagte der Brite. Am Ende bog Raducanu doch noch den Satz und gewann dieses Match, das vor einer Handvoll Zuschauer auf einem der Außenplätze stattfand, mit 6:3 und 7:5. Dieser zweite Satz war übrigens der knappste in allen zehn Spielen, die Raducanu bei den US Open bestritten hat.

Zehn Matches, zehn Siege, 20:0 Sätze: Es sind für den Tennis-Sport aberwitzige Zahlen, die mit dem Titelgewinn der Engländerin bei den US Open 2021 für immer verbunden sein werden. Raducanu, der Vater ist Rumäne, ihre Mutter hat chinesische Wurzeln, hat Historisches geschafft. Nie zuvor hat ein Tennis-Profi, egal ob männlich oder weiblich, als Qualifikant ein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. Seit 2004 Maria Sharapova in Wimbledon war auch keine Major-Siegerin jünger als sie.

Raducanu im US-Open-Finale

Raducanu im US-Open-Finale

Foto: Paul Zimmer / imago images/Paul Zimmer

Gegen Fernandez, die als ungesetzte Teenagerin einen genauso fulminanten Lauf in New York hingelegt hatte, bewies Raducanu, dass sie in ihrem faszinierenden Entwicklungsprozess schon sehr weit ist. Auch weiter als die nur zwei Monate ältere Fernandez. Die 18-Jährige machte fast immer selber Druck und wartete nie auf Fehler ihrer Gegnerin. Raducanu war die Spielerin, die in diesem Finale mehr investierte, um den Titel zu holen. Immer wieder traf sie die Bälle in ihrem sogenannten Sweetspot, dem saubersten Treffpunkt. Cool und äußert abgeklärt spulte sie ihr Pensum ab und demonstrierte dabei hochklassiges und pures Tennis ohne jegliche taktische Spielchen und Gehabe. Mit einem Ass beendete Raducanu bezeichnenderweise das Match. Genau so spielen Champions.

»Ich bin sehr stolz darauf, dass ich über die gesamte Dauer des Turniers nichts an mich habe herankommen lassen«, sagte die Siegerin der US Open nach dem gewonnenen Finale. Diese erlernte Fähigkeit, ganz bei sich und in der Zone zu sein, sei ihr vielleicht »größter Triumph«. Das habe ihr geholfen, den Titel zu gewinnen. Und das sei auch der große Unterschied zu Wimbledon gewesen, sagte Raducanu. »Ich liebe jetzt einfach nur mein Leben«.

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