Deutsche Wimbledon-Überraschung Niemeier In der Fantasie eine Topspielerin

Jule Niemeier ist dem großen Publikum bisher kaum bekannt. Dabei hat sie vieles, um an die Spitze zu kommen. In Wimbledon ist der 22-Jährigen bereits ein Coup gelungen. Kann sie eine Lücke im deutschen Tennis schließen?
Aus Wimbledon berichtet Klaus Bellstedt
Jule Niemeier gewann in Wimbledon überraschend gegen die Nummer zwei der Welt, Anett Kontaveit

Jule Niemeier gewann in Wimbledon überraschend gegen die Nummer zwei der Welt, Anett Kontaveit

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Paul Zimmer / IMAGO

Für Jule Niemeier sind Siege bei Grand-Slam-Turnieren etwas völlig Neues. Erst recht in Wimbledon, erst recht gegen eine so namhafte Gegnerin wie Anett Kontaveit, immerhin die Nummer zwei der Weltrangliste. 6:4, 6:0 gewann Niemeier am Mittwoch, in nur 58 Minuten, sie steht nun in der dritten Runde des berühmtesten Rasenturniers der Welt.

Umso erstaunlicher war ihr unaufgeregter Auftritt nach dem Erfolg, dem größten ihrer Karriere. Wie schon im Spiel hatte sie sich beeilt, gerade mal eine halbe Stunde nach dem verwandelten Matchball trat sie vor die Presse, der Schweiß tropfte noch von ihrer Stirn. Niemeier sagte, dass das Spiel auf Rasen am besten zu ihr passen würde: »Harte Aufschläge, viele unterschnittene und tiefe Bälle, Stopps und immer wieder vor ans Netz gehen, das liegt mir einfach.«

Niemeiers große Stärke sind ihre Aufschläge

Niemeiers große Stärke sind ihre Aufschläge

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Rob Newell - CameraSport / CameraSport via Getty Images

Niemeier ist eine Newcomerin, aber eben auch keine Teenagerin mehr. Die Dortmunderin ist 22 Jahre alt, da lassen sich überraschende Siege etwas leichter verarbeiten. Es war eine Überraschung, vor allem in der Deutlichkeit, aber eben auch keine Sensation.

Wenn man sich ein wenig in der Szene umhört, wird schnell klar, dass mit Niemeiers Durchbruch eher früher als später zu rechnen war. »Sie muss Erfahrung sammeln und weiter die großen Turniere spielen«, sagte Angelique Kerber, die wie Niemeier am Mittwoch ihr Zweitrundenmatch gewann. Niemeier werde sicher Matches verlieren, die wehtun. »Aber dann kommen solche Siege wie gegen Kontaveit, die für Selbstvertrauen sorgen. Bei ihr kann man Hoffnung auf mehr haben, aber das war auch schon vor Wimbledon so.«

Eine Mischung aus Wucht und Intelligenz

Niemeiers Selbstbeschreibung klingt wie ein Best-of des Rasenspiels der neunmaligen Wimbledon-Siegerin Martina Navratilova. Hinzu kommt bei ihr – wie Tennisspieler gern sagen – ein wunderbarer »Touch«. Ein gutes und leichtes Händchen braucht man auf dem schnellen Belag vor allem auch deshalb, um für Überraschungsmomente zu sorgen. Ihr Stil erinnert manchmal ans Tennis der Neunzigerjahre, als es eher um Finesse, Strategie und Anmut ging, und weniger um Kraft, Ausdauer und harte Schläge.

Niemeiers größte Stärke sei ihr Aufschlag, sagt sie. Und auch da ist es wieder eine Mischung aus Wucht und Intelligenz: »Man kann manchmal nicht sehen, wohin ich aufschlage. Das macht es so schwer für meine Gegnerinnen.«

Angelique Kerber ist die beste deutsche Spielerin. Kann ihr Niemeier folgen?

Angelique Kerber ist die beste deutsche Spielerin. Kann ihr Niemeier folgen?

Foto: TOBY MELVILLE/ REUTERS

Erfolge von jungen deutschen Tennisspielerinnen wecken sofort Begehrlichkeiten. Kerber ist noch erfolgreich, aber wie lange noch? Julia Görges ist bereits zurückgetreten, Andrea Petkovic wird bald folgen. Wer kann diese große Lücke in Zukunft füllen? Niemeier hat das Potenzial.

Eine, die Niemeier gut kennt, ist Barbara Rittner, die Chef-Bundestrainerin des Deutschen Tennis-Bundes (DTB). »Jule besitzt alle Waffen für eine Spitzenspielerin«, sagt Rittner und lobt vor allem ihr kluge Spiel. Petkovic, die eine Art Mentorinnen-Rolle für sie übernommen hat, sieht es ähnlich: »Spielerisch ist sie für mich eine absolute Top-20-Spielerin. Das weiß sie, das sage ich ihr jeden Tag sieben bis achtmal.«

Erst Abitur, dann Profitennis

Dass Niemeier im Moment nur auf Position 97 der Weltrangliste geführt wird, hat viel mit früheren Verletzungen zu tun, eine Schulterblessur kosteten viele Monate. Die Coronapandemie nahm ihr in den vergangenen zwei Jahren den Rhythmus. Zudem entschloss sie sich – so wie es viele andere junge Spielerinnen und Spieler auf dem Weg ins Profigeschäft nicht tun – ihr Abitur zu absolvieren. Damit ist sie in Deutschland nicht allein, beim DTB wird Wert daraufgelegt, die Schule abzuschließen. Dadurch verlangsamt sich der Entwicklungsprozess, so auch bei Niemeier.

Niemeier: »Ich denke, dass ich fast jede Gegnerin schlagen kann, die hier ist«

Niemeier: »Ich denke, dass ich fast jede Gegnerin schlagen kann, die hier ist«

Foto: Paul Zimmer / IMAGO

In Deutschland gehört Niemeier zusammen mit Natasja Schunk und Eva Lys zur neuen Generation von Tennisspielerinnen. Diejenigen also, die auf Kerber, Petkovic, Görges und Sabine Lisicki folgen sollen. Aus unterschiedlichen Gründen ist die Lücke im DTB extrem groß, weil es in der Generation der heute Mittzwanzigerinnen – als Beispiele seien Anna-Lena Friedsam, Antonia Lottner oder Carina Witthöft genannt – nicht für die großen Erfolge gereicht hat.

Auch deshalb und weil die jungen Spielerinnen kaum gute Ergebnisse bei WTA-Turnieren vorweisen können, wird im deutschen Tennis folgende Frage seit Jahren diskutiert: Sind die jetzt langsam übernehmenden jungen Profis wirklich gut genug?

Die neue Front-Frau Niemeier sieht die Sache entspannt: »Ich kenne die Diskussion, aber ganz ehrlich, ich spüre überhaupt keinen Druck«, sagte sie einmal. Nach Siegen wie gegen Kontaveit könnte sich das jedoch ändern.

In ihrem Fall scheinen sich nun die Umstellungen im Hintergrund auszuzahlen. Niemeier wechselte im vergangenen Jahr nach Regensburg, um sich unter Physiotherapeut Florian Zitzelsberger körperlich für die Anforderungen der Profitour weiterzuentwickeln. Nach einer kurzen Phase bei Trainer Michael Geserer wird sie nun von Ex-Profi Christopher Kas gecoacht, auch das ist ihrem Spiel anzumerken.

Niemeiers Gelassenheit und ihre Coolnes sind auch in Wimbledon gut zu beobachten. Die große Chance, sich bei ihrem erst zweiten Grand-Slam-Turnier überhaupt weiter nach vorne zu spielen, wird daran vermutlich nichts ändern. Die Auslosung meint es gut mit ihr, in der dritten Runde trifft sie auf die ebenfalls ungesetzte Ukrainerin Lesia Tsurenko. Erst im Viertelfinale könnte es wieder zu einem Spiel gegen eine namhafte Gegnerin kommen. Aber so eine hat sie ja mit Kontaveit bereits bezwungen.

»Ich denke, dass ich fast jede Gegnerin schlagen kann, die hier ist«, sagte Niemeier nach ihrem Sieg über Kontaveit. Das klang schon sehr selbstbewusst.

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