Aus für Maria im Wimbledon-Halbfinale Das bittersüße Ende ihrer Mondfahrt

Die Deutsche Tatjana Maria begeisterte mit einer unverhofften Siegesserie in Wimbledon. Doch im Halbfinale war sie der Wucht und Eleganz ihrer Freundin Ons Jabeur nur kurz gewachsen – und muss sie nun wohl zum Grillen einladen.
Aus Wimbledon berichtet Klaus Bellstedt
Tatjana Maria (hinten) und Ons Jabeur umarmten sich nach dem Wimbledon-Halbfinale, das Maria verlor: »Ich wollte diesen Moment mit ihr genießen«

Tatjana Maria (hinten) und Ons Jabeur umarmten sich nach dem Wimbledon-Halbfinale, das Maria verlor: »Ich wollte diesen Moment mit ihr genießen«

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Gerald Herbert / AP

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Die Geste des Spiels: Als nach einer Stunde und 43 Minuten Spielzeit das Halbfinale in Wimbledon zwischen der überraschenden Aufsteigerin Tatjana Maria und Ons Jabeur beendet war, kam es zu einer Szene, die das Publikum auf dem Center Court begeisterte. Jabeur, die Nummer zwei der Welt, die mit Maria befreundet ist, umarmte die 34-jährige Deutsche fest und zeigte mit dem Finger auf sie. Jabeur hatte zwar gewonnen, Marias Traumreise war vorbei, aber jetzt sollte alle Aufmerksamkeit zunächst ihr gehören. Und so war es auch. Maria bekam für ein hervorragendes Turnier ihren verdienten Sonderapplaus. »Ich wollte diesen Moment mit ihr genießen«, sagte Jabeur danach über Maria, »denn sie ist eine solche Inspiration für viele Spielerinnen – inklusive mir.«

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Das Ergebnis: Nie zuvor hatte Maria, die Nummer 103 der Weltrangliste, ein Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht. Dieses verlor sie verdient gegen Jabeur. Die Favoritin aus Tunesien siegte mit 6:2, 3:6 und 6:1. Ihrer Wucht und Eleganz war Maria nur kurz gewachsen. Sie hätte als sechste deutsche Spielerin der Geschichte das Endspiel in Wimbledon erreichen können. Bisher hatten das Cilly Aussem, Hilde Krahwinkel sowie in der sogenannten Open Era die siebenmalige Siegerin Steffi Graf, Angelique Kerber und Sabine Lisicki ins Finale geschafft. Aber es kam anders. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Festival des Slice: Schon das erste Spiel dieses Halbfinales war geprägt von unzähligen unterschnittenen Bällen, die beide Spielerinnen permanent einstreuten. Vorhand, Rückhand, Stopps, Halbvolleys, die Bälle segelten förmlich in Zeitlupe über das Netz. Jabeurs Spiel ist das eigentlich nicht, aber sie machte zunächst mit. Acht Minuten dauerte die Schieberei, dann hatte Maria das erste Aufschlagmatch in ihrem ersten Grand-Slam-Halbfinale gewonnen.

Ons Jabeur war gegen Tatjana Maria die kraftvollere, konstantere Spielerin

Ons Jabeur war gegen Tatjana Maria die kraftvollere, konstantere Spielerin

Foto: TOBY MELVILLE / REUTERS

Strategin am Werk: Die 27-jährige Tunesierin spielte ein sehr kluges Match. Jabeur hatte gute Antworten, nutzte die Breite des Platzes und ließ ihre Gegnerin laufen. Sie ließ sich auch nicht auf schnelle Ballwechsel vorne am Netz ein. Die hatte Maria gegen Jule Niemeier im Viertelfinale  immer wieder gesucht und meist auch mit ihrer Athletik und Antizipationsfähigkeit für sich entscheiden können. Jabeur aber verteilte nach einer kurzen Schwächephase im zweiten Satz die Bälle weiter ohne große Hektik und gern mit viel Spin. Es war auch das Spiel einer hervorragenden Strategin. Jabeur ist mit mittlerweile 84 Siegen auf der WTA-Tour in den letzten zwei Jahren die erfolgreichste Spielerin.

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Der Schlüssel zurück ins Spiel: Maria schüttelte nach dem verlorenen ersten Satz nacheinander beide Handgelenke, dazu tänzelte sie in der Erwartung von Jabeurs Aufschlag von einem Bein auf das andere und schlug sich wie einst Steffi Graf mit der flachen Hand auf ihre Hüfte. Man merkte ihr an, dass sie irgendwie zurück in dieses Spiel finden wollte. Und sie fand den Schlüssel dazu. Jabeur verschlug mehr und mehr einfache Vorhandbälle, Maria spielte zugleich mit mehr Druck und Risiko. Schnell führte sie mit 4:1 im zweiten Satz – und war für eine kurze Phase drin in Jabeurs Kopf. Maria schaffte den Satzausgleich.

Maria trumpfte im zweiten Satz auf

Maria trumpfte im zweiten Satz auf

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TOBY MELVILLE / REUTERS

Schlag ins Verderben: Maria hatte auf dem Weg in dieses Halbfinale in vier von fünf Matches über die volle Distanz gehen müssen. Immer mit dem besseren Ende für sich. Sie hatte sich in Wimbledon zu einer echten Spezialistin für dritte und entscheidende Sätze hervorgetan. Gegen Jabeur aber war das Gegenteil der Fall. Sie verlor komplett den Fokus, ihr schienen die Kräfte auszugehen. Als Konsequenz misslangen auch die leichtesten Schläge. Einer bleibt besonders in Erinnerung, weil er von entscheidender Bedeutung war: Beim Stand von 0:3 gegen Maria hatte sie erneut einen Breakball zu verteidigen. Die Tür stand weit offen. Einen langsamen und hohen Ball von Jabeur attackierte sie und rückte ans Netz vor. Jabeur blieb schon resignierend in einer Ecke stehen, Maria musste nur noch den Schläger hinhalten und ihren Volley verwandeln. Doch dieser einfache Ball misslang ihr: 0:4. Kurze Zeit später folgte das bittersüße Ende ihrer Mondfahrt.

»Tennis-Deutschland ist stolz«: Maria kann dennoch glücklich sein über das Erreichte. Kaum jemand hätte damit gerechnet. Umso beschwingter zeigte sich auch Bundestrainerin Barbara Rittner: »Unter dem Strich waren es super zwei Wochen von ihr. Tennis-Deutschland ist stolz auf Tatjana Maria.«

Grillparty erbeten: Dass dies kein normales Spiel zwischen zwei Kontrahentinnen war, zeigte sich nicht nur durch den Fingerzeig Jabeurs nach ihrem Sieg. Hier trafen zwei Freundinnen aufeinander. Die Gewinnerin hatte deshalb auch noch eine Botschaft für Maria parat: »Es war schwierig, ihren Bällen hinterherzulaufen. Sie muss für mich grillen, um all mein Gerenne auf dem Platz wieder gutzumachen.« Etwas Geld dafür dürfte da sein: Für den größten Erfolg ihrer Karriere kassiert Maria umgerechnet 626.000 Euro Prämie.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, Ons Jabeur habe allein in diesem Jahr 84 Spiele auf der WTA-Tour gewonnen. Tatsächlich handelt es sich dabei um Jabeurs Bilanz zuzüglich des Vorjahrs. Wir haben die Passage korrigiert.

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