Zur Ausgabe
Artikel 65 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SKI Tolles Team

Nach der Goldmedaille von Calgary sind die deutschen Olympiasieger in der Nordischen Kombination nur noch zweite Wahl. Trainer und Funktionäre streiten über die Ursache.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wenn Helmut Weinbuchs Träume wahr werden, ist es vorbei mit der Idylle in der Nordischen Ski-Kombination. Statt die Langläufer nach dem vorangegangenen Springen durch den dunklen Tannenwald zu hetzen, will der 51jährige Ex-Hauptfeldwebel die Sportler in den Großstädten antreten lassen.

Für das nächste Jahr plant Weinbuch, im Internationalen Skiverband für die Nordische Kombination zuständig, ein Springen von der Moskwa-Schanze mit anschließendem Langlauf rund um den Kreml. Nach einem Springen in Garmisch-Partenkirchen soll überdies in den Straßen der Münchner Innenstadt für seine Athleten eine Loipe gespurt werden. Mit den Starts möchte Weinbuch seine Sportart noch weiter ins geschäftliche Rampenlicht holen: Mit Fernsehkameras und reichlich Publikum ließen sich die Kombinierer besser vermarkten.

Doch über allen vielversprechenden Plänen hängt neuerdings eine düstere Drohung: Ausgerechnet die bundesdeutschen Athleten, deren Erfolge bisher Weinbuchs geschäftliche Phantasien beflügelten, sind zu schlichten Mitläufern geworden. Wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft in Lahti sind die Mannschaft-Olympiasieger von Calgary in einer so desolaten Verfassung, daß sie chancenlos scheinen.

Hatte nach der Goldmedaille Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch einem »tollen Team« gratuliert, so hat die Krise inzwischen zu einer heillosen Zerstrittenheit geführt: Weinbuch, der auch Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes ist, und Bundestrainer Hartmut Döpp tragen einen offenen Machtkampf um die richtige Trainingsmethode aus. Die Fronten sind schon deswegen arg verhärtet, weil der harsche Ex-Bundeswehrsoldat Weinbuch und der biegsame ehemalige Langlaufmeister Döpp völlig verschiedene Typen sind.

Döpp, 41, der als aktiver Langläufer schon allzugern seine eigenen Wege ging, hat zusammen mit Mannschaftsarzt Professor Heinz Liesen, 48, eine Trainingsmethode enwickelt, die vor der totalen Verausgabung haltmacht. So wurden die deutschen Läufer vor zwei Jahren beim Training in Norwegen von der Konkurrenz als »Jogger« belächelt - aber dann Weltmeister. »Immer wenn es wirklich drauf ankam« (Döpp), waren die Deutschen tatsächlich fit.

Der wirtschaftlich unabhängige Döpp, der in Winterberg 17 Wohnungen besitzt, ist offenkundig von leichterer Lebens- und Denkart als der gestrenge Weinbuch. Der Trainer berauscht sich nicht nur an Siegen, sondern findet es auch bemerkenswert, wenn der aus einfachen Verhältnissen stammende Kombinierer Hubert Schwarz trotz des Leistungssports zum Kurdirektor seines Heimatortes aufzusteigen versucht.

Einen Beleg seiner gelassenen, Weinbuch verärgernden Weltsicht lieferte Döpp kürzlich in Saalfelden. Als zwei jugendliche Kombinierer ausgerechnet den Schanzenauslauf mit dem Allradantrieb ihrer Autos bewältigen wollten und von der Polizei für Betrunkene gehalten wurden, zeigte Döpp Verständnis: »Wir erziehen sie nur noch zum Erfolg, doch das andere Leben macht mehr Spaß.«

Daß der Bundestrainer Döpp mit 40minütiger Verspätung zu einer Weltmeisterschaft-Pressekonferenz kommt, ist für Menschen wie Weinbuch unverzeihlich. Döpps Erklärung: »Tut mir leid, ich bin im Festzelt hängengeblieben, es gibt eben auch andere Dinge im Leben«, registriert er mit Kopfschütteln.

Ganz anders Helmut Weinbuch, der nicht nur eine ganze Sportart, sondern nebenher gleich auch noch einen Weltmeister aufpäppelte - seinen Sohn Hermann, 29. Der Junior bekam stets den ganzen Ehrgeiz seines Vaters, der schon mit 20 Jahren Funktionär wurde, unbarmherzig zu spüren. Als das immense Trainingsprogramm und ein Sturz die Karriere des Weinbuch-Sohnes zu stoppen drohten, wurde vor Jahren sein Schultergelenk zweieinhalb Zentimeter tiefer gelegt, wurden Knochenkeile eingesetzt, Bänder verkürzt - gerade so, als müsse bei einem Rennwagen mal eben der Spoiler gerichtet werden.

Nach allen Reparaturen gewann Weinbuch junior 1985 endlich den Weltmeistertitel. Doch danach, seit dem Frühjahr 1987, wurde Hermann Weinbuch nur noch von rätselhaften Beschwerden geplagt. Er hatte zuweilen Sehstörungen, schlief nachts schlecht und erholte sich nicht nach dem Training.

Wahrscheinliche Ursache der Beschwerden: Weinbuch ließ seinen Sohn vor der WM 1987 »mit 9000 fast so viele Langlaufkilometer wie der Spezialist Gunde Svan und fast so viele Sprünge wie Matti Nykänen trainieren«, der Körper rebellierte schließlich. Dennoch möchte Weinbuch jetzt mit einer ähnlichen Radikalkur allen Athleten zu Leibe rücken. Das Rezept des Hauptfeldwebels a. D. hat im konservativen Ski-Verband, der seine Funktionäre fast alle aus der Bundeswehr rekrutiert und 95 Prozent der Kader-Athleten zu Zeitsoldaten macht, schließlich Tradition. Auch die Skigrößen Walter Demel, Georg Thoma oder Franz Keller mußten bis zum Erbrechen durch den Wald rennen.

Für Vater Weinbuch kommt die Krise zum schlechtesten Zeitpunkt: ausgerechnet jetzt, »wo wir Sponsoren und Zuschauer haben«. Er fürchtet, daß die werbende Wirtschaft von den Mißerfolgen wieder verscheucht werden könnte.

In seiner Not setzt der Vater nun seinen Filius als Druckmittel ein. Obwohl Hermann Weinbuch in den letzten beiden Jahren dreimal operiert wurde, mußte er am letzten Wochenende zum zweitenmal als Antreiber in die Spur. Er soll denen, die sich der WM-Qualifikation schon sicher wähnten, noch einmal Beine machen. Doch Hubert Schwarz hat schon die Gelassenheit von Trainer Döpp: »Der ärmste Hund bei dem Ganzen ist doch der Hermann.« #

Zur Ausgabe
Artikel 65 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.