Tour-de-France-Oldie Cavendish Die Liebe von Châteauroux

Im Herbst stand er noch ohne Vertrag da, das Karriere-Ende von Mark Cavendish schien überfällig. Jetzt triumphiert der Topsprinter mit 36 Jahren doch noch mal bei der Tour de France und rüttelt am Uralt-Rekord.
Alle Kopf nach unten, einer nach oben: Mark Cavendish kann's nicht fassen

Alle Kopf nach unten, einer nach oben: Mark Cavendish kann's nicht fassen

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GUILLAUME HORCAJUELO / AFP

Die Stadt Châteauroux hat einen berühmten Sohn. Der Schauspieler Gérard Depardieu kommt aus der 50.000-Einwohner-Stadt im Herzen Frankreichs. Aber eigentlich müsste Châteauroux noch einen zweiten Prominenten adoptieren. Mark Cavendish, der nimmermüde britische Radsportstar, sollte zumindest die Ehrenbürgerwürde der Stadt erhalten.

Viermal war der Ort Zielankunft der Tour de France, dreimal hat Cavendish gewonnen – das erste Mal 2008, das dritte Mal am gestrigen Donnerstag.

Bereits am Dienstag, bei der vierten Etappe der Tour, war er der Schnellste auf der Zielgeraden gewesen, düpierte all die anderen Sprintstars von Peter Sagan bis Tim Merlier. Auf nunmehr 32 Tageserfolge bei der Tour hat er es gebracht, ein sagenhafter Wert. Nur einer war in der Geschichte der Frankreich-Schleife noch erfolgreicher. Und das war die Legende schlechthin, Eddie Merckx, der 34-mal triumphierte.

Er war schon abgeschrieben

Cavendish wollte davon im Ziel gar nichts hören: »Sagt den Namen nicht«, lehnte er alle Merckx-Vergleiche ab, als wolle er nicht auf einer Stufe mit der Radsport-Ikone genannt werden. »Ich habe gerade eine Etappe gewonnen, dafür arbeiten andere ihr Leben lang.« Aber wehren kann er sich ohnehin nicht bei dieser Tour, die bislang eine Reminiszenz an die ganz Großen ist. Das Gelbe Trikot trägt Mathieu van der Poel, der Niederländer mit dem berühmten französischen Großvater Raymond Poulidor. Merckx ist dank Cavendish in aller Munde.

36 Jahre ist der Mann von der Isle of Man nun alt, für die Sprinter ist das an sich kein ungewöhnliches Alter, sein langjähriger Rivale André Greipel fährt die Tour noch im Alter von 38 Jahren mit. Dennoch gehörte Cavendish vor gar nicht langer Zeit schon zu den Abgeschriebenen. Zu viele Verletzungen, zu viele Stürze wie der, als er sich bei der Tour 2017 nach einer Kollision im Sprint mit Peter Sagan das Schulterblatt brach. Rippenfraktur, Schlüsselbeinbruch – das Schicksal eines Sprintspezialisten, aber irgendwann ist es zu viel.

Mark Cavendish 2007 mit Tour-Boss Christian Prudhomme

Mark Cavendish 2007 mit Tour-Boss Christian Prudhomme

Foto: A2609 epa efe Toni Albir/ dpa

Dazu hatte er mit einer verschleppten Drüsenfieberkrankheit zu tun. Siege hatte er zweieinhalb Jahre nicht eingefahren, im Herbst stand er sogar ohne Vertrag und ohne Team da. Im Grunde war der Brite fällig fürs Karriere-Ende.

Experten haben sich geirrt

Das belgische QuickStep-Team von Teamchef-Urgestein Patrick Lefevere hat dann doch noch beim Routinier zugeschlagen und ihn verpflichtet, die Fachwelt sah das mit Skepsis. Das »Cycling Magazine« nannte die Verpflichtung zwar »clever«, aber schrieb im selben Atemzug: »Wird Mark Cavendish nun wieder reihenweise Rennen gewinnen? Vermutlich nicht. Vielleicht wird er nicht ein einziges Mal als Erster eine Linie überqueren.«

Da haben sich die Experten schon mal geirrt. Zu ihrer Ehrenrettung: Auch Cavendish selbst konnte es danach nicht fassen. »Es ist unglaublich«, kommentierte er nach seinem zweiten Tageserfolg, und das ist es wirklich ein bisschen. ARD-Co-Kommentator und Ex-Profi Fabian Wegmann musste zugeben: »Ich hätte nie gedacht, dass Cavendish noch einmal eine Etappe gewinnt.« Und jetzt sind es sogar zwei, und die Tour hat gerade erst angefangen.

Der Massensprint, diese hochgefährliche, rasante, hochkomplexe Form des Etappenendes, das ist immer seine Welt gewesen. Cavendish hat auch mal einen Ein-Tages-Klassiker gewonnen, 2009 triumphierte er bei Mailand-Sanremo, aber ansonsten sind es die Duelle Rad an Rad, herangeführt an die Spitze vom Rest des Teams, und dann alles geben bis zum Zielstrich, mit schlenkerndem Lenker bei 70 Kilometer pro Stunde, Zentimeterarbeit, extrem sturzanfällig, wie auch diese Tour schon wieder gezeigt hat.

Man muss dafür gemacht sein, Erik Zabel war das, Mario Cipollini, Marcel Kittel, Alessandro Petacchi. Es sind ganz spezielle Typen, und Cavendish ist ihr König. Er wird nicht umsonst King Cav genannt.

Mit 21 zu T-Mobile

Mit 21 kam er als Jungprofi zum Team T-Mobile, die große Sieges- und Dopingzeit des Teams war da gerade vorbei, Cavendish hatte, um überhaupt an der Tour teilnehmen zu dürfen, ein Papier zu unterzeichnen, in dem er sich verpflichtete, ein Jahresgehalt Strafe zu zahlen, wenn er beim Doping erwischt würde. Er war damals der erste Profi, der dies unterschrieb.

Schon ein Jahr später dominierte er die Sprints der Tour de France, er feierte vier Etappensiege, obwohl er vor der ersten Alpenetappe die Rundfahrt aufgab. 2009 heimste er gar sechs Etappenerfolge ein, 2010 fünf. Die insgesamt 15 Etappensiege beim Giro d'Italia seien da fast nebenbei noch erwähnt.

Cavendish sagte am Mittwoch: »Wenn ich noch 50 gewinne, dann mache ich das, wenn ich gut genug dafür bin. Wenn nicht, dann nicht.« Eddie Merckx wird ein bisschen unruhig werden. Sein Trost: Châteauroux ist bei dieser Tour in keinem Fall noch mal Etappenziel.

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