Tour de France vor 25 Jahren Die rollende Apotheke

Vor 25 Jahren feierte Spaniens Miguel Indurain seinen fünften und letzten Triumph bei der Tour de France. Die Rundfahrt von damals ist heute aber vor allem ein Symbol dafür, was diese Sportart falsch gemacht hat.
Das Tour-Fahrerfeld von 1995 - eine Ansammlung von Dopern

Das Tour-Fahrerfeld von 1995 - eine Ansammlung von Dopern

Foto: Paul Hanna/ REUTERS

Die Tour de France, die heute vor 25 Jahren in Paris zu Ende ging, war eine denkwürdige, eine gedenkwürdige auch. Der Spanier Miguel Indurain feierte auf den Champs Élysée den fünften Toursieg nacheinander, es war sein letzter Erfolg bei der Rundfahrt. Und der Italiener Fabio Casartelli stürzte auf der Pyrenäenabfahrt der 18. Etappe hinab vom Col du Portet d'Aspet zu Tode, er wurde nicht einmal 25 Jahre alt. Triumph und Tragik - es sind die zwei Pole, zwischen denen sich der Profiradsport bewegt.

Diese Tour de France von 1995, man kann sie heutzutage vor allem als Symbol ansehen. Als Zeitgemälde einer Sportart, die sich nicht alles, aber vieles selbst kaputt gemacht hat. Diese Tour, sie fand auf einem Gipfelpunkt der Doping-Unkultur statt. Es ist die große Zeit des Epo-Dopings, fast alle haben mitgemacht. Und wenn man hier das "fast" in dem Satz einsetzt, dann ist das die wohlwollende Perspektive.

Es reicht ein Blick auf die damalige Ergebnisliste, um die unheilvolle Geschichte dieser versumpften Sportart zu erzählen. Das Gesamtklassement ist eine einzige Chronique Scandaleuse, und aus Helden von damals sind in der Zwischenzeit Täter geworden.

Epo, Epo, Epo

Hinter Gesamtsieger Indurain landete der Schweizer Alex Zülle am Ende auf Platz zwei. Zülle, damals im Dienst des spanischen Once-Teams, wechselte später zur Festina-Mannschaft, deren Name sinnbildlich fürs Dopingzeitalter wurde. 1998 wurde er denn auch für acht Monate gesperrt.

Als Dritter ebenfalls auf dem Podium platzierte sich der Däne Bjarne Riis, ein Jahr später der große Toursieger. Und erst ein Jahrzehnt später geständiger Epo-Täter. Was ihn nie daran gehindert hat, auch weiter im Radsport verantwortliche Positionen einzunehmen. Riis, lange Jahre auch Partner von Jan Ullrich im Team Telekom, gehört zu denen, die nie den Eindruck erweckt haben, ihre Dopingtaten wirklich zu bereuen.

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Doping auf Tour

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Vierter der Tour wurde einer von Frankreichs damaligen Heroen, Laurent Jalabert. Ihn holte das Dopingthema 2013 ein, als "L'Equipe" von Nachtests aus dem Jahr 2004 berichtete, die ihm und anderen die Epo-Einnahme bei der Tour 1998 nachgewiesen haben. Allein diese enormen Jahressprünge machen deutlich, wie schwer sich der Radsport bei der Aufklärung getan hat. Jalabert kommentierte die Vorwürfe mit dem Satz: Er könne nicht sagen, dass dies falsch sei. Er könne aber auch nicht sagen, ob dies wahr sei.

Fünfter der Gesamtwertung war damals der Italiener Ivan Gotti, zweifacher Gewinner des Giro d'Italia. Später wurde er wegen des Besitzes von Dopingmitteln zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Fuentes mit der Kühlbox

Als Sechster kam der Spanier Melchor Mauri in Paris an. Mauri war Kunde beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes, für den das Adjektiv berüchtigt in die Radsportberichterstattung Einzug erhielt. Über Fuentes gibt es unter anderem die Geschichte, dass er 1991 mit einer Kühlbox auf den Knien im Flugzeug gesehen wurde. Auf die Frage, was denn darin sei, soll er geantwortet haben, darin seien die Mittel, um einen Vuelta-Sieger zu machen. Die Vuelta 1991 gewann Melchor Mauri.

Siebter 1995 wurde der Spanier Fernando Escartin, sein Name steht auf der Kundenliste des Dopingarztes Michele Ferrari, der sich später seine "Verdienste" um die Tourerfolge von Lance Armstrong erwarb. Vorher kümmerte sich Ferrari vor allem um den Schweizer Tony Rominger, der 1995 Achter wurde. Rominger galt in jenem Jahr als einer der Topfavoriten auf den Tourtitel. Der SPIEGEL widmete ihm und seiner Beziehung zu Doktor Ferrari damals ein langes Porträt, das es fertigbrachte, das Dopingthema in einem Nebensatz abzuhandeln.

Gesamt-Neunter der Tour 1995: Richard Virenque, Kletterkönig, Publikumsliebling und Schlüsselfigur des Festina-Dopingskandals von 1998. Zehnter wurde der Kolumbianer Hernan Buenahora, er wurde auch als kämpferischster Profi der Tour ausgezeichnet. Der Südamerikaner konnte danach immerhin noch 13 Jahre als Profi unbehelligt fahren, bevor er 2008 dann doch noch für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt wurde.

Triumph und Tragik

Bester Jungprofi 1995 war Marco Pantani, Triumph und Tragik, bei kaum jemandem verbindet sich dies mehr. Pantani fuhr auf der Königsetappe nach Alpe d'Huez alles in Grund und Boden. Il Elefantino, sie liebten ihn in Italien, als er dann noch die Tour 1998 gewann, lag ihm das Land zu Füßen. Ein Jahr später wurde er wegen eines zu hohen Hämatokrit-Werts aus der Giro-Wertung genommen, er verpasste die Tour, seine Kontakte zum italienischen Doping-Doc Francesco Conconi, eine Art Lehrmeister Ferraris, wurden enthüllt. Pantani wurde 2004 in Rimini im Hotelzimmer mit einer Überdosis Kokain tot aufgefunden.

Etappensiege 1995 feierten der junge Lance Armstrong und der Belgier Johan Bruyneel, der später als Teamchef die durch Doping entwerteten Tourtriumphe des US-Amerikaners verantwortete. Die Sprintkönige waren der exzentrische Mario Cippolini, auch ihm wurden enge Verbindungen zu Fuentes und Ferrari nachgesagt, und der wilde Usbeke Dschamolidin Abduschaparow, 1997 nach dem Nachweis von Clenbuterol gesperrt.

Und dann gab es natürlich noch das deutsche Team Telekom, noch ohne Riis, noch ohne Ullrich, aber mit Rolf Aldag als Teamkapitän. Aldag, der 2007 bei der Aufsehen erregenden Dopingbeichte-Pressekonferenz des Bonner Teams dabei war, wie Sprinter Erik Zabel, wie Udo "Quäl dich, du Sau" Bölts.

Man könnte jetzt noch den Kapitän des Teams Castorama, Armand de las Cuevas, erwähnen, noch so eine tragische Figur, ein Dopingtäter, der sich 2018 das Leben nahm, man könnte Italiens Radheld Gianni Bugno auftreten lassen, damals Kapitän von MG, 1999 wegen Kauf und Besitz von Amphetaminen verurteilt, man könnte den dänischen Kapitän des TVM-Teams, Bo Hamburger, und den italienischen Leader von Lampre, Maurizio Fondriest, aufführen. Der Däne gestand 2007 systematisches Epo-Doping in den Neunzigern, Fondriest gehört zu den Conconi-Kunden, denen vorgeworfen wurde, sich von dem Arzt über Jahre mit Epo beliefert haben zu lassen, dazu zählt auch Italiens Bergfloh Claudio Chiappucci, Zweiter der Bergwertung 1995. Fondriest und Chiappucci streiten das ab. Das alles ließ sich juristisch nicht abschließend aufklären, weil der Prozess gegen Conconi 2003 wegen Formfehlern eingestellt wurde.

Und über all dem thront also Indurain, Toursieger 1991, 1992, 1993, 1994, 1995, in jenen Jahren unschlagbar, obwohl er schon seit Mitte der Achtzigerjahre an der Tour teilgenommen und dabei jahrelang keine bemerkenswerten Resultate erzielt hatte - allerdings auch weil er Helferdienste für seinen Landsmann Pedro Delgado tun musste. Indurain wurde zwar viel nachgesagt, aber nichts nachgewiesen. Und so werden seine Erfolge vor allem auf sein phänomenales Lungenvolumen und seine ausgeklügelte Rennstrategie zurückgeführt.

Wie gesagt, das ist die wohlwollende Perspektive.