Jumbo-Visma nach dem Tour-Drama Die Killerwespen stechen nicht

Jumbo-Visma war das beste Team der Tour. Dann wurde das Kollektiv von einem Einzelkämpfer besiegt. Braucht es etwa gar keine Mannschaft, um das Gelbe Trikot zu gewinnen?
Wout van Aert und Primoz Roglic: "Ich werde definitiv zurückkommen zur Tour"

Wout van Aert und Primoz Roglic: "Ich werde definitiv zurückkommen zur Tour"

Foto: MARCO BERTORELLO / AFP

Am Tag nach der größten Niederlage seiner Karriere konnte Primoz Roglic schon wieder lachen. Auf dem Weg nach Paris nahm er Tadej Pogacar in den Arm, den 21 Jahre alten Sieger der Tour de France. Später stand Roglic auf dem Podium der französischen Hauptstadt, gemeinsam mit seinem kleinen Sohn, und sah gar nicht so unglücklich aus.

Leer und fassungslos hatte er 24 Stunden zuvor auf dem Asphalt der Planche des Belles Filles gesessen, nachdem Pogacar ihm im Zeitfahren das Gelbe Trikot abgenommen hatte. "Im Moment kann ich nicht klar denken, ich habe keinen klaren Plan für die Zukunft. Es ist, als wäre mein Kopf leer", sagte Roglic an dem Abend.

Ein planloser Roglic, das kennt man eigentlich nicht. Schon als ihn das heutige Team Jumbo-Visma Ende 2015 verpflichtete, hatte er große Ambitionen. Vor seinem ersten Rennen sagte Roglic, sein Ziel sei es, innerhalb von fünf Jahren die Tour de France zu gewinnen. Seine eigenen Chefs mussten Roglic bremsen, schließlich hatte der neue Profi bis dato noch gar kein Rennen in der großen World Tour gewonnen.

Ein Team für den Toursieg

Doch Jumbo-Visma glaubte an Roglics Talent und baute in den folgenden Jahren eine Mannschaft auf, die um den Toursieg mitfahren würde. 2019 gewann Roglic die Vuelta, sein Kollege Steven Kruijswijk wurde Dritter bei der Tour de France. Außerdem holte die Mannschaft den Allrounder Wout van Aert und mit Tony Martin einen Helfer, der ein Peloton mit seiner Autorität und Zeitfahrqualität anführen kann. 2020 stieß mit dem ehemaligen Giro-Sieger Tom Dumoulin sogar noch ein weiterer Kapitän zur niederländischen Mannschaft. Die Mannschaft schien so stark, dass Konkurrent Richie Porte sie wegen ihrer Trikotfarben die "Killerwespen" nannte.

Jumbo-Visma kontrolliert das Tempo vor Pogacar: "Er musste nur unter dem Radar fliegen vor dem Zeitfahren"

Jumbo-Visma kontrolliert das Tempo vor Pogacar: "Er musste nur unter dem Radar fliegen vor dem Zeitfahren"

Foto:

Peter De Voecht / imago images/Panoramic International

Es schien nur logisch, dass bei der Tour de France alles auf das Duell Team Ineos um Vorjahressieger Egan Bernal gegen Team Jumbo-Visma hinauslaufen würde. Stattdessen aber triumphierte mit dem jungen Pogacar ein Profi, der eigentlich kaum Unterstützung aus seinem UAE-Team bekam. Nicht weil die Kollegen ihm nicht helfen wollten, sondern weil sie es in den Bergen schlicht nicht konnten. Der eigentliche UAE-Kapitän Fabio Aru musste das Rennen bereits in den Pyrenäen aufgeben, nicht einmal er konnte Pogacar noch durch das Jura oder die Alpen ziehen.

Umso mehr drängt sich die Frage auf, wie Jumbo-Visma den Toursieg noch aus der Hand geben konnte, obwohl Roglic etwa eine Minute Vorsprung auf Pogacar hatte. Radsport-Legende Eddy Merckx warf Jumbo-Visma in "L'Équipe"  vor, die Tour "dumm" gefahren zu sein. Er habe immer gewarnt, Pogacar könne Roglic noch einholen, so Merckx: "Er wusste, dass er nicht attackieren muss, weil Jumbo stärker ist. Er musste nur unter dem Radar fliegen vor dem Zeitfahren."

Merckx hat in diesem Punkt nicht Unrecht: Pogacar musste Jumbo-Visma in den Bergen immer nur folgen. Damit führte der Jungspund die Annahme ad absurdum, ein Toursieger brauche immer ein starkes Team an seiner Seite. So wie es beispielsweise der vierfache Sieger Chris Froome mit dem dominanten Team Sky erlebte.

Wofür braucht man eine Mannschaft?

Wofür sind Helfer im Radsport gut? Ein wichtiger Faktor ist die Tempoarbeit. Die Helfer können im Idealfall eine so hohe Geschwindigkeit anschlagen, dass ihr Kapitän dieses Tempo im Windschatten mitfahren kann und Konkurrenten nach und nach abreißen lassen müssen. Wenn ein Gegner attackiert, können sich mehrere Fahrer den Kraftaufwand in der Nachführarbeit aufteilen und den Ausreißer so wieder zurückholen.

Diese Taktik funktionierte gegen Pogacar jedoch nur zum Teil. Meistens ließ sich der Slowene nicht abschütteln und blieb einfach am Hinterrad von Roglic. Doch Pogacar bekam auch zu spüren, was es bedeutet, keine Helfer an seiner Seite zu haben.

Bezeichnend dafür war die siebte Etappe, die zwar über eine flache Strecke führte, auf der es jedoch sogenannte Windkanten gab. Während Ineos und Jumbo-Visma an der Spitze fuhren und ihre Kapitäne vor dem Wind schützten, fiel Pogacar zurück und verlor mehr als eine Minute auf die Topfahrer. Ähnlich wäre es wohl in den Bergen gelaufen, hätte Pogacar einmal nicht folgen können, oder hätte er einen technischen Defekt am Rad gehabt. Dann hätte ihn niemand wieder zurück zur Spitze führen können.

Kriegt Pogacar nun Helfer?

Am Ende gewann Pogacar die Tour de France nicht, weil er allein war, sondern obwohl er allein war. Der 21-Jährige machte seinen großen Nachteil durch seine hervorragende Sololeistung wett. Es wird nicht die Lehre des Radsports sein, zukünftig nur Einzelkämpfer zu Rundfahrten zu schicken.

Viel eher, und das lässt sich im Nachhinein immer einfach sagen, hätte das Kollektiv seinen Vorteil vielleicht konsequenter ausspielen müssen. "Ich weiß nicht, ob wir als Team Fehler gemacht haben. Ob wir noch aggressiver hätten fahren sollen", sagte Roglic nach der Tour: "Das müssen wir analysieren." Das Team der Vereinigten Arabischen Emirate wird jedenfalls aus der Tour lernen, dass es alles auf Pogacar setzen kann. Er hat noch einen Vertrag bis 2024, UAE könnte also noch einige Rundfahrten mit ihm gewinnen.

Zudem ist das genug Zeit, ein Team um Pogacar zu formen, das ihm zu weiteren Siegen verhelfen könnte - mit sieben Domestiken an seiner Seite wäre er wahrscheinlich noch stärker. Dann könnte es im kommenden Jahr bei der Tour zum Kampf von drei großen Teams kommen: Ineos, UAE und Jumbo-Visma, dessen Topfahrer im kommenden Jahr alle noch da sein werden.

Primoz Roglic sagte: "Ich werde definitiv zurückkommen zur Tour." Dann hat er wieder einen Plan.

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