Tour de France Die dunkle Seite des dänischen Radsports

Dänemark feiert mit dem Tour-de-France-Auftakt ein Volksfest. Aber der Radsport im Land hat auch mit einem schweren Erbe zu kämpfen: Fast alle Topfahrer der Vergangenheit waren tief in Doping verstrickt.
Michael Rasmussen bei der Tour 2007 – noch in Gelb

Michael Rasmussen bei der Tour 2007 – noch in Gelb

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JOEL SAGET/ AFP

Roskilde ist Partys gewohnt, aber die heutige Party wird größer. Die Tour de France startet hier ihre zweite Etappe, und am Abend geht das legendäre Musikfestival zu Ende. Hauptact auf der Bühne sind am Samstag die Strokes, sie spielen ihre Hits: »Bad Decisions«, »Take It or Leave It«, »Killing Lies«, »Barely legal«, »Meet Me in the Bathroom«, »I Can't Win« – und wenn man will, könnte man all diese Songtitel als Playlist für eine Dokumentation über die Dopingvergangenheit des dänischen Radsports benutzen.

Dänemarks Radsportgeschichte hat eine dunkle Seite, und das hat auch viel mit der Tour de France zu tun. Wenn das Land zurzeit das wahrscheinlich größte Wochenende seiner Radsporthistorie feiert, wenn Zigtausende am Straßenrand zwischen Kopenhagen, Nyborg und Vejle dem Peloton zujubeln, sollte man auch daran erinnern.

In den vergangenen 40 Jahren haben dänische Profis die Tour mitgeprägt, ein Name ragt dabei besonders hervor. Bjarne Riis, der einzige Däne, der die Tour de France bisher für sich entscheiden konnte. Das war im Jahr 1996, Riis stürmte im Trikot des Teams Telekom ins Gelbe Trikot, an seiner Seite sein junger Adjutant Jan Ullrich. Dessen Stunde kam ein Jahr später.

Monsieur 60 Prozent

Es ist die Hochzeit des flächendeckenden Dopings im Profiradsport. Riis hatte im Feld den Beinamen »Monsieur 60 Prozent«, weil sein Hämatokrit-Blutwert stets so abweichend hoch lag. Riis hat viele Jahre gebraucht, um sein Tun einzugestehen. Als links und rechts von ihm die Front des Schweigens bröckelte, als die Lügengebäude des Teams Telekom längst eingestürzt waren, verweigerte er der Öffentlichkeit immer noch ein Bekenntnis. 1997 bereits hatte der Schweizer Pascal Richard Riis bezichtigt, gedopt zu haben. Zehn Jahre hielt der Däne sein Schweigen aufrecht, dann offenbarte er sich auf einer Pressekonferenz: EPO. Kortison, Wachstumshormone, Riis hat wenig ausgelassen.

Bjarne Riis 1996 im Gelben Trikot

Bjarne Riis 1996 im Gelben Trikot

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Phil Cole / Getty Images

Der Toursieg wurde ihm zunächst aberkannt, aber da seine Dopingvergehen da schon mehr als acht Jahre zurücklagen und nach der Logik des Weltverbandes UCI verjährt waren, ist er bis heute der offizielle Tourgerwinner 1996. Riis gehörte nie zu den Einsichtigen, als Sportlicher Leiter des CSC-Teams bis 2015 war er nie einer, der als Aufklärer auffiel. Im Gegenteil: Er schien einfach so weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Auch in seiner Zeit als CSC-Boss begleitete ihn der Dopingverdacht zuverlässig.

Tourchef Christian Prudhomme erklärte Riis nach dessen Dopingpressekonferenz zur Persona non grata und forderte ihn auf, sein Gelbes Trikot zurückzugeben. Riis antwortete damals trotzig, das Trikot liege »irgendwo in der Garage in einem Karton«, man könne es dort gerne abholen.

Die Tour startet in Dänemark, es ist das größte Volksfest des Landes, und der einzige Toursieger Bjarne Riis ist nicht eingeladen worden. Offiziell heißt es von den Veranstaltern etwas verschämt, man habe priorisiert, offizielle Repräsentanten wie Bürgermeister, Regierungsmitglieder und Königshausvertreter statt dänische Athleten zu den Tourveranstaltungen einzuladen. »Ich bin natürlich verärgert darüber, nicht dabei zu sein«, reagierte Riis in einem Fernsehinterview mit dem dänischen Sender TV2 schmallippig. Er hat nach all den Jahren noch immer nichts verstanden.

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Andersen, Hamburger, Sørensen

Bjarne Riis ist der prominenteste Name, aber beileibe nicht der einzige. Bei den Olympischen Sommerspielen 1960 in Rom stürzte der Däne Knud Enemark Jensen 20 Kilometer vor dem Ziel mit einem Hitzschlag vom Rad, zog sich eine Schädelfraktur zu, fiel ins Koma und starb wenige Tage später. Bei der Autopsie wurde festgestellt, dass er bis oben hin voll mit Amphetaminen war. Der Tod von Knud Enemark Jensen war der Anlass dafür, dass das Internationale Olympische Komitee Dopingkontrollen einführte.

Kim Andersen war nicht nur dreifacher Sieger einer Tour-Etappe in den Achtzigerjahren, er war auch der erste Profi überhaupt, der lebenslang gesperrt wurde – nachdem er dreimal positiv getestet wurde: 1985, 1986 und 1987. Später arbeitete er als Sportlicher Leiter beim Team von Bjarne Riis mit.

Bo Hamburger, Etappengewinner 1994, war der erste Radprofi, der dank eines neuen Nachweisverfahrens des EPO-Gebrauchs überführt werden konnte. Sein Satz damals »Radsport hat mir so viel bedeutet, dass ich im Laufe meiner Karriere wohl auch meine Frau Sanne verkauft hätte, um mein Ziel zu erreichen«, könnte die Überschrift über den Radsport der Neunziger- und Nullerjahre sein.

Rolf Sørensen (links) im Sprint mit dem Schweizer Pascal Richard

Rolf Sørensen (links) im Sprint mit dem Schweizer Pascal Richard

Foto: LIONEL CIRONNEAU/ ASSOCIATED PRESS

Rolf Sørensen, 1991 Träger des Gelben Trikots für vier Tage, 53 Profisiege, ein Volksheld in Dänemark, gab 2013 zu, EPO und Kortison genutzt zu haben – nachdem er dies über viele Jahre immer vehement abgestritten hatte: »Es gibt keine andere Entschuldigung, als dass ich das tat, wozu ich meiner Meinung nach gezwungen war, um auf dem gleichen Level mit meinen Kollegen zu sein.« Es ist das Argument, mit dem der Radsport so lange gelebt hat: Wenn es alle machen, mache ich es auch.

Erst Gelb, dann Rot

Namensvetter Nicki Sørensen, Etappensieger 2009, sagte nach seiner Karriere ausführlich bei den dänischen Ermittlern aus, belastete Riis massiv, gab zu auch bei den Olympischen Spielen gedopt an den Start gegangen zu sein. Brian Holm, ehemaliger Telekom-Fahrer, gab 2007 EPO-Gebrauch zu, Jesper Skibby, Etappensieger 1993, schrieb nach seinem Karriereende eine Autobiografie, in der er reinen Tisch machte, weil er seinen Kindern »ehrlich gegenüberstehen wollte« – und dann gab es noch Michael Rasmussen.

Rasmussen war nach Riis die größte dänische Tour-Hoffnung, ein Bergfloh, überragend im Klettern, 2005 und 2006 Träger des gepunkteten Bergtrikots. 2007 sollte eigentlich seine große Stunde schlagen, Rasmussen übernahm das Gelbe Trikot, der Gesamtsieg schien nah – dann wurde er nach der 16. Etappe von seinem Team Rabobank aus dem Klassement genommen und suspendiert. Er war zuvor Dopingkontrollen ausgewichen, indem er über seinen Aufenthaltsort gelogen hatte. Rasmussen gestand 2013, dass er von 1998 bis 2010 ununterbrochen Dopingmittel genutzt hat. Dabei sagte er mit Blick auf die Branche: »100 Prozent haben gedopt.«

Die heutigen Topfahrer des Landes heißen Kasper Asgreen, Jakob Fuglsang, Jonas Vingegaard, der Tour-Zweite des Vorjahres. Sie fahren mit einem schweren Rucksack auf dem Buckel. Sie fahren auch gegen das Erbe von Riis und Rasmussen an. Immer noch.

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