Pogacar schockiert Roglic bei der Tour Die Explosion

Er konnte die Tour kaum noch verlieren, und doch passierte es. Primoz Roglic scheiterte im Zeitfahren an einer unwahrscheinlichen Leistung von Tadej Pogacar. Der 21-Jährige wird zum Rekordmann.
Tadej Pogacar: " Ich fühle mich, als würde mein Kopf explodieren"

Tadej Pogacar: " Ich fühle mich, als würde mein Kopf explodieren"

Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT / AFP

Der Schock: Primoz Roglic kämpfte sich die letzten Meter hinauf zur Planche des Belles Filles. Der Mann in Gelb war kreideweiß im Gesicht. So als hätte er vor seinem inneren Auge die Abstände verfolgt. Erst hatte Herausforderer Tadej Pogacar im flachen Bereich des Zeitfahrens seinen Rückstand von 57 auf 30 Sekunden verkürzt. Dann kam der Anstieg - und Roglic brach völlig ein. Der 21 Jahre alte Pogacar ließ den bis dato besten Fahrer der Tour am Ende 1:56 Minuten hinter sich. Eine Leistungsexplosion.

Das Unfassbare: Pogacar verfolgte, wie Roglic ins Ziel rollte und schlug sich die Hände vor das Gesicht. Er wird die Tour de France gewinnen, als jüngster Fahrer seit Henri Cornet 1904. Wenige Meter entfernt setzte sich Roglic auf den Asphalt, Blick und Beine völlig leer. Tom Dumoulin nahm seinen Kapitän in den Arm, doch der reagierte nicht. Als Pogacar beim Siegerinterview saß, da stand Roglic auf, ging zu seinem Kollegen und umarmte ihn.

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In aller Sachlichkeit: Tadej Pogacar gewann das 36,2 Kilometer lange Einzelzeitfahren von Lure hinauf zur Planche des Belles Filles. Pogacar war 1:21 Minuten schneller als Tom Dumoulin und Richie Porte. Primoz Roglic wurde Fünfter und verlor das Gelbe Trikot an Pogacar. Lesen Sie hier den Etappenbericht.

Die Realität: "Ich glaube, ich träume. Ich fühle mich, als würde mein Kopf explodieren", sagte Pogacar. "Ich habe im flachen Teil der Strecke über Funk die Abstände gehört. Aber als ich an den Berg kam, habe ich nichts mehr gehört, weil die Fans so laut waren." Kurz vor dem Anstieg wechselte der 21-Jährige von seinem Zeitfahr- auf sein normales Straßenrad. Damit war er am Berg noch schneller unterwegs Richtung Gelbes Trikot. "Eigentlich war es gar nicht mein Traum, die Tour de France zu gewinnen", erklärte Pogacar: "Ich wollte nur bei der Tour de France dabei sein."

Der Rekordmann: Pogacar wird, vorausgesetzt er erreicht am Sonntag Paris, nicht nur das Gelbe Trikot gewinnen. Er wird auch der beste Fahrer in der Berg- und Jugendwertung sein. Das hat vor ihm noch keiner geschafft. Hinzu kommt, dass Pogacar das alles bei seinem Debüt erreicht. Der bislang letzte Fahrer, der seine erste Tour de France gewann, war Laurent Fignon im Jahr 1983.

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One-Man-Show: Vor der Tour war eigentlich nur darüber gesprochen worden, ob Team Ineos oder Team Jumbo-Visma die bessere Mannschaft haben würde, um seinen Kapitän zum Tour-Sieg zu führen. Das Ergebnis stellt nun in Frage, ob gute Domestiken überhaupt so wichtig sind. UAE-Profi Pogacar jedenfalls hatte in den Bergen oft keine Helfer mehr bei sich, hielt sich aber am Hinterrad von Roglic und Jumbo-Visma fest. Und im Einzelzeitfahren, der One-Man-Show, schlug er sie dann alle deutlich. "Wir haben in dieser Tour neue Helden gefunden", sagte SPIEGEL-Experte und Ex-Profi Marcel Kittel.

Apropos Fignon: Um das klarzustellen: Primoz Roglic ist eigentlich ein ausgezeichneter Zeitfahrer und Kletterer. Dass er so viel Zeit auf Pogacar verliert, kann nicht nur mit dessen starker Leistung erklärt werden, Roglic erwischte offenbar auch einen schlechten Tag. "Ich kann nicht glauben, wie schwer das für ihn sein muss", sagte Pogacar: "Er muss am Boden zerstört sein. Aber das sind Radrennen." Vergleichbar scheint dieses Tourfinale eigentlich nur mit dem von 1989, als Greg LeMond seinen Konkurrenten Lauren Fignon auf der letzten Etappe, ebenfalls einem Zeitfahren, noch überholte.

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Der Radwechsel: Bereits vor der Etappe war spekuliert worden, ob die Topfahrer wohl ihre Räder auf der Strecke tauschen würden. Es ergaben sich unterschiedliche Herangehensweisen: Wout van Aert stieg vor der Planche des Belles Filles auf sein Straßenrad um, Tom Dumoulin blieb auf seiner Zeitfahrmaschine sitzen. Doch der Zeitpunkt des Wechsels variierte. Pogacar stieg früher um als Roglic, der mitten in den Fanmassen das Rad wechselte - taktisch kein idealer Ort. Am Ende lag sein Zeitverlust aber nicht nur daran.

Der Hirte: Für Thibaut Pinot war es sowas wie ein Heimspiel, der Franzose ist in den Vogesen zuhause. Hier lebt er mit seinen Ziegen, von denen er sich vor der Tour mit Hoffnungen auf das Gelbe Trikot verabschiedete. Die waren nach einem Sturz auf der ersten Etappe allerdings schnell dahin. In den Vogesen lieben die Fans Pinot trotzdem, das zeigten auch die vielen Schriftzüge auf der Straße hinauf zur Planche des Belles Filles. Das wird ihm vielleicht doch Zuversicht verliehen haben, wieder bei der Tour zu starten. Ab Montag jedenfalls darf er sich wieder auf seine Ziegen freuen, deren Liebe scheint Pinot gewiss.

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Und morgen? Es ist die Tradition, dass das Gelbe Trikot auf dem Weg nach Paris nicht mehr attackiert wird. Wer das versucht, würde auf den Champs-Élysées wohl geteert und gefedert. Jedenfalls wird Pogacar, solange er nicht stürzt oder von einer Biene in den Mund gestochen wird, die Tour de France gewinnen. Auf der 21. Etappe über 122,5 Kilometer von Mantes-La-Jolie nach und durch Paris geht es nur noch um den prestigeträchtigen Sprintsieg.

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