Frankreichs Tour-Hoffnung Thibaut Pinot Einer zum Heulen

Thibaut Pinot ist Frankreichs tragischer Held bei der Tour de France. Trotz vieler Rückschläge kommt er immer wieder zurück - zumindest bis jetzt. Gibt es noch ein Happy End für ihn?
Thibaut Pinot nach seinem Sturz auf der ersten Etappe: "Es sind zu viele Misserfolge für mich"

Thibaut Pinot nach seinem Sturz auf der ersten Etappe: "Es sind zu viele Misserfolge für mich"

Foto: POOL PHOTONEWS / imago images/Belga

Umkreist von seinen Teamkollegen fiel Thibaut Pinot zurück. Schon am Port de Balès konnte er mit den besten Fahrern um Primoz Roglic und Egan Bernal nicht mehr mithalten. Dass seine Helfer ihn begleiteten, mutete wie ein geordneter Rückzug an.

Doch verstecken konnte Pinot sich zwischen seinen Kollegen von Groupama-FDJ nicht. Das französische Fernsehen hielt die Kameras weiter drauf und Millionen beobachteten, wie Pinots Traum vom Maillot Jaune erneut zerbrach. Etwa 19 Minuten nach Roglic kam Pinot am Samstag ins Ziel der achten Etappe in Loudenvielle. Die "L’Équipe"  titelte am Sonntag: "Ein Tag in der Hölle mit Thibaut Pinot."

So mussten sich die letzten 40 Kilometer für Frankreichs Tour-Hoffnung angefühlt haben. "Mein Rücken tat so weh, dass ich keine Kraft mehr hatte", sagte Pinot: "Ich konnte nicht mehr in die Pedale treten." Seit einem Sturz auf der ersten Etappe leidet Pinot unter Rückenproblemen. Man habe es geschafft, die Verletzung zu verschweigen, sagte Teamchef Marc Madiot. Doch in den Pyrenäen ließ sich Pinots Schwachstelle nicht mehr verheimlichen.

Thibaut Pinot hat Rückenprobleme

Thibaut Pinot hat Rückenprobleme

Foto:

MARCO BERTORELLO / AFP

Besonders hart muss für Pinot der Moment gewesen sein, in dem er realisierte, dass er die Tour verloren hat. Denn das ist die Geschichte seiner Karriere. Seit seinem Tourdebüt 2012, als er direkt in die Top Ten fuhr, ist er der Hoffnungsträger der Grande Nation, die seit 35 Jahren auf einen französischen Toursieger wartet.

Pinots Rückschläge

Bei nur drei von bislang sieben Tourteilnahmen erreichte Pinot Paris, zum bislang letzten Mal im Jahr 2015 als er den 16. Platz im Gesamtklassement erreichte. Seine Historie an Niederschlägen liest sich niederschmetternd.

  • 2013 verliert Pinot als junger Fahrer bei der Tour viel Zeit in den Abfahrten. Er gibt wegen Halsschmerzen auf.

  • 2016 zieht Hagel durch die kalten Pyrenäen. Pinots Körper verträgt das Wetter nicht, er muss vor der 13. Etappe aussteigen.

  • auch 2017 ist die Belastung der Tour zu viel für Pinot. Er erkrankt und muss mit Fieber aufgeben. "Ich kriege all die Scheiße, die es gibt: Bronchitis, Rückenschmerzen, Magenschmerzen, Halsschmerzen", sagte Pinot.

  • 2018 startet Pinot beim Giro d'Italia, doch auf Rang drei liegend muss er wegen einer Lungenentzündung am vorletzten Tag aussteigen. Bei der Tour de France tritt er nicht an.

  • 2019 bricht Pinot am Montee d'Aussois in Tränen aus. Eine Oberschenkelverletzung bedeutet das Tour-Aus. Sein Helfer nimmt ihn noch auf dem Rad in den Arm.

Kurz nach dem Aus im vergangenen Jahr erschien die Dokumentation "Avec Thibaut", die ihn bei der Tour zeigt. Selbst im intimsten Augenblick, als er mit seinem Chef Madiot über das Aus spricht. Pinot sitzt an einem Fenster, Madiot neben ihm. Und es entwickelt sich ein Dialog, der die Beziehung der beiden in wenigen Sätzen zusammenfasst.

"Womit habe ich das verdient?", fragt Pinot.

"Du hast das nicht verdient. Aber so was kann passieren", sagt Madiot.

"Das war’s, ich höre auf", sagt Pinot, den Tränen nah.

"Sag das nicht", erwidert Madiot. "Du bist ein Großer. Ein Fahrer wie du gibt nicht einfach auf. Morgen ist wieder ein neuer Tag."

"Das hast du mir letztes Jahr schon erzählt."

"Und habe ich nicht recht gehabt?"

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Madiot glaubt trotz der andauernden Rückschläge an Pinot. Er hätte sich schon längst einen neuen Kapitän suchen können, hätte mit dem nötigen Geld Guillaume Martin oder Romain Bardet, die dritt- und viertplatzierten Franzosen der diesjährigen Tour, verpflichten können. Aber nein, Pinot fährt seit 2010 für Madiots Team FDJ, sein Vertrag läuft noch bis 2023.

Madiot hat das noch 2019 wie folgt begründet: "Unterstütze diesen Fahrer, weil er anders ist. Er wird dich zum Weinen bringen, manchmal wirst du traurig sein, aber er wird dich auch in den Himmel heben. Seine Siege werden anders schmecken als die der anderen."

Anders als die von Chris Froome, der vor seinen vier Toursiegen keine großen Rückschläge verkraften musste, anders auch als der Sieg von Egan Bernal, der schon mit 22 Jahren sein höchstes Ziel erreicht hat.

"Zu viele Misserfolge"

Die Frage ist nur, ob es für Pinot und Frankreich ein Happy End geben wird. 2019 sagte Pinot noch, er brauche den Sieg bei der Tour de France, um das ganze Leid zu vergessen. Als eine Erlösung sozusagen. Doch nach seinem Einbruch am Samstag erklärte Pinot öffentlich, das könne nun ein Wendepunkt seiner Karriere gewesen sein: "Es sind zu viele Misserfolge für mich." Aufgeben wolle er nicht, aber ob er nächstes Jahr zur Tour zurückkehren werde, wisse er nicht.

Keine 24 Stunden später attackierte Pinot in den Pyrenäen. Zwar ohne Erfolg, doch vielleicht geht es ihm bald in den Alpen schon besser und er kann einen Etappensieg anvisieren. So wie 2019 am Tourmalet.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Damit soll er seine Unterstützer auch schon in den Himmel gehoben haben. Allen voran Marc Madiot.