Zur Ausgabe
Artikel 55 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

REITEN Tralala beim Pferdehandel

Meisterreiter und Pferdehandler Paul Schockemöhle fühlt sich eingekreist -- von Funktionären und Kunden.
aus DER SPIEGEL 43/1975

Wenn ein Peerdsappel auf dem Schockemöhle-Hof liegt«, erzählen sich die Bauern in Mühlen bei Vechta, »dann setzt der Paul sofort Rennen dran, die legen Eier, vermehren sich und bilden eine Geflügelfarm.« Vom Ertrag, so der Bauernspruch, kauft Paul »noch een Peerd und das äppelt dann wieder«.

Solch fruchtbare Erzählungen ranken sich im Oldenhurgischen um den jüngsten der Gebrüder Schockemöhle, deren Familie und Hof schon 1498 in einer Chronik erwähnt worden sind. Alwin Schockemöhle, 38, ist Europameister der Springreiter. Bruder Wer ner, 36, wurde Rechtsanwalt und berät besonders den Jüngsten, Paul Schockemöhle, 30, der immer öfter mit Funktionären und Kunden im Streit liegt.

Zu neuem Ärger mit Paul wäre es jetzt wegen einer Anzeige gekommen, auf deren Abdruck das Fachblatt »Reiter-Revue« aber verzichtete. Text: »Sind Sie mit den Pferden von Paul Schockemöhle zufrieden?« Inserenten waren Reiter, die Pferde bei Schockemöhle gekauft hatten.

Nach einjährigem Studium der Betriebswirtschaft hatte Schockemöhle eine Hühnerfarm gegründet. 1,6 Millionen Rennen legten täglich bis zu 1,4 Millionen Eier. »Das sind zwölf Prozent des deutschen Eiermarktes«, bilanzierte Paul Schockemöhle 1971. Jahresumsatz: 40 Millionen Mark.

Als die Eierschwemme abebbte, verlegte sich Paul Schockemöhle auf Futtermittel, Strohmatten und Pferdezucht. »Wenn der Paul einen Hufnagel sieht, denkt er sofort an ein Eisengeschäft«, spöttelt der große Bruder Alwin. Pauls neueste Idee war die Deckstation Mühlen, denn allenthalben in der Bundesrepublik wurde nach Reit- und Turnierpferden gefragt. »Wir paaren nur Siegerhengste mit Siegerstuten«, lockte Paul Schockemöhle.

Nur eins klappte nicht so recht: Paul Schockemöhle durfte nie für Deutschland reiten. »Dieser Hühnerhof-Onassis kommt mir nicht in die National-Equipe«, grollte Ludolf von Veltheim, Gutsbesitzer und Vorsitzender im Springreiterausschuß der Deutschen Reiterliehen Vereinigung (FN).

Vor dem Olympia 1972 hatte Paul Schockemöhle gegen den fünfmaligen Olympiasieger Hans-Günter Winkler aufbegehrt: »Winkler drückt sich vor jedem Qualifikationsspringen.« Winkler wurde dennoch nominiert, Paul Schockemöhle nicht. Auch bei der Weltmeisterschaft 1974 übergingen ihn die Funktionäre. Obwohl Paul Schockemühle 1974 Deutscher Meister geworden war, booteten ihn die Rittmeister auch vor der Europameisterschaft 1975 aus. die Bruder Alwin gewann. Paul Schockemöhle: »Das gibt jetzt Tralala.«

Doch Tralala gab es zunächst beim Pferdehandel. An einen Schwarzwälder Kunden hatte Paul Schockemöhle für 80 000 Mark »Rigoletto« verkauft. »Paul hatte mir gesagt, das wäre ein Olympiapferd«, schimpfte der Käufer. »Der Rigoletto wurde so krank, daß ich ihn fast notschlachten lassen mußte.« Paul Schockemöhe schildert den Fall so: »Der kam im 600er Mercedes auf unseren Hof und zahlte nur 10 000 an, um den Rest prozessiere ich noch.«

Für den Wallach »Pascha« müssen angeblich dauernd Medikamente besorgt werden, weil er früher gedopt worden sein soll. Auch Pferde nut falschen Papieren und falschen Brandzeichen veräußert zu haben, warfen zornige Käufer Paul Schockemöhle vor. Außerdem soll der Meisterreiter aus Holland Pferde als Schlachtvieh billig eingeführt, aber als Reitpferde teuer verkauft haben. Schockemöhle: »Unsinn, obwohl das nicht einmal ungesetzlich wäre.«

Selten nur ist die Marktwirtschaft in der Bundesrepublik so frei wie im Pferdehandel. Weder gezüchtete noch eingeführte Pferde sind meldepflichtig. Besonders aus dem Ostblock kommen Pferde zu Tausenden ins Land.

Auch Paul Schockemöhle befürchtet, wie einst bei den Hühnern, eine Pferdeschwemme: »Viele kaufen Pferde, besitzen aber nicht einmal einen Stall.«

Für Olympia 1976 besitzt er selbst kaum noch eine Chance. Wie Olympiasieger Gert Wiltfang, der auch Pferde gedopt haben soll, wurde er vorerst von der FN gesperrt. Schockemöhle: »Dann reite ich für Österreich.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.