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BERLIN Trick mit Verträgen

aus DER SPIEGEL 13/1966

Berlins Sport behält auch in der nächsten Spielzeit einen Platz in der Bundesliga. Der Kicker-Klub Tasmania 1900 steigt zwar als Tabellenletzter aus der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse ab. Doch statt dessen kämpfte sich die Stoßtruppe des Berliner SC in einer anderen, rauhen Mannschaftssportart in die - Berlin und Bundesdeutschland verbindende - Bundesliga vor: im Eishockey.

Durch einen Sieg im Entscheidungsspiel gegen die Eis-Athleten aus der Bayern-Kreisstadt Landsberg qualifizierten sich die West-Berliner für einen Platz unter den oberen zehn.

»Dieses Spiel hätte auch das Olympia-Stadion gefüllt«, staunte Berlins Sportsenator Kurt Neubauer. Aber während im 93 000 Zuschauer fassenden Olympia-Stadion die Tasmania-Kicker seit Monaten vor leeren Rängen spielten, trat der Berliner Schlittschuh-Club im Sportpalast vor ausverkauftem Haus gegen Landsberg an. Polizei mußte sogar die Halle abriegeln. Zehntausende hatten sich vergebens um eine Eintrittskarte bemüht. Im Schwarzhandel waren Tickets für 50 Mark verkauft worden. Der Sportpalast faßt nur 6500 Besucher.

Zumindest ein Teil der ausgesperrten Sportfans durfte jedoch Hoffnung schöpfen, in der kommenden Saison aus dem Kartenkontingent zusätzlich berücksichtigt zu werden: In diesem Herbst soll die West-Berliner Deutschlandhalle am Funkturm mit einer modernen Eisbahn in den international üblichen Maßen von 60 mal 30 Meter (Sportpalast: 56 mal 26 Meter) ausgerüstet werden. Dann passen 11 000 Eishockey-Anhänger in die Deutschlandhalle - mithin 4500 mehr als in den Sportpalast.

Indes, die Hoffnung trügt: Der Berliner SC muß auch künftig seine Heimspiele im Sportpalast austragen. Denn bereits vor dem Aufstieg hatten der BSC-Präsident und der Palast-Direktor einen Ausschließlichkeitsvertrag abgeschlossen.

Erster Vorsitzender des BSC: Georg Kraeft; Direktor der Sportpalast GmbH: Georg Kraeft. Der Doppel-Funktionär setzte freilich unter den Vertrag mit sich selber nicht das eigene Autogramm, obgleich er allein vertretungs- und zeichnungsberechtigt ist. Für den Sportpalast ließ er seine Prokuristin - für den BSC den Zweiten Vorsitzenden und den Schatzmeister unterschreiben.

Schon zu wichtigeren Oberligaspielen war der BSC aus dem Neuköllner Eisstadion (Fassungsvermögen: 2500 Zuschauer) in den Sportpalast umgezogen. Für die Bundesligaspiele werden die 6500 Palastplätze nicht reichen.

Denn der BSC erinnert die Berliner an ihre erfolgsschwangere Eiszeit: Mit 18 (von 26) Deutschen Meisterschaften in den Jahren von 1912 bis 1944 ist der Berliner Klub immer noch Rekordmeister. Solange der BSC dominierte, war auch die deutsche Nationalmannschaft zweimal Europameister. 1932 gewann sie sogar eine olympische Bronzemedaille.

Doch während des Krieges wurden in Berlin und den meisten deutschen Großstädten die Eisstadien zerstört. Statt dessen beherrschten Mannschaften aus kleineren bayrischen Städten, wie Füssen, Garmisch und Bad Tölz, die bundesdeutsche Eishockeyszene. Die Nationalmannschaft wurde zweitklassig.

In den letzten Jahren wurden in vielen Städten neue Eisbahnen eröffnet. Großstadt-Teams aus Mannheim und Düsseldorf drangen auch im Eishockey wieder in die deutsche Spitzenklasse vor. Zugleich lernte die Nationalmannschaft wieder das Siegen: Bei der Weltmeisterschaft 1966 in Jugoslawien gewann sie im B-Turnier sämtliche Spiele.

Auch die 150 Berliner Eishockeyspieler fanden wieder Anschluß. Wirtschaftsberater Kraeft, der 1951 den Berliner Sportpalast aus Schweizer Besitz zurückgehandelt und überdacht hatte, war 1958 BSC-Vorsitzender geworden. Im Winter 1958/59 stieg die Kraeft-Truppe in die deutsche Oberliga auf.

Mit der Erfolgskurve stiegen auch die Zuschauerzahlen: 70 000 besuchten im vergangenen Winter die Spiele des BSC -Oberliga-Teams. Für die kommenden fetten Jahre schaltete Kraeft die Konkurrenz der Deutschlandhalle rechtzeitig aus. Vor Jahren hatte ihn der Einspruch des Berliner Senats daran gehindert, auch die an den Rand des Ruins geratene Deutschlandhalle zu übernehmen und in Berlin ein Hallen-Monopol zu errichten.

Trotz der im Sportpalast verminderten Einnahmemöglichkeit erwartet der BSC für die kommende Saison 500 000 bis 600 000 Mark aus dem Kartenverkauf. Einen Teil davon muß er allerdings investieren, um die BSC-Mannschaft genügend zu verstärken. »Unser nächstes Ziel ist die 19. Deutsche Meisterschaft«, kündigte Kraeft an. »Ich bin vorsichtig: Wir schaffen es in drei bis vier Jahren.«

Der sportfreudige Senator Neubauer fürchtete freilich nach den nervlichen Strapazen des Aufstiegsspiels, in dem die BSC-Gegner aus Landsberg schon 5:0 führten, bevor sie 6:8 verloren: »Das in der Bundesliga, und wir sind am Ende alle einem Herzinfarkt nahe.«

Direktor Kraeft im Sportpalast*

Polizeischutz vor Kartenkäufern

* Bei Eröffnung des Sechstagerennens.

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