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SEGELN## EINTONNER-CUP Tricks unter Wasser

aus DER SPIEGEL 12/1971

Seit Kolumbus segeln Schiffe auf festem Kiel. Im letzten Jahr durchbrach der amerikanische Konstrukteur Richard E. Carter das scheinbar unumstößliche Gesetz: Er stellte die erste Hochseejacht auf einen beweglichen Kiel um.

Jachtbau-Revolutionär und Kirchenchor-Mitglied Carter entwirft nicht für jeden. Bevor er etwa seinen Riß für den Eintonner »Optimist« freigab, besuchte er den künftigen Skipper, den Bremer Segelmacher Hans Beilken. Mit der Carter-Konstruktion ersegelte Beilken 1967 und 1968 den Eintonner-Cup, die begehrteste, jährlich ausgesegelte Trophäe im Hochsee-Rennsport.

So entschloß sich der amerikanische Konstrukteur, der Beilken-Crew für den nächsten Eintonner- Pokal auch seinen jüngsten Unterwasser-Trick zu verkaufen. Von den Jollen -- kleinere Boote, die in küstennahen Gewässern segeln -- hatte Carter schon den breiteren und flachen Rumpf auf seine Hochsee-Jachten übertragen. Fachleute nannten seine Entwürfe deshalb »Hochsee-Jollen«.

Jollen segeln statt auf einem Kiel mit einem sogenannten Schwert; es kann hochgezogen werden. Nun führte Carter auch für Hochsee-Jachten einen beweglichen Kiel ein. Für den Eintonner »Optimist B« sah er einen bis zu fünf Grad seitwärts und in der Längsrichtung um 40 Zentimeter verstellbaren Kiel vor. Carters Rechnung: Ein Schiff böte durch den Drehkiel gegenüber Konkurrenten mit starrem Kiel während der Regatta eine zusätzliche Möglichkeit, seinen Schwerpunkt zu manipulieren und dadurch Zeit zu gewinnen.

Beilken, der Juniorchef der Vegesacker Segelmacherei Friedrich Beilken, und Rolf Schmidt, der Vorsitzende der Segelkameradschaft »Das Wappen von Bremen«, gründeten eine Eignergemeinschaft. Sie brachte 175 000 Mark für den Bootsbau zusammen.

Mit ihrem 12,03 Meter langen Eintonner segelte die Beilken-Crew den deutschen Konkurrenten bei der Ausscheidung davon. Eine Meldung aus Neuseeland dämpfte freilich den Optimismus der »Optimist B«-Besatzung: Carter hatte auch dem neuseeländischen Cupverteidiger Chris Bouzaid das Unterwasser-Geheimnis enthüllt. Die »Optimist«-Schwester »Wai Aniwa« siegte in Neuseelands Qualifikations-Regatta vor 15 Eintonnern.

Auch im Halbtonner-Pokal kreuzte Bellken im Herbst 1970 schon mit der Schwenkkiel-Jacht »Schini IV«. Doch sie wurde 30. Bald stutzte Beilken abermals: Der Hamburger Eintonner »Apecist«, der sich als zweites deutsches Boot für die Pokalregatten vor Auckland qualifiziert hatte, besiegte die »Optimist B«.

Carters erstes Drehkiel-Modell, so ergab die Segel-Praxis, war offensichtlich noch nicht ausgereift. »Optimist B«-Skipper Beilken ordnete unter strenger Verschwiegenheit -- sogar gegenüber Carter -- eine Radikalkur an. Drei Wochen vor der Verschiffung auf der »Riederstein« für den Transport nach Auckland bestimmte er: »Der Kiel kommt raus.«

Nach ihren Erfahrungen entwarfen Beilken und seine Berater einen schmäleren und um 38 Zentimeter kürzeren Drehkiel. Navigator und Fruchtextrakt-Produzent Hans Schädlich bastelte in seiner Werkstatt das Holzmodell, Kartonagen-Fabrikant Rolf Schmidt lieh sich 2,5 Tonnen Blei und verfrachtete sie in die Gießerei Postler nach Glückstadt. Nach zwei Tagen lieferte die Delmenhorster Maschinenbaufirme Flügger die Achse zu.

»Das Schiff ist lebendiger«, freute sich Beilken und schickte sein Crew-Mitglied Horst Schütze voraus. Der Späher sollte unter der Wasserlinie des Konkurrenten »Wai Aniwa« anpeilen, ob auch ihr Drehkiel verändert worden sei. »Die haben den Dreh nicht mehr gekriegt«, telephonierte Schütze.

Tatsächlich fiel Pokalverteidiger Bouzaid auf den fünften Platz zurück. Die »Optimist B« mit Ihrem verbesserten Schwenkkiel ließ auch die zuletzt in deutschen Gewässern noch überlegene »Apecist« weit zurück und siegte in zwei der Insgesamt fünf Wettfahrten zum Eintonner-Pokal.

Am Gesamtsieg hinderte die Bremer auch ein Spruch der Jury: Sie verbot, den Kiel In Längsrichtung zu verschieben. So drängte die vom Carter-Konkurrenten Sparkman & Stephens entworfene australische Kunststoff-Jacht »Stormy Petrel« auch auf festem Kiel das Aluminium-Boot »Optimist B« auf den zweiten Platz ab.

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