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HEIMGERÄTE Trimmy und Siegel

Die Trimmwelle schwappt in die Stuben. Immer mehr Bundesbürger erwerben Heimtrainings-Geräte.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Käthe Strobel, frühere Gesundheitsministerin, strampelt sich auf einem Standfahrrad fit, Bundesinnenminister Genscher rudert als Vortrimmer der Nation im Trockenen. Und in der schnellsten Trimmzelle, dem Skylab, arbeiten die Astronauten an Ergometer und Expandiergerät gegen den Muskelschwund.

Wie Vorturner Genscher auf der Sportartikel-Messe, trimmen sich Bundesbürger in Stuben und auf Balkons schon an weit mehr als einer Million Trainingsgeräten: Sie rupfen an Expandern, schwingen Sprungseile, schnaufen auf scheppernden Standfahrrädern (119 bis 495 Mark) oder lockern ihre oft übergewichtige Gestalt an der Sprossenwand (von 77,50 Mark an).

»Das ist ein klarer Trend«, bestätigte der Sprecher der Deutschen Sportartikel-Industrie. Dr. Otto Prasse: 1972 sind Heim- und Trimm-Geräte für 75,7 Millionen Mark produziert worden. Die Gesundheitswelle, aus der auch die Trimmbewegung (Bekanntheitsgrad in der BRD: 93 Prozent) entstanden war, hatte Millionen mobilisiert. Den Hang zum Heim-Trimmen förderte auch der Deutsche Sport-Bund (DSB):

Seit 1971 prüfte er für Garten und Wohnung besonders geeignete Sportgeräte und wählte pro Jahr eines als »Trimmgerät des Jahres« aus. Zielgruppe waren vor allem die Unbewegten und Unbeweglichen, die sich aus Furcht vor Spott weder in Turnhallen noch auf Spielfelder trauen.

Bislang bewarben sich Hersteller mit 144 Geräten, die vorher schon eine Prüfung beim TÜV bestanden haben mußten, Davon zeichnete die auch mit zwei Ärzten besetzte Jury in drei Jahren erst 17 mit dem DSB-Gütesiegel aus. Die Marke zeigt eine Trimmy-Figur, die optimistisch ihren Daumen reckt.

Bei der Kölner Sportartikel-Messe bot der DSB kürzlich die von ihm empfohlenen Bewegungs- und Kraftapparate erstmals auf einem eigenen, stets belagerten Stand zum Probieren an. Mehrmals mußten verschwundene Artikei ersetzt werden. Als nächstes will der PR-Berater des Sportbundes, Dr. Klaus Becker, Produzenten anregen, Trainingshilfen für Behinderte, etwa Verkehrsopfer, zu entwickeln.

Bis vor wenigen Jahren hatten die Sporthäuser ihren Kunden noch weitgehend importierte Heimtrainings-Geräte angeboten. Doch die wachsende Zahl der Stuben-Trimmer bewog immer mehr bundesdeutsche Hersteller, den verheißungsvollen Trend zu nutzen. So entwickelte die Metallwarenfabrik Heinz Kettler seit 1971 ein umfangreiches Heimgeräte-Programm.

Die Continental Gummi-Werke verkaufen neuerdings auch einen expanderartigen Gummiriemen, ähnlich dem, den Erich Deuser, der Masseur der Fußball-Nationalmannschaft, zuvor zum Muskelspannen angeboten hatte. »Unwahrscheinlich, gut«, nannte eine Neckermann-Sprecherin den Verkauf der Heimgeräte. Für das Winterhalbjahr erwartete das Versandhaus hier einen Verkaufszuwachs von 30 Prozent.

Ganz umsonst hat sich auch der DSB nicht engagiert: Er bedang sich bis zu 3,3 Prozent vom Verkaufspreis jedes Gerätes mit seinem Trimmspiegel aus. Die Abgaben schmerzen kaum, solange die Gewinnspannen 50 Prozent erreichen und etwa der Woopy-Wip, ein gewölbtes Balancierbrett aus Hostalen, innerhalb eines Jahres eine Preiserhöhung von 10 auf 14,90 Mark verträgt. Erfahrene Heimtrimmer warnen freilich vor Enttäuschungen: Trimmdrang und Trainingswut weichen oft der Eintönigkeit, sofern sie immer nur an einem Gerät ausgelassen und in völliger Isolation befriedigt werden. Ein Arsenal verschiedener Geräte und Gemeinschaftstrainer bieten die für dauerhaftes Muskelspannen unerläßliche Abwechslung.

Übertreibung und unzulängliches Gerät können die Gesundheit sogar gefährden. So warnte die Baden-Württembergische Ärztekammer vor einem den Kreislauf schädigenden Bauchroller. Ein Apparat soll auch die Sitzsportler vor der TV-Scheibe aktivieren: Die Kurbeln des »Teletrimmers« (29,50 Mark) können beim Fernsehen aus dem Sessel getreten werden.

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