Nach Missbrauchsvorwürfen Turnverband fordert Entlassung von Chemnitzer Trainerin Frehse

Im SPIEGEL berichteten mehrere Athletinnen über Misshandlungen im deutschen Turnen. Nun hat der Verband Untersuchungen dazu abgeschlossen. Diese bestätigen die Vorwürfe. Und es gibt einen weiteren Verdachtsfall.
Frauen-Trainerin Gabriele Frehse: Alles für den maximalen Erfolg

Frauen-Trainerin Gabriele Frehse: Alles für den maximalen Erfolg

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Catalin Soare / dpa

Das Präsidium des Deutschen Turner-Bundes (DTB) hat den Olympiastützpunkt Sachsen aufgefordert, das Arbeitsverhältnis mit der Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse vollständig zu beenden. Dies geht aus einer 13-seitigen Stellungnahme des Verbandes hervor .

Diese bezieht sich auf den Abschlussbericht einer Frankfurter Anwaltskanzlei, die im Auftrag des DTB den schweren Vorwürfen nachgegangen war, die unter anderem die ehemalige Weltmeisterin Pauline Schäfer, 24, erstmals im SPIEGEL gegen Frehse erhoben hatte. Sie und insgesamt ein Dutzend weitere Athletinnen hatten berichtet, zum Teil über Jahre von der Trainerin am Bundesstützpunkt in Chemnitz mental misshandelt worden zu sein. Zudem habe Frehse ihnen starke Schmerzmittel gegeben oder sie in die Essstörung getrieben. Alles für den maximalen Erfolg. Frehse bestreitet die Anschuldigungen vehement.

Um diese Anschuldigungen aufzuklären, befragte ein fünfköpfiges Team aus vier Juristen und einer Psychologin in den vergangenen Wochen ausführlich 32 Personen, unter anderen Turnerinnen, Eltern und Trainingspersonal. Fazit: Eine »Vielzahl der Auskunftspersonen« habe im Zuge dessen ein Verhalten der Trainerin skizziert, das den Kriterien der psychischen Gewalt entspricht. Zudem sei die Kommission in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis gekommen, »dass:

  • in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen;

  • es darüber hinaus in mehreren Fällen zur Abgabe von Schmerzmitteln durch die Trainerin an Turnerinnen kam und die Trainerin in einem Fall das Opioid Tilidin an eine Turnerin zur Einnahme bei Wettkämpfen abgegeben hat und die betreffende Turnerin unter Einfluss dieses Medikaments bei einem internationalen Wettkampf gestürzt ist;

  • Turnerinnen auch unter Tränen weiter trainieren mussten und

  • Schmerzen der Turnerinnen, die der Trainerin mitgeteilt wurden, von ihr häufig nicht ernst genommen wurden.«

Unter anderem wegen dieser Anschuldigungen wurde gegen Frehse und einen Chemnitzer Arzt Ende Dezember Strafanzeige gestellt wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen und Körperverletzung.

Aus Sicht der Frankfurter Kanzlei besteht zudem der Verdacht, dass Frehse eine Athletin »bei einem Bundesligawettkampf eingesetzt hat, obwohl ihr bekannt war, dass die Turnerin nicht über eine ärztlich bestätigte Wettkampftauglichkeit verfügte, und die Trainerin die Verantwortlichen durch Vorlage der ärztlichen Bestätigung einer anderen Turnerin getäuscht hat.« Dies bestreite Frehse jedoch.

Laut der Frankfurter Anwälte gelte grundsätzlich weiterhin uneingeschränkt die Unschuldsvermutung: Weder mit der Erstattung einer Strafanzeige noch mit der Einleitung entsprechender Verfahren seien »belastbare Rückschlüsse auf eine etwaige bestehende (strafrechtliche) Verantwortlichkeit verbunden«.

DER SPIEGEL

Die Untersuchungskommission hatte auch die Trainerin selbst zu den Verdachtsmomenten befragt. Sie habe die »vorgeworfenen Verhaltensweisen größtenteils bestritten und sich für den Fall, dass eine namentlich benannte Turnerin sich aufgrund ihres Verhaltens schlecht gefühlt habe, entschuldigt.«

Laut der Frankfurter Anwälte habe es auch Personen gegeben, die »hauptsächlich positiv über die betroffene Trainerin berichtet haben«. 

Auch der niederländische CO-Trainer Beltman soll gehen

Wie aus der Stellungnahme des Verbandes hervorgeht, sieht der DTB aufgrund der Untersuchungsergebnisse »keine Grundlage für die weitere Betreuung von Athletinnen am Bundesstützpunkt Chemnitz durch Frau Frehse und fordert daher die vollständige Beendigung des Arbeitsverhältnisses von Frau Frehse«.

Zudem fordert der DTB »nachdrücklich«, ebenfalls das Arbeitsverhältnis mit dem niederländischen Trainer Gerrit Beltman in Chemnitz zu beenden. Er ist seit vergangenem Jahr in Chemnitz tätig – obwohl es schwere Missbrauchsvorwürfe gegen ihn gibt.

In beiden Fällen kann der DTB jedoch nur Empfehlungen aussprechen. Frehses Arbeitgeber ist der Olympiastützpunkt Sachsen. Beltman ist beim TuS Chemnitz-Altendorf angestellt.

»Schwere Pflichtverletzungen im Bundesstützpunkt«

Aus Sicht des DTB habe die Untersuchung »schwerwiegende Pflichtverletzungen im Bundesstützpunkt in Chemnitz bestätigt«. Im Zuge dessen muss sich der Verband auch seinem eigenen Versagen stellen: Der DTB hatte bereits 2018 Kenntnis darüber erhalten, dass es Probleme mit der Chemnitzer Trainerin gibt. Den Frankfurter Anwälten zufolge seien die damals vom DTB ergriffenen Maßnahmen »nicht ausreichend« gewesen, um die damals berichteten Sachverhalte »umfassend aufzuklären und präventiv« zu wirken.

Im Rahmen seiner Stellungnahme entschuldigt sich der Verband dafür »bei allen betroffenen Turnerinnen für das entstandene Leid«. Inwiefern das jedoch auch zu Konsequenzen in den höheren Etagen des Verbandes führt, geht aus der Stellungnahme nicht hervor.

Turnsport in ganz Deutschland gilt es zu hinterfragen

Der DTB schließt seine Stellungnahme mit einem Blick in die Zukunft. Es bestehe »struktureller Veränderungsbedarf«. Es bedürfe »effektiverer Strukturen zum Schutz vor Gewalt im Leistungssport«.

Um das Wohl der Athleten noch stärker in den Fokus zu setzen, wolle man sich auch dafür einsetzen, das Startalter bei internationalen Wettkämpfen von derzeit 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. Zudem müsse auch das Stützpunktkonzept in Bund und Ländern überdacht werden: »Die aktuellen Entwicklungen im Kinder- und Jugendbereich zeigen, dass durch große räumliche Entfernungen zum Elternhaus das Kindeswohl nicht immer vollumfänglich gewährleistet werden kann.« Darüber hinaus müsse Sorge dafür getragen werden, dass Athletinnen und Athleten »eine angemessene Zeit zur Genesung und für notwendige Auszeiten ermöglicht wird, ohne die Förderung und einen Kaderstatus zu verlieren.«