Antje Windmann

Turnskandal Chemnitz Besonders schlechte Kür

Antje Windmann
Ein Kommentar von Antje Windmann
Der Sportausschuss des Bundestages diskutiert über die Konsequenzen aus dem Turnskandal von Chemnitz. Hoffentlich lässt sich das Gremium nicht von der Person ablenken, die sich gerade zum Opfer stilisiert: die beschuldigte Trainerin Gabriele Frehse.
Gymnastikausrüstung in einer Turnhalle (Symbolbild)

Gymnastikausrüstung in einer Turnhalle (Symbolbild)

Foto: Getty Images / iStockphoto

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Bundestrainer Stefan Lurz jahrelang Schwimmerinnen manipuliert, gemobbt und sexuell genötigt haben soll. Die SPIEGEL-Recherche war kaum auf dem Markt, da trat Lurz von seinem Amt als Nachwuchstrainer am Bundesstützpunkt in Würzburg zurück.

Lurz galt als Erfolgstrainer. Als jemand, der junge Athletinnen und Athleten zu Olympiasiegern macht. So wie die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse. Auch ihr sagt man nach, eine »Goldschmiedin« zu sein. Auch sie steht derzeit massiv in der Kritik. Mehr als ein Dutzend junge Frauen werfen ihr vor, sie als Turnerinnen am Bundesstützpunkt in Chemnitz mental misshandelt, ihnen zum Teil starke Schmerzmittel gegeben oder sie in die Essstörung getrieben zu haben. Für den maximalen Erfolg.

Sowohl Lurz als auch Frehse bestreiten die Vorwürfe – gehen jedoch völlig unterschiedlich damit um. Lurz hat die einzige richtige Konsequenz gezogen und sein Amt niedergelegt. Wenngleich nicht ganz klar ist, ob auf Druck von außen, etwa seitens des Verbandes, oder freiwillig.

Frehse dagegen beißt öffentlich um sich, attackiert den Deutschen Turner-Bund (DTB) und den Sportausschuss des Deutschen Bundestages, der sich in seiner heutigen Sitzung mit den Strukturen am Standort Chemnitz beschäftigen will.

Man kann Frehses Vorgehen nur als strategischen Schachzug deuten. Um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken, aber auch, um zu verhindern, dass die öffentlichen Geldgeber nun Konsequenzen ziehen.

»Die Grenzen niemals überschritten«

Frehse, die seit Anfang Dezember 2020 freigestellt ist, beklagt insbesondere, dass sie den Abschlussbericht der Untersuchungskommission nicht einsehen könne, die im Auftrag des DTB die Anschuldigungen gegen ihre Person aufgearbeitet hatte. Die Autoren waren unter anderem zu dem Schluss gekommen, dass »in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen« und »es darüber hinaus in mehreren Fällen zur Abgabe von Schmerzmitteln durch die Trainerin an Turnerinnen kam«.

Weil sie den Bericht nicht kenne, so Frehse, sei es ihr »unmöglich«, zu den Vorwürfen und Ergebnissen öffentlich Stellung zu beziehen.

Immerhin konnte sie sich vor vielen Wochen in einem Interview mit dem MDR dazu äußern – in der Weise, wie die Athletinnen das beschreiben, habe sie »die Grenzen niemals überschritten« – und sie konnte über ihre Anwälte strafbewehrte Unterlassungserklärungen wegen konkreter Aussagen von Athletinnen fordern, die sich im SPIEGEL geäußert hatten. Namentlich.

Nachdem diese Abmahnungen von den Gegenparteien zurückgewiesen worden waren, kam von Frehse: nichts mehr.

Hinzu kommt, dass auch die Trainerin im Beisein ihrer Anwälte über viele Stunden von eben jener Kommission befragt wurde. Es ist unvorstellbar, dass sie dabei nicht mit den konkreten Anschuldigungen und Sachverhalten konfrontiert wurde.

Dass derzeit noch geprüft wird, ob Frehse den Bericht einsehen kann, liegt daran, dass der DTB die Rechte der mutmaßlichen Opfer schützen möchte. Einige Beteiligte hatten sich nur anonym geäußert, weil sie sich bis heute vor ihrer ehemaligen Trainerin fürchten. Dass junge Frauen seelische Narben aus der Zeit unter ihr davongetragen haben, scheint Gabriele Frehse aber bis heute nicht verstanden zu haben.

Niemand scheint Frehse zu stoppen

Zudem verwundert, dass niemand sie zu stoppen scheint. Es wirkt, als habe sie in ihrem Umfeld kein Korrektiv: Eltern aktueller Turnerinnen sind voll des Lobes, obwohl sie in der Vergangenheit teilweise selbst schon mit ihr aneinandergeraten sind. Und Funktionäre vor Ort leisten ihr gedankliche Hilfestellung, indem sie behaupten, Turnen sei nun mal kein Kindergeburtstag und Frehse nur ein Bauernopfer.

Eine besonders schlechte Kür liefert dabei der Olympiastützpunkt (OSP) Sachsen ab, Frehses Arbeitgeber. Zwar hat er sie nach Aufkommen der Vorwürfe freigestellt, will aber der Aufforderung des DTB nicht nachkommen, Frehse zu entlassen. Ohne den Untersuchungsbericht habe man keine rechtliche Handhabe.

Dabei hat der Gesetzgeber für genau solche Fälle die Möglichkeit sogenannter Verdachtskündigungen geschaffen. Diese kann ein Arbeitgeber aussprechen, wenn er den Verdacht hat, ein Arbeitnehmer könnte eine strafbare Handlung oder eine schwerwiegende Pflichtverletzung begangen haben.

Und selbst wenn der OSP eine mögliche Auseinandersetzung im Anschluss vor Gericht verlieren würde – was zu bezweifeln ist, angesichts der zahlreichen Zeuginnen, die etwas zu den konkreten Sachverhalten sagen könnten – ja und? Immerhin hätten die Verantwortlichen dann bewiesen, dass das Kindeswohl im deutschen Leistungssport für sie wirklich an erster Stelle steht.

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