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»Tut es nicht weh, wenn du köpfst?«

Kubas Staatschef Fidel Castro empfing den Fußball-Star Diego Maradona Kubas Nachrichten-Agentur »Prensa Lalina« wählte den argentinischen Fußball-Heros Diego Maradona zum lateinamerikanischen »Sportler des Jahres 1986«. Maradona, der diese Woche mit seinem Verein SSC Neapel beim Hamburger SV gastiert, nahm den Preis in Havanna entgegen. Kubas sportbegeisterter Staatschef Fidel Castro empfing die Familie Maradona zu einem dreistündigen nächtlichen Plausch. An dem Gespräch nahm der kubanische Journalist Elmer Rodriguez teil. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Castro will wissen, wie Maradona seine Elfmeter schießt.

Maradona: »Ich komme zum Ball, und bevor ich schieße, im letzten Moment, sehe ich den Torwart an. Ich schaue, um die richtige Ecke auszusuchen, ob er sich bewegt oder ruhig stehen bleibt.«

Castro: »Aber, Chico, du schießt den Ball ohne hinzusehen?«

Maradona: »Ja.«

Castro: »Chico, wie schafft das dein Kopf? Er muß eine Maschine sein.«

Castro, der als Jugendlicher Fußball gespielt hat, will wissen: »Tut es nicht weh, wenn du den Ball köpfst?« Auf Maradonas »Nein« fragt er nach: »Warum tat mir denn früher der Kopf weh, als ich in der Schule spielte?«

Maradona tröstet ihn: »Früher war es anders, der Ball war härter.«

Castro: »Ah, das beruhigt mich, Chico. Ich war Rechtsaußen, konnte aber beidfüßig schießen. Später habe ich dann zu Basket- und Baseball gewechselt.«

Maradona: »Warum?«

Castro: »Weil ich abends spielen konnte. Wie sollte man ohne Licht abends Fußball spielen?«

Beim Thema Baseball, einem kubanischen Volkssport, kommt der Staatschef in Fahrt. Baseball-Spieler wie auch Boxer bekämen immer wieder Profi-Angebote aus dem kapitalistischen Ausland. Aber, erläutert der Revolutionär, sie zögen die Zuneigung ihres Volkes vor. Dabei kommt Castro auf Kubas berühmtesten Boxer zu sprechen: den Schwergewichtler Teofilo Stevenson, der drei olympische Goldmedaillen gewann.

Castro: »Jetzt gibt es einen, der ist besser als Teofilo. Ich erinnere mich im Moment nicht an seinen Namen, aber er hat 70 Kämpfe gewonnen, davon 61 durch K.o.«

Er weiß allerdings nicht so recht, warum der neue Held nicht an den Panamerikanischen Spielen mitwirkt.

»Ja«, will Maradona wissen, »warum nimmt er nicht teil?«

Fidel steht auf und kommt nach fünf Minuten zurück.

Castro: »Hier ist es, Chico. Das wußte ich nicht. Er wurde aus der Mannschaft ausgeschlossen, weil er drei Tage betrunken war. Wie schade, bestimmt sind seine Kameraden böse auf ihn. Er ist kein Säufer, sicher wollte er sich nur ein wenig amüsieren.«

Dann will er wissen, wie es mit der Gewalttätigkeit im Fußball stehe.

»In Südamerika«, antwortet Maradona, »wird viel gefoult. Die Schiedsrichter lassen das durchgehen.« Besonders rüde gingen die Verteidiger bei Eckbällen zu Werk: »In dem Moment, wenn die Ecke geschossen wird, ziehen sie dich an den Haaren und halten dich an der Hose fest. Es ist furchtbar.«

Castro wirft ein, daß ihn das an Wasserball erinnere. Unter Wasser passiere viel, was man nicht sehe.

Es ist fast drei Uhr nachts, als Maradonas vier Monate alte Tochter Dalma Nerea, die auf dem Schoß ihrer Mutter Claudia der Konversation beisitzt, ihren Unmut immer vernehmlicher äußert. Maradona schenkt Castro ein Trikot mit der Nummer zehn, das der Comandante in einem speziellen Museum aufbewahren will.

Dann nimmt Maradona Castro beiseite und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Comandante nimmt seine olivgrüne Mütze vom Kopf und setzt sie dem Fußballer auf. Maradona schwört bei Gott, sie fortan überallhin mitzunehmen.

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