Ukrainische Auswahl bei den Paralympics Das Team der roten Augen

Wohnhäuser zerstört, ein Vater offenbar in russischer Gefangenschaft: Die ukrainischen Athletinnen und Athleten kämpfen in Peking um Medaillen – und leiden mit der Heimat.
Die Ukraine gehört bei den paralympischen Spielen zu den Topnationen

Die Ukraine gehört bei den paralympischen Spielen zu den Topnationen

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Jens Büttner / dpa

Die Frage wiederholt sich jeden Morgen: Ob sie wenigstens etwas geschlafen haben, möchte der Präsident des ukrainischen paralympischen Verbands von seinen Athletinnen und Athleten wissen.

Die Antwort glaubt der 67 Jahre alte Valeriy Sushkevych bereits zu erkennen, er sieht sie in den Augen seiner Sportler, die rot vor lauter Müdigkeit und von den Sorgen um die Angehörigen sind. Das erzählte er den Berichterstattern vor Ort. Niemand aus der Ukraine kommt bei den Spielen in Peking zur Ruhe, wenn in der Heimat russische Bomben auf Wohnhäuser fallen. Sie selbst sind in China zwar in Sicherheit, doch die emotionale Belastung muss unvorstellbar groß sein.

Als Vitaliy Lukyanenko, ein sehbehinderter Biathlet, am vergangenen Samstag mit seinem Guide über die sechs Kilometer an den Start gehen sollte, war sich Präsident Sushkevych sicher, Lukyanenko müsse eigentlich zurück ins Bett. So erschöpft habe der 43-Jährige ausgesehen. So könne man kein Rennen bestreiten.

Kraftlos, aber Sieger: Vitaliy Lukyanenko im Ziel

Kraftlos, aber Sieger: Vitaliy Lukyanenko im Ziel

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Lukyanenko wurde in Sumy geboren, einer Stadt im Nordosten der Ukraine, die gerade in den Schlagzeilen steht, weil Fluchtkorridore die Bewohner vor den russischen Angreifern retten sollen. Heute lebt Lukyanenko mit seiner Familie in Charkiw, wo die Zerstörung durch die Bombardierung besonders groß sein soll und die humanitäre Lage eine Katastrophe.

Wenn Lukyanenko Peking in den nächsten Tagen wieder verlässt, ist es möglich, dass seine Heimatstädte kaum noch wiederzuerkennen sind. Wo früher Schulen waren, liegt heute Schutt und Asche. Womöglich ist auch sein Haus betroffen, er weiß es nicht, seine Familie ist auf der Flucht und, ein Glück, offenbar in Sicherheit.

Er wäre, sollte sein Haus betroffen sein, kein Einzelfall. So berichtete der ukrainische Para-Athlet Dmytro Suiarko, dass das Haus, in dem er in der Ukraine wohnt, bombardiert und zerstört worden sei. Auch die Athletin Lyudmila Liaschenko sagte, ihr Wohnhaus in Charkiw sei von russischen Bombenangriffen zerstört worden.

Die mutigen Sportlerinnen und Sportler

Doch wenn man eins in den vergangenen Tagen über die Ukraine erfahren hat, dann, dass viele Menschen dort eine große Kraft und Mut auszeichnet. Eine Kraft, die die Ukrainer vom Aufgeben abhält. Und so kam es, dass der völlig erschöpfte Lukyanenko an den Start ging und sein Rennen durchhielt. Am Ende lag er im Ziel, als paralympischer Goldmedaillen-Sieger.

»Ich möchte diese Medaille den Leuten widmen, die unsere Städte schützen«, sagte Lukyanenko am Samstag. Drei Tage später gewann der Routinier, der schon fünf Mal bei Winterspielen dabei gewesen ist, noch eine zweite Goldmedaille. Er und seine Teamkollegen haben sich das Ziel gesetzt, mit ihren Siegen auf das Leid ihrer Mitmenschen aufmerksam zu machen.

Präsident Valeriy Sushkevych (im Rollstuhl) mit der ukrainischen Auswahl

Präsident Valeriy Sushkevych (im Rollstuhl) mit der ukrainischen Auswahl

Foto: Zhe Ji / Getty Images for International Paralympic Committee

Insgesamt 19 Medaillen, darunter sechsmal Gold, konnte die ukrainische Para-Auswahl bereits gewinnen, damit steht sie im Medaillenspiegel auf dem dritten Platz hinter Kanada und China. Die Ukraine gehörte auch bereits bei vergangenen paralympischen Winterspielen zu den Topnationen. Doch diesmal, sagt Präsident Sushkevych, seien die Ergebnisse ein Wunder, wenn man die Umstände bedenke.

Doch auf jede Erfolgsgeschichte scheint eine Nachricht aus der Heimat zu folgen, die alle in die grausame Realität zurückholt. Die Athletin Anastasija Lalentina berichtete, dass ihr Vater, ein Soldat in der ukrainischen Armee, von russischen Soldaten gefangen genommen worden sei. »Sie haben ihn geschlagen«, sagte Teamsprecherin Natalija Haratsch in Peking.

Auch die Sorge um andere Menschen mit Behinderung ist groß. »Die Menschen im Rollstuhl können nicht vor Bomben davonlaufen«, sagt Präsident Sushkevych, der wegen Kinderlähmung bereits von klein auf im Rollstuhl sitzt. »Die Blinden können nicht vor den Raketen davonlaufen.«

Sushkevych ist der Kopf einer insgesamt 54 Personen großen Delegation in der Ukraine. In der Heimat wird er geschätzt für seinen Einsatz im paralympischen Sport, in den vergangenen drei Jahren gehörte der frühere Para-Schwimmer auch der Regierung an, wo er sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzte.

Iryna Bui gewann Gold im Biathlon

Iryna Bui gewann Gold im Biathlon

Foto: Thomas Lovelock / HANDOUT / EPA

Für Sushkevych und sein Team war es bereits ein Kraftakt, überhaupt eine Mannschaft nach Peking zu entsenden. Die Teamsprecherin sagte in den vergangenen Tagen, man habe mit dem Bus die Delegationsmitglieder aus ganz Europa eingesammelt. Der Bus sei über Polen, die Slowakei und Österreich nach Mailand gefahren, vier Tage und vier Nächte habe es gedauert. »Und am Ende sind wir tatsächlich alle hier«, sagte Natalija Haratsch. Die Mühen haben sich gelohnt, ihre Siege sind Symbole für den Frieden – auch wenn das Leid damit nicht beendet werden kann.

Und es dürfte auch eine merkwürdige Situation sein, nun in China für den Frieden in der Heimat zu kämpfen. Die chinesische Regierung gilt als enger Partner Russlands, Chinas Machthaber Xi Jinping verurteilte den russischen Angriffskrieg bisher nicht. Auch die Solidarität mit der Ukraine hat in China ihre Grenzen, bei der Eröffnungsfeier der Spiele wurden einige Friedensbotschaften vom Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees, Andrew Parsons, im chinesischen Staatsfernsehen zensiert.

Ein anderes Problem steht der Ukraine noch bevor: Wohin werden die Athletinnen und Athleten zurückkehren?

Einige haben ihre Wohnhäuser längst verloren, ohnehin scheint die Rückkehr in die Ukraine, in ein belagertes Land, keine Option. Noch gibt es keine Lösung für das Problem, heißt es, auch kein Geld. Die Hoffnung ist, dass alle Teammitglieder vorerst an einem Ort in Europa unterkommen können, in Sicherheit.

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