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Unter Brüdern

Weltmeisterschaften und Olympiaden finden immer häufiger in Städten der Dritten Welt statt. 697 Schwimmer kämpfen jetzt im kolumbianischen Cali um WM-Medaillen.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Arglos zogen die bundesdeutschen Leichtathleten mit ihren kolumbianischen Gastgebern in das Universitätsstadion von Bogota. Plötzlich stürzte der Kolumbianer Victor Mora vor die Zuschauerränge, wies auf seine zerschlissenen Turnschuhe und schrie: »Wie sollen wir damit die Deutschen schlagen?«

Doch eine halbe Stunde später siegte Mora über 3000 Meter. »Er errang zwar den einzigen kolumbianischen Sieg«, berichtete der Düsseldorfer Manfred Steffny, »aber ausgerechnet gegen mich.« Das war 1968 gewesen. Inzwischen spielte sich das unterentwickelte Hochland -- 40 Prozent der 21 Millionen Einwohner sind Analphabeten -- als Sportweltmacht auf.

Seit dem letzten Wochenende kämpfen -- rund 1000 Meter über dem Meeresspiegel -- 697 Schwimmer aus 39 Nationen in Kolumbiens drittgrößter Stadt Cali (920 000 Einwohner) um WM-Medaillen. Organisationskosten: zwei Millionen Dollar. Noch in diesem Jahr findet in Cali die Weltmeisterschaft der Basketballerinnen statt. Und 1986 darf Kolumbien die Fußball-Weltmeisterschaft veranstalten.

»Cali ist die sportlichste Stadt der Welt«, behauptet WM-Organisator Dr. Jorge Herrera Barona. Bald sollen auch die einheimischen Athleten aus dem Hochland sportliche Hochleistungen erringen. Denn nirgendwo lassen sich international aufsehenerregende Erfolge schneller produzieren als im Sport »Bis heute«, kritisierte das »Deutsche Sportecho« in Ost-Berlin Kolumbiens Leibesübungen, »besteht die Körpererziehung vieler 12jähriger Mädchen in einer grenzenlosen Kinderprostitution.« Und das wird wohl noch Jahre so bleiben.

Ebenso wie das für zehn Jahre mit Sportgroßveranstaltungen ausgebuchte Cali hatten auch andere Städte der Dritten Welt den Anschluß an das Weltniveau über den Sport gesucht. Bereits 1923 wollte Olympiagründer de Coubertin den Afrikanern mit einem Ersatz-Olympia sportliche Nachhilfe geben. Die ersten Afrika-Spiele 1925 in Algier scheiterten aus finanziellen Gründen. Auch Alexandria vermochte 1929 Afrikas Olympia nicht zu verwirklichen. Engländer und Franzosen stoppten erneut den Marsch der Afrikaner durch die Sportinstitutionen. Erst 1965 Brazzaville und dann 1973 Lagos, nunmehr Hauptstadt des unabhängigen Staates Nigeria, richteten die beiden ersten Panafrikanischen Spiele aus. 1974 zog Persiens Hauptstadt Teheran mit den Asien-Spielen nach. Höhepunkt: das neuerliche Auftreten der Rotchinesen.

Um die aufwendigen Sportstätten für 100 000 Zuschauer sowohl innen- wie auch außenpolitisch zu nutzen, ließen Herrscher in der Dritten Welt immer häufiger die Sporthelden aus den USA und Europa zu sich kommen. Zaires Staatschef Mobuto lockte die steuerflüchtigen Großverdiener Cassius Clay und George Foreman in seine Hauptstadt Kinshasa.

Kaum hatte sich Clay den Titel in Mobutus Boxring zurückgeholt, bot Malaysias König die Hauptstadt Kuala Lumpur für einen Clay-Kampf an. Weitere Clay-Station am 1. Oktober: Manila. Dort war gerade der Schachweltmeister Bobby Fischer als sportlicher Dienstleister ausgefallen. Eingedenk des erfolgreichen Fischer-Festivals im isländischen Reykjavik 1973, womit der Inselstaat seine Fremdenverkehrslage weiter aufbesserte, hatten die Philippinen für fünf Millionen Dollar den neuen Machtkampf des US-Weltmeisters mit einem UdSSR-Herausforderer ersteigert. Doch der unberechenbare Schachweltmeister Fischer sagte ab. Unverzüglich buchte Manila vom Denksport auf Clays Bizeps um.

»Wir legen besonderen Wert auf die Berichterstattung durch die internationale Presse«, erklärte Calis WM-Koordinator Alfredo Cajiao vor den Schwimm-Weltmeisterschaften. Neben den Schwimmern sind rund 250 Reporter ins Land mit dem zweitgrößten Kaffee-Export der Welt gekommen. Eine privat betriebene Fernsehgesellschaft überträgt per Satellit die Schwimmschau aus der Kordilleren-Region weltweit. Einheimische Schwimmer besitzen zwar keine Medaillenchancen, können auch kaum in die Endläufe vorstoßen.

Dennoch errangen Kolumbiens Athleten in anderen Disziplinen gelegentlich aufsehenerregende Erfolge. Bei der Fußball-WM 1962 in Chile war ein 4:4 gegen die UdSSR geglückt. Während der Panamerikanischen Spiele, mit denen 1971 in Cali die modernen Sportstätten eingeweiht worden waren, fielen für die Gastgeber 28 Medaillen ab -- nur Kuba gewann von Lateinamerikas Ländern mehr. Als 1974 Kolumbien eine US-Equipe sensationell im Tennis-Daviscup mit 4:1 ausbootete, gratulierte Präsident Misael Pastrana persönlich: »Ihr habt Außergewöhnliches geleistet.«

Immer dann, wenn einem Kolumbianer ein internationaler Sporterfolg glückte, rückte er in den kleinen Kreis der Großverdiener des Landes auf. Vor allem die Boxer wurden Profis. Später erhielten sie Posten in der staatlichen Sportorganisation »Coldeportes«. Antonio Cervantes, genannt »Kid Pambele«. wurde Weltmeister der Berufsboxer im Juniorweltergewicht und durfte zur Audienz beim Präsidenten erscheinen. Der stellte ihm einen Wunsch frei. Cervantes: »Wasser und Licht für mein Dorf Sau Basilio de Palenque.« Die Bitte wurde erfüllt.

Der mit Sportstätten bebaute Teil der Stadt Cali ist größer als der Stadtkern samt Verwaltungsgebäuden. Außer einem Stadion mit einem Fassungsvermögen von mehr als 62 000 Zuschauern und mit einer modernen Kunststoffbahn gibt es mehrere Schwimmbäder, Hockeyplätze. Basketball- und Turnhallen. Wohnungsbau für untere Bevölkerungsschichten findet so gut wie gar nicht statt. Coldeportes-Direktor Dr. Humberto Zuluaga verkündet Ruhmvolleres: »Was Kolumbien plant, ist die Revolution des Sports in Lateinamerika.«

Die finanziellen Mittel hierzu kommen überwiegend aus dem Ausland. Rund fünf Millionen Mark investierte auch die Bundesrepublik Deutschland zur Förderung des Schulsports und der Sportwissenschaft. Allerdings geriet dieses Projekt inzwischen in interne Schwierigkeiten: Intrigen unter den deutschen Projektmitarbeitern verhinderten bislang die eigentliche Förderungsarbeit.

Den Kolumbianern selbst ist Schulsport auch längst nicht so wichtig wie der medaillenverheißende Spitzensport. »Wenn man überhaupt einen Schulsportlehrer hier trifft«, berichtet der deutsche Sportlehrer Dr. Herbert Hopf, »dann unterrichtet er in Schlips und Kragen.« Und sicher ist er ein näherer oder entfernter Verwandter eines Regierungsbeamten. Der Präsident des Basketballverbandes ist ein Bruder des Staatspräsidenten, der Turnierleiter für die Basketball-WM 1975 ein Bruder des Bürgermeisters von Cali.

»Wer hier 100 000 Mark unters Volk bringen will«, so Hopf, »muß 100 Parties bei den Honoratioren besuchen.« Ob dann allerdings noch viel bis zu den »barrios clandestinos«, den Elendsbaracken am Rande der Städte wie Cali, durchsickert, bleibt fraglich.

Trotzdem scheint das kolumbianische Sportmodell zum Ruhme von Politikern und Geschäftsleuten Vorbild für noch kleinere Länder zu werden: Um die Fußballweltmeisterschaft 2002 bewirbt sich Paraguay.

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