US-Sieg gegen Brasilien Kitschiger als Hollywood

Der WM-Viertelfinalsieg der USA gegen Brasilien war die perfekte Comeback-Geschichte. Die Nordamerikanerinnen waren schon fast ausgeschieden, doch dann rettete sich das Team über das Elfmeterschießen ins Halbfinale. Dort will die Mannschaft nun Frankreich aus dem Weg räumen.

Getty Images

Von , Dresden


Sie hatten gezittert, gehofft und gebangt: Als Alex Krieger den finalen amerikanischen Strafstoß beim Elfmeterschießen gegen Brasilien cool ins Tor geschoben hatte, kannte der Jubel bei den US-Spielerinnen keine Grenzen mehr.

Hope Solo, die überragende Hauptdarstellerin beim 5:3 (2:2, 1:1, 0:1) der USA gegen Brasilien im Viertelfinale dieser Frauen-WM, sprang über die Absperrung, hin zu den Verwandten, Freunden und Fans der US-Mannschaft, die im Dresdner Stadion in der ersten Reihe saßen. Ein Mann, der sich das Sternenbanner ins Gesicht geschminkt hatte, küsste ihre Handschuhe. Dann nahm die 29-Jährige den kleinen Sohn ihres Bruders auf den Arm.

"Das war Jonny", sagte Solo später, "ich habe ihn sehr vermisst. Er hat das erste Mal zugesehen." Der Zweijährige konnte sicher nicht begreifen, welchem historischen Ereignis er da gerade beigewohnt hatte.

Sundhage beeindruckt von amerikanischer Einstellung

Doch auch seine Tante hatte Probleme, das Geschehene einzuordnen. "Es war alles so verwirrend", stammelte die Torhüterin später, "aber wir haben bei diesen vielen Gefühlen einen kühlen Kopf behalten." Und mit ein bisschen Pathos in der Stimme sagte Solo, die zum "Player of the Match" gekürt wurde: "Wir haben alles gegeben. Wir haben unser Herz auf den Platz geworfen."

Das will das US-Team auch am Mittwoch tun, wenn in Mönchengladbach das Halbfinale gegen Frankreich (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ansteht. Pia Sundhage, die schwedische US-Trainerin, war ihr Stolz deutlich anzumerken, als sie auf der Pressekonferenz von dem besonderen Geist ihrer Auswahl sprach. "Als Europäerin kannte ich das nicht, aber die amerikanische Einstellung ist es immer, nie aufzugeben und bis zuletzt Höchstleistung abzurufen."

Die 51-Jährige gab zu, so etwas "noch nie erlebt" zu haben. Wahrscheinlich hätten sich selbst berühmte Hollywood-Regisseure nicht getraut, solch ein Drehbuch für eine Wiederholung des WM-Halbfinales von 2007 vorzulegen. Anders als damals im chinesischen Hangzhou, als die Brasilianerinnen ein müdes US-Team 4:0 besiegten, triumphierte nun der Weltranglistenerste. Und das trotz der teils grotesken Entscheidungen der australischen Schiedsrichterin Jacqui Melksham.

"Ich weiß auch nicht, was da warum entschieden wurde"

Nach dem unglücklichen Eigentor der brasilianischen Verteidigerin Daiane (2. Minute) hatte Melksham nach 65 Minuten einen Auftritt, der diese packende Partie prägen sollte. Erst gab die Unparteiische der Amerikanerin Rachel Buehler nach einer Hakelei mit Marta die Rote Karte und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Cristiane scheiterte an Solo, doch Melksham ließ den Strafstoß wiederholen. Den zweiten Versuch versenkte Marta sicher (68.).

Auch das zweite Tor der 25-Jährigen (92.) war wegen Abseitsstellung der Flankengeberin Maurine eigentlich nicht regulär. Melksham hatte wohl selbst das schlechte Gewissen gepackt, denn im Elfmeterschießen ließ die 32-Jährige dann auch den ersten - eigentlich von der brasilianischen Torfrau Andreia gehaltenen - Versuch von Shannon Boxx aus rätselhaften Gründen wiederholen.

"Ich weiß auch nicht, was da warum entschieden wurde", sagte Solo, "aber wir haben dann für uns entschieden, dagegen anzugehen." Nach der Hinausstellung holte die Nummer eins alle Kolleginnen zum kollektiven Anfeuern zusammen. Und auch Stürmerin Abby Wambach machte ihren Mitspielerinnen in der zweiten Halbzeit der Verlängerung noch einmal Mut.

Weltfußballerin Marta bleibt weiter ohne WM-Titel

Es passte zu diesem Spiel, dass ausgerechnet die bis dahin unglücklich agierende US-Stürmerin das 2:2 köpfte. In der zweiten Minute der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit der Verlängerung - mehr Dramatik geht kaum. Den Grund für dieses beeindruckende Comeback gab dann wieder Solo: "Es ist ein besonderes Gefühl, das uns zusammenbringt. Das kann man nicht trainieren", sagte die Torhüterin, "ich weiß nur, dass Pia uns alle zusammengebracht hat."

Die gefeierte Trainerin stellte nüchtern fest: "Brasilien hat mit Marta die beste Spielerin der Welt - wir waren aber als Mannschaft besser." Für die unvollendete südamerikanische Weltfußballerin war das Ausscheiden bitter: Wieder scheitere sie bei dem Versuch, den ersten Weltmeistertitel zu holen.

"Sie war stark, sie war genial", lobte Trainer Kleiton Lima die zweifache Torschützin, "doch solch eine Niederlage macht traurig." Die brasilianische Misere hat gegen die Auswahl der USA nunmehr eine lange Tradition: Zwei Olympia-Finals (2004 und 2008) hat die "Seleção Feminina" verloren und drei der bisherigen vier WM-Vergleiche.

Marta musste zudem Pfiffe der Zuschauer in Dresden verkraften. Trainer Lima sah sich deshalb genötigt, eine Botschaft ans Publikum zu richten: "Wir haben nicht die physischen Möglichkeiten wie die USA. Und für unsere Spielerinnen ist es viel schwieriger, im Alltag professionell zu arbeiten. Das Ausscheiden tut uns weh, aber ich mache allen bei uns klar, dass wir auch stolz sein dürfen." Es klang nach diesem tragischen Ausgang trotzdem nur wie ein schwacher Trost.

Brasilien - USA 5:7 n. E. (2:2, 1:1, 0:1)
0:1 Daiane (2., Eigentor)
1:1 Marta (68., Foulelfmeter)
2:1 Marta (92.)
2:2 Wambach (120.+2)
Elfmeterschießen
0:1 Boxx
1:1 Cristiane
1:2 Lloyd
2:2 Marta
2:3 Wambach
2:4 Rapinoe
3:4 Francielle
3:5 Krieger
Brasilien: Andreia - Aline, Daiane, Erika - Formiga (113. Renata), Ester - Fabiana, Maurine - Christiane, Rosana (85. Francielle), Marta
USA: Solo - Krieger, Buehler, Rampone, LePeilbet - LLoyd, Boxx, O'Reilly (108. Heath), Cheney (55. Rapinoe) - Wambach, Rodriguez (72. Morgan)
Schiedsrichterin: Jacqui Melksham (Australien)
Zuschauer: 25.598 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Aline, Marta, Maurine, Erika / Lloyd, Solo, Rapinoe, Boxx
Rote Karten: - / Buehler (66.)
Besonderheiten: Solo pariert Foulelfmeter von Cristiane - Marta verwandelt Wiederholung (68.)

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Seite 1
krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
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