Auf Nowitzkis Spuren Europa erobert die NBA

Immer mehr Ballkünstler aus aller Welt, vor allem aber aus Europa eifern Dirk Nowitzki und Predrag Stojakovic nach und drängen in die nordamerikanische Basketball-Profiliga. Die NBA begrüßt diese Entwicklung - aus sportlichen wie wirtschaftlichen Gründen.

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Dirk Nowitzki hat es in den USA weit gebracht - sogar aufs Cover der "Sports Illustrated"
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Dirk Nowitzki hat es in den USA weit gebracht - sogar aufs Cover der "Sports Illustrated"

Dirk Nowitzki ist ein Monster. Mit seiner schieren Körpergröße, überragendem Spielverständnis und einer tödlich sicheren Wurfhand ist er zugleich Wunsch- und Alptraum eines jeden NBA-Managers. Als Gegner wird er gefürchtet, im eigenen Team wäre er jedoch nur allzu willkommen. Nachdem sich der Deutsche nun langfristig an die Dallas Mavericks gebunden hat, geben sich Heerscharen amerikanischer Spielerbeobachter und Talent-Scouts in den Ligen auf der ganzen Welt die Klinke in die Hand - stets mit dem gleichen Ziel: Der nächste Nowitzki muss her.

Spätestens seit dem desaströsen Abschneiden des so genannten "Dream Teams" bei der WM im eigenen Land ist den Amerikanern eines klar geworden: Der Rest der Welt hat aufgeholt und begehrt nun mit Macht Einlass in die US-Profiliga. Dabei sind ausländische Spieler in der NBA nichts Neues. Seit Jahrzehnten bereichern Basketballer aus allen Ecken der Welt den Spielbetrieb in der Liga.

Insbesondere auf der Center-Position haben Größen wie Patrick Ewing (Jamaika), Hakeem Olajuwon (Nigeria) und Dikembe Mutombo (Kongo) gezeigt, dass auch jenseits des amerikanischen Kontinents Basketball-Talente gedeihen. Allerdings haben alle oben genannten Spieler eine US-College-Ausbildung absolviert. Ewing und Olajuwan besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft und vertraten als Mitglieder des "Dream Team" die Farben der USA bei den Olympischen Spielen in Barcelona und Atlanta.

Europäische Talente erhalten eine Chance

Doch seit den frühen neunziger Jahren finden immer mehr Basketballer aus Europa den Weg in die beste Basketball-Liga der Welt, die dort auch ohne College-Besuch mithalten können. Prominenteste Beispiele sind Toni Kukoc (Milwaukee Bucks), Vlade Divac (Sacramento Kings), Arvidas Sabonis (Portland Trail Blazers) oder der 1993 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Drazen Petrovic (Portland Trail Blazers und New Jersey Nets). Bei ihrem Eintritt in die NBA besaßen diese Spieler allerdings in ihren Heimatländern bereits Heldenstatus.

Neu ist nun, dass die NBA-Clubs seit einigen Jahren nicht mehr nur absolute Ausnahmespieler aus der alten Welt verpflichten. Vielmehr gehen die Manager dazu über, auch junge Nachwuchstalente unter Vertrag zu nehmen, die vielleicht erst in einigen Jahren ihr volles Potenzial entfalten können. Obwohl nicht ohne Risiko, ist diese Vorgehensweise inzwischen ein fester Bestandteil in der Zukunftsplanung der Vereine. Niemand möchte sich den nächsten Dirk Nowitzki durch die Lappen gehen lassen.

Überflieger: Der Spanier Pau Gasol wurde in der abgelaufenen Saison zum "Rookie of the Year" gewählt
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Überflieger: Der Spanier Pau Gasol wurde in der abgelaufenen Saison zum "Rookie of the Year" gewählt

Die Zeichen für einen Wandel in der NBA sind nicht zu übersehen. 2002 wurde beim Draft, einer Art Spielerbörse, bei der die Clubs neue Spieler aus High Schools, Colleges und den internationalen Ligen in ihre Teams verpflichten können, mit dem Chinesen Yao Ming zum ersten Mal in der Geschichte der Liga ein ausländischer Spieler an die erste Stelle gewählt. In der abgelaufenen Saison hatte ein Neuling aus Europa für Aufsehen gesorgt. Pau Gasol von den Memphis Grizzlies sicherte sich souverän den Titel des "Rookie des Jahres". Beim FC Barcelona hatte der Spanier mit starken Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und das Interesse der NBA-Scouts geweckt.

Warum drücken immer mehr europäische Spieler der Liga ihren Stempel auf? Galten Basketballer aus der alten Welt doch noch vor kurzem zwar als gute Distanzschützen. In Sachen Kreativität, Spielwitz und Dynamik aber - Eigenschaften, die von den Zuschauern in den Hallen und vor den Bildschirmen besonders geschätzt werden -, verließ man sich lieber auf den Nachwuchs aus dem eigenen Land.

Der langjährige NBA-Trainer und heutige TV-Kommentator Mike Fratello erklärt den Wandel: "Früher konnten die Europäer in Schnelligkeit und Härte einfach nicht mithalten. Doch dies hat sich dramatisch geändert." Auch Michael Wilborn, NBA-Berichterstatter der "Washington Post", sieht die Veränderungen in der Liga: "Für die ersten Europäer bestand die Leistung noch darin, es überhaupt in die NBA geschafft zu haben. Die neue Generation gibt sich damit nicht mehr zufrieden. Sie will Meisterschaften und Star-Ruhm."

Vorbildliche Arbeitseinstellung und mannschaftsdienlich

Die Gründe für den Erfolg der europäischen Ballkünstler, an deren Spitze Nowitzki und der Jugoslawe Peja Stojakovic mit alten Vorurteilen aufräumen, sind vielfältig. Trainer und Mitspieler schwärmen in den höchsten Tönen von der vorbildlichen Arbeitseinstellung und dem mannschaftsdienlichen Spiel der Europäer. Die Bereitschaft, persönliche Interessen außer Acht zu lassen und all die kleinen Dinge auf dem Feld zu tun, die in keiner Statistik auftauchen, findet immer mehr Anerkennung.

Zudem limitiert das amerikanische High-School- und vor allem das College-System das Basketballpensum der Nachwuchsspieler drastisch. Gary Williams, Trainer an der Universität von Maryland, hat dieses Problem erkannt: "Während der Saison dürfen unsere Jungs wegen der schulischen Verpflichtungen nicht mehr als 20 Stunden pro Woche trainieren. Viele der europäischen Spieler werden früh als Talente identifiziert und trainieren beinahe das ganze Jahr hindurch bis zu zweimal am Tag. Dadurch besitzen diese Spieler bereits im jungen Alter eine sehr gute fundamentale Ausbildung."

Effektivität des europäischen Systems

In den europäischen Ligen dagegen werden Talente bereits früh in die Profimannschaften integriert und sammeln so schon im Teenager-Alter unbezahlbare Kenntnisse und Spielpraxis. Den NBA-Clubs bleibt so eine lange Ausbildungszeit erspart. Tony Parker, französischer Spielmacher der San Antonio Spurs, hat bereits als 15-Jähriger bei den Profis mitgezockt. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen spielen die Nachwuchstalente aus Europa nicht nur gegen Spieler ihrer Altersklasse, sondern haben ältere, erfahrenere Mit- und Gegenspieler. Ein riesiger Vorteil auf dem Weg zu einer kompletten Spielanlage. Die Tatsache, dass die Spurs einem jungen Ausländer den Posten des Point-Guards, wohl die verantwortungsvollste und schwierigste Position überhaupt im Team, anvertrauen, spricht für die Effektivität des europäischen Systems.

Pascal Roller, Aufbauspieler der DBB-Auswahl, konnte während eines Summer-Camps, das er gemeinsam mit seinem Nationalmannschaftskollegen Robert Maras bei den Dallas Mavericks absolvierte, eigene Erfahrungen sammeln. Er sieht den europäischen Basketball auf einem guten Weg: "Sicher haben die Amerikaner vor allem im Bereich der Athletik noch einen Vorsprung. Das Spielverständnis hingegen ist bei europäischen Spielern im gleichen Alter meist schon viel größer."

Predrag Stojakovic führte die Sacramento Kings in der vergangenen Saison in die Conference Finals
AP

Predrag Stojakovic führte die Sacramento Kings in der vergangenen Saison in die Conference Finals

Nicht zuletzt aber hat die NBA größtes wirtschaftliches Interesse an einer internationalen Durchmischung der Liga. Seit Nowitzki bei den Dallas Mavericks Erfolge feiert, ist in Deutschland das Basketball-Fieber neu erwacht. Stetig steigende Teilnehmer- und Zuschauerzahlen bei der alljährlichen "NBA-Basketball-Challenge", einer Turnierserie für jedermann, sind hierfür ein Beleg. Ähnliches gilt für Pau Gasol in Spanien. Die Basketball-Begeisterung in Jugoslawien hat Tradition, Predrag Stojakovics Erfolge mit den Sacramento Kings halten sie auf höchstem Level.

Damit erschließt die NBA neue Märkte und sieht sich ungeahnten Absatzmöglichkeiten gegenüber. Als nächster Schritt wird eine Erweiterung der Liga über die Grenzen des nordamerikanischen Kontinents hinaus, erwägt. Commissioner David Stern, Chef der Liga, schließt eine solche Entwicklung nicht mehr aus: "Wir diskutieren über einen Sprung nach Europa. Das globale Potenzial der NBA ist riesig." Als frühesten Zeitpunkt für die Expansion gibt Stern das Jahr 2006 an.

Wie weit die amerikanischen Talentsucher bereits in die europäischen Ligen vorgedrungen sind, zeigt das Beispiel von Peter Fehse. Gerade einmal 19 Jahre jung und bisher nur beim Regionalliga-Club SV Halle aktiv, wurde Fehse beim diesjährigen Draft in New York von den Seattle Supersonics ausgewählt. Ob der deutsche Nachwuchsspieler jemals das Trikot der Sonics in der NBA tragen wird, ist noch offen. Die Botschaft, die seine Verpflichtung mit sich bringt, ist jedoch klar: Europäer verzweifelt gesucht.



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