Basketballwunder Bryant versetzt Amerika in Trance

Es gibt Tage, in denen selbst der gigantische amerikanische Sportbetrieb inne hält. Nach dem atemberaubenden Spiel von Kobe Bryant ist die gesamte NBA fassungslos. Und für seine Kollegen von den L.A. Lakers hat Bryant Sportgeschichte geschrieben.

Von Tobias Pox, Detroit


Vor 20 Jahren meinte die NBA-Legende Larry Bird, den himmlischen Herrn höchst selbst auf dem Basketballfeld erblickt zu haben. "Es ist einfach Gott, der sich als Michael Jordan verkleidet hat", sagte Bird nach einem weiteren unglaublichen Auftritt von "Air" Jordan. Am gestrigen Sonntag offenbarte sich erneut eine NBA-Erscheinung, die übermenschlich zu sein schien - diesmal stieg die höhere Macht jedoch in die Schuhe von Kobe Bryant.

Lakers-Profi Bryant: "Es ist ein Segen von Gott"
REUTERS

Lakers-Profi Bryant: "Es ist ein Segen von Gott"

Die 81 Punkte, die der Ausnahmekönner der Los Angeles Lakers beim 122:104-Sieg gegen die Toronto Raptors erzielte, haben die ganze amerikanische Sportnation in Trance versetzt. Hat Bryant wahrhaftig so eine unfassbare Vorstellung abgeliefert?

Diese Frage stellt sich nicht nur Jerry Buss. "Du sitzt da, guckst zu und es ist, als ob sich vor deinen Augen ein Wunder offenbart", kommentiert der Teambesitzer der Los Angeles Lakers, "irgendwie schaltet sich das Gehirn aus." Bei einer Zusammenfassung des Spiels auf dem TV-Sportkanal ESPN stammelte selbst der Kommentator: "Dies ist wahr, wirklich wahr und nichts als die Wahrheit."

Auch Bryants Mannschaftskollegen sind ungläubig. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich erlebe, wie derart Geschichte geschrieben wird", sagt Devean George. "Ich kann nicht erklären, wie das zustande gekommen ist."

Einige der Lakers-Spieler sowie Mitglieder des Trainerstabs ließen sich von Bryant nach dem Match eine Kopie des Statistikbogens signieren. L.A.s Hallensprecher erinnerte die Fans emphatisch daran, die Eintrittskarte von dieser "historischen Nacht im Staples Center" aufzubewahren.

Sogar Lakers-Coach Phil Jackson staunt ob der jüngsten Wundertat von Bryant. Und das will etwas heißen, schließlich trainierte der "Zen-Meister" einst niemand Geringeren als Jordan, den anerkanntermaßen besten Basketballspieler der Geschichte. "Ich habe schon so manches beeindruckende Spiel gesehen, aber noch nie eine solche Vorstellung", bemerkte Jackson.

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
Bryants 81-Punkte-Gala ruft natürlich allerorten den Vergleich mit dem Rekordspiel von Wilt Chamberlain hervor. Der legendäre Center erzielte am 2. März 1962 im Dress der Philadelphia Warriors 100 Zähler. Das sei ein Rekord für die Ewigkeit, hieß es seitdem. Inzwischen ist man sich nicht mehr so sicher. Angesichts der Tatsache, dass Bryant erst vor einigen Wochen gegen Dallas bereits 62 Punkte in nur drei Vierteln Spielzeit auflegte, scheint Chamberlains Marke nicht mehr unerreichbar zu sein.

Bryant will von einem potentiellen 100-Punkte-Spiel indes nichts hören. "Das ist undenkbar", sagt der Lakerboy. "Es ist ziemlich anstrengend, allein darüber nachzudenken." Doch selbst wenn Bryant den Rekord nicht einstellen und "nur" mit der zweitbesten Punkteausbeute in die Geschichtsbücher eingehen sollte, sein jüngster Auftritt ist im Endeffekt ebenso hoch, wenn nicht sogar höher zu bewerten als die legendäre Chamberlain-Vorstellung - auch wenn einige Experten und Puristen das sicher nicht gern hören.

Es ist jedoch unumstritten, dass das Punkten vor vier Jahrzehnten für Chamberlain wesentlich leichter war. Zum einen nahm "Wilt the Stilt" seine Würfe viel näher am Korb, zum anderen war das Spiel seinerzeit allgemein wesentlich schneller und punkteträchtiger.

Doch Vergleiche mit der Historie hinken immer, denn die Gegenwart ist schwer genug zu fassen - vor allem für Kobe Bryant selber. "Hier zu sitzen und zu behaupten, ich würde verstehen, was passiert ist, wäre eine Lüge - das könnte ich nicht mal im Traum", fasste der omnipotente Korbjäger die eigene Leistung zusammen - und bleibt bescheiden: "Es ist ein Segen Gottes, dass ich Basketball spielen darf."



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