Bekenntnis eines Basketball-Fanatikers Dramen, Kriege, magische Momente

Dank Michael Jordan und Co. wurde unser Autor Gerhard Spörl zum Basketball-Fanatiker. Mittlerweile ist er aus den USA zurück in der Diaspora Deutschland. Okay, dann eben runterkommen von dem Trip, dachte er - jetzt stellt er fest: "Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach."

Vor ein paar Tagen machte mich ein Freund aus Amerika auf einen Artikel aufmerksam, der sich um Gilbert Arenas drehte, den Guard der Washington Wizards, der verdammt gut und leider auch verdammt unbeständig spielt. Die "Washington Post" hatte sich mit seiner Herkunft und seiner Mentalität beschäftigt und daraus eine zweiteilige Serie gemacht. Ich habe ihn oft spielen sehen, er kam von den Golden State Warriors aus Kalifornien. Michael Jordan war gerade davon gejagt worden, es wäre natürlich apart gewesen zu sehen, wie dieser alt gewordene Wunderspieler mit dem Riesentalent zurecht gekommen wäre. Na ja, wahrscheinlich konnte Arenas nichts Besseres passieren, als dass um ihn herum ein neues Team geformt werden musste. Mit ihm begann die Nach-Jordan-Ära, wird die "Washington Post" irgendwann einmal schreiben. Bis hier und heute ist es noch keine Ära, aber ein Anfang.

Arenas fiel mir auf, weil er die Nummer 0 trägt. Wer jung ist und hoch hinaus will, trägt die 23, die Michael Jordan zur heiligen Zahl erhob und die Clevelands Superstar LeBron James für sich auswählte, ein Zeichen seines unfassbaren Selbstbewusstseins, eigentlich ein Sakrileg. Wer Miamis derzeit verletzten Center Shaquille O'Neal (2,16 Meter groß und fast 148 Kilogramm schwer; die Red.) nacheifern möchte, nimmt die 34, aber wer sieht schon so aus wie "Shaq"? Oder er greift sich die 8, die die Nummer des Lakers-Topscorers Kobe Bryant ist. Aber die 0? Was soll uns das sagen? Da wir allesamt Freudianer sind, ahnen wir schon, worauf das hinausläuft: Da hält einer nicht viel von sich. Und wir ahnen auch schon den Gegen-Satz: Da hält einer viel von sich. Zero reimt sich auf Hero.

Arenas ist 24, die ersten dreieinhalb Jahre lebte er in einem Crack-Haus in Miami bei seiner Mutter. So trostlos, wie die Wirklichkeit für den kleinen Jungen gewesen sein dürfte, kann sich das Unsereiner gar nicht vorstellen. Dann hatte irgendjemand ein Einsehen, rief den Vater an, der sich davon gemacht hatte und wenigstens Ansätze von Lebenstauglichkeit aufwies, und der kam vorbei, packte den Kleinen samt seiner kümmerlichen Habe – drei Kleidungsstücke, ohne Unterwäsche – und fuhr davon. Das gehörte zum Besten, was Gilbert widerfahren konnte.

From Zero to Hero

Der Vater wollte Schauspieler sein, bemühte sich immerhin darum und damit um ein Mindestmaß an Bürgerlichkeit. Die beiden zogen später nach Los Angeles, Gilbert senior bekam eine Sprechrolle in "Miami Vice", drehte ein paar Werbefilmchen, schlug sich durchs Leben und verschaffte seinem Sohn eine einigermaßen solide Schulbildung. Dann das Übliche: Stipendium an einer Universität, Profivertrag bei den Warriors, und nun die Wizards: ein Vertrag für sechs Jahre über 65 Millionen Dollar. Ferrari. Haus in Virginia. Tochter von der Freundin, der er ein Haus samt Wagen etc. in der Nähe finanziert.

Nähe, das ist das Problem des Menschen Arenas. Er traut nur sich, er vertraut keinem anderen. Er hat Angst, wieder aufgegeben zu werden. From Zero to Hero: Das ist sein Straßenname im Südosten Washingtons, dort, wo er im Sommer Straßenbasketball spielt, wo er Schulen großzügig unterstützt. Eine Schule hat er sich ausgesucht, die bekommt pro Punkt 100 Dollar. Das Spiel gegen die Lakers, das 147:141 endete und in dem Arenas 60 Punkte warf (NBA-Saisonrekord; die Red.), brachte dieser Schule 6000 Dollar ein.

Seine Mutter tauchte vor dreieinhalb Jahren bei einem Spiel der Golden State Warriors in Miami auf. Nach 18 Jahren. Er ließ sich ihre Telefonnummer geben, er versprach zögernd, mal anzurufen. Das hat er bis heute verschoben. Alleingelassene Buben verzeihen nur schwer, wenn überhaupt. Die Geschichte, die die "Washington Post" aus dem Leben des Gilbert Arenas erzählt hat, ist nicht besonders traurig, es gibt viel schlimmere, die Basketball-Courts der NBA sind gepflastert mit Biographien, die von Zero to Hero gehen, und manchmal gehen sie auch zurück zu Zero. Einen Augenblick lang aber ist es eine Geschichte, die nur in Amerika gelebt und geschrieben werden kann.

Ich lese solche Geschichten immer wieder mit wehmütiger Andacht. Sie sind prall des Lebens, das die Schwarzen erleiden, sie sind erfüllt mit dem Traum, den Amerika lebt und Wirklichkeit werden lässt. Sie sind mir fremd, spielen sich in einer anderen Welt ab, auf einem anderen Planeten. Auf unserem Planeten kommen Arenas und die anderen erst an, wenn sie diese furchtbaren Eltern, diese schrecklichen Sozialbauten, das Crack, das Heroin, die toten Freunde, gestorben an einer Kugel, an einer Überdosis oder an Aids, hinter sich gelassen haben. Räumlich. Denn ihre Vergangenheit schleppen sie, wir Freudianer wissen das, mit sich herum, auf dem Court wie im Leben.

Grundtrauer schwingt immer mit

Ich habe die Bücher verschlungen, die die Basketball-Legenden Larry Bird oder Earvin "Magic" Johnson schreiben ließen, ich liebe Basketballfilme, ich nehme Anteil an diesem verzweifelten Versuch Isiah Thomas', aus den New York Knicks ein Team zu schmieden. Basketball ist ein faszinierendes Spiel, gespielt von Menschen, die ich nie treffen würde, wenn sie nicht Basketball spielen würden. Menschendramen. Magische Momente. Kriege. Das kannst du alles haben, wenn du dich auf der Tribüne niederlässt, nach Erklingen der amerikanischen Nationalhymne, und diese sagenhaft gewandten Riesenkörper aufeinander losgehen und der Ball (wieder der alte, der aus Leder!) durch den Korb schmatzt.

Morgendlich schleiche ich, draußen ist es dunkel, an den Computer und rufe die Website der NBA  auf. Wenn ich Glück habe, spielen sie in Kalifornien gerade noch. Ich habe gedacht, das ist Spinnerei, das lässt nach. Es mag Spinnerei sein, aber es lässt nicht nach. Grundtrauer schwingt immer mit in meinem morgendlichen Gemüt. Spät-Obsession. Hochgradig neurotisch. Völlig in Ordnung. Oder willst du nicht dabei sein, wenn Allen Iverson, vormals bei den Philadelphia 76ers, in Denver aufschlägt? Wenn Carmelo Anthony, Iversons künftiger Teamkollege bei den Nuggets, im Madison Square Garden so lange auf ein paar Knicks eindrischt, bis er 15 Spiele gesperrt ist? Wenn Yao Ming, Center der Houston Rockets, endlich so spielt, wie wir immer dachten, dass er spielen kann?

Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Basketball zur Ersatzreligion werden kann, wenn einen der Fußballgott in jungen Jahren verschmäht.

Ich habe in meinem früheren Leben auch Basketball gespielt, doch in Wahrheit bin ich auf einem Fußballplatz aufgewachsen, auf dem Platz des SV Viktoria am Saaledurchstich in Hof. Wir wohnten um die Ecke, Lessingstraße 16, zwei Minuten, wenn man ging. Ich ging nie. Ich rannte. Ich war klein, schnell, beidfüßig, vielfach einsetzbar. Das musste ich sein, denn die anderen waren alle älter, größer, aber nicht besser. Mit der Schule habe ich mich sofort ausgesöhnt, denn sie – ein Holzbau für die ersten beiden Klassen der Grundschule – stand genau auf diesem Fußballplatz. Unsere Helden spielten für FC Bayern Hof, wir identifizierten uns nicht nur mit ihnen, wir waren sie, wir gaben uns ihre Namen, ich war Bachmann, die Nummer 10. An jedem Montag gratulierten wir den Torschützen vom Vortag oder beschimpften ihn, wenn er Bockmist gespielt hatte. Magisches Denken. In effigie.

Damals in den fünfziger Jahren begannen wir mit zehn, in einer Schülermannschaft zu spielen. Wir waren gut, ich war jetzt beim ESV Hof, dem Eisenbahnersportverein am Schollenteich, wir waren umgezogen. Ausrangierte Eisenbahnwaggons dienten uns als Umkleidekabinen. Wir hatten einen Rasenplatz, wir hatten Zuschauer, wir waren sehr gut, ich trug jetzt die Nummer 11, weil ich beidfüßig war, aber wir wirbelten ohnehin durch die Positionen.

Oh Gott, waren wir aufgeregt

Und dann kam dieser Sommertag im Jahr 1962, der größte Tag in meinem kleinen Leben. Wahnsinns-Aufregung. Wir fuhren in einem Bus nach Bayreuth, hinter uns die Kolonne der Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels und sonstigen Anhänger, wir fuhren zum entscheidenden Spiel gegen die SpVgg Bayreuth, wir spielten um die Oberfränkische Meisterschaft. Wir waren ein kleiner Verein, wir waren die Außenseiter, nie zuvor hatte es eine Schülermannschaft des ESV Hof so weit gebracht. Oh Gott, waren wir aufgeregt.

Wir bestritten das Vorspiel zum Länderpokal-Endspiel Bayern gegen Hessen, wobei im Tor der Bayern eine 18-jährige Nachwuchskraft namens Sepp Maier stand. Wir spielten am Ende vor 10.000 Zuschauern. Ein metaphysisches Erlebnis. Unvergesslich für ein langes Leben. Ungerecht wie das Leben. In der dritten Minute breche ich durch, werde am Elf-Meter-Punkt umgesäbelt. Was gibt es? Nein, eben nicht. Freistoß, zurückverlegt an die Strafraumkante. Kein Tor. Dann wird unser Torwart gefoult: Gehirnerschütterung. Keine Auswechslung, damals. Wir verlieren 1:7. Alle, die da waren, wissen, es war Betrug, himmelschreiende Ungerechtigkeit, grundstürzender Verlust allen Glaubens an den Fußballgott. Trauer. Depression. Tränen ohne Ende. Ich war zwölf.

Der Form halber soll gesagt sein, dass wir das Rückspiel 4:2 gewannen. Mit einem Schiedsrichter. Mit einem Fußballgott, der sich auf seine Pflicht besann. Die Welt war halbwegs wieder eingerenkt. Halbwegs. Diese Gefühlswucht, diese Tiefenschärfe gab mir der Fußball bis zur Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Das Spiel gegen England. Das Spiel gegen Italien. Overath! Weber! Titanische Kämpfe in dünner Luft. Ein bisschen was davon brachte mir der Basketball zurück. Die Intensität. Die fast absurde Diskrepanz zwischen überquellender Körperlichkeit und graziler Gewandtheit. Die Intensität. Michael Jordan. Ich leide mit, ich ertrage es nicht, ich bin gebannt.

Seitdem ich wieder in Deutschland lebe, habe ich mich mit dem Fußball versöhnt. Das hat der FC Arsenal gebracht, dieses rasante Passspiel, diese Intelligenz, der Bewegungskünstler Thierry Henry, der manchmal wunderbare Cesc Fabregas. Und gewiss doch hat das Gemüt im Sommer der Weltmeisterschaft mitgeschwungen. Und wie Oliver Kahn vor dem Elfmeterschießen Jens Lehmann die Pranke drückt: groß, sehr groß. Und wie klein jetzt wieder, wenn Kahn erzählt, mit ihm wäre Deutschland Weltmeister geworden. Ich mochte Kahn nie. Ich bin für Lehmann. Kahn ist gestern: Für ihn ist der Tormann der Mann auf der Linie und im Strafraum. Lehmann ist heute. Das peitschende Tempo Arsenals beginnt mit ihm, wenn er den Ball schnell abwirft oder abschlägt. Der kommt nämlich an, dort, wo er hin soll, fast immer.

Meinem Sohn Jonathan, da war er 24, hatte ich eine Karte fürs WM-Halbfinale gegen Italien geschenkt, ich wäre mit ihm hingefahren, konnte aber nicht. Er rief nach der Verlängerung an, ich war nach all der Anspannung und Begeisterung gleich wieder cool und sagte ihm sehr klug, sehr weise, sehr blöde, dass die Deutschen in der zweiten Halbzeit den Sieg verdient gehabt hätten, die Italiener aber eben in der Verlängerung die bessere Mannschaft gewesen sei.

Es war so richtig, es war so unnütz.

Schweigen am anderen Ende. Er hatte mitgefiebert, mitgelitten, mitgeschwungen. Er war ganz da, ihm stand das Spiel noch vor Augen und im Herzen. Existentiell, freudianisch, ganz Gemüt. Er war Trauer und zweifelte an Gott, der Gerechtigkeit, dem Sinn des Lebens.

Er war wie ich früher.

Ich glaube, ich habe mich geschämt.