College-Basketball Der Wahnsinn beginnt

Ab Samstag steht Amerika Kopf: Im College-Basketball startet die Finalserie mit den besten vier Teams. Fans flippen aus, Arbeiter machen blau und Betriebe verzeichnen riesige Verluste. Nicht einmal der Super Bowl kann bei diesem Großereignis mithalten.
Von Thomas Winkler

Das Epizentrum des Wahnsinns ist aktuell leicht lokalisierbar. Es liegt im Norden von Virginia, in einem Städtchen namens Fairfax, ungefähr 30 Kilometer westlich der amerikanischen Hauptstadt Washington. Dort feiert man gerade die Basketballmannschaft der örtlichen George Mason University. Sie hat das Final Four des NCAA-Tournaments, das Turnier um den Titel im College-Basketball, erreicht und gehört damit zu den vier besten College-Teams des Landes. Was vollkommen überraschend ist. 

Den Anhängern wird das egal sein. Sie freuen sich auf die Finalspiele genauso wie ein Großteil der Bevölkerung. Viele amerikanische Unternehmen dagegen nicht. Eine Personalberatungsfirma fand heraus, dass US-Betriebe während des traditionellen Turniers 3,6 Milliarden Dollar an Produktivitätseinbußen erleiden. Nichts wühlt den amerikanischen Sportfan mehr auf. Die sprichwörtlich gewordene "March Madness", der März-Rapell, wird hervorgerufen, wenn am Samstag die George Mason Patriots auf die Florida Gators treffen und die UCLA Bruins aus Los Angeles gegen die LSU Tigers aus Baton Rouge antreten.

Ganze Firmen sind bisweilen nur noch mit ihren Tipp-Gemeinschaften beschäftigt und mancher Arbeitnehmer lässt sich gleich krank schreiben, um keine Minute seines Lieblingsteams zu verpassen. Zu den Spielen kommen Zehntausende und im Fernsehen werden die Quoten immer besser: Das letztjährige Endspiel zwischen North Carolina und Illinois sahen 45,6 Millionen Menschen in den USA. Im Vergleich dazu verlaufen die Playoffs der Profi-Liga NBA bescheiden.

Die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit in den USA für die Studenten ist bestenfalls zu vergleichen mit dem Aufgalopp zur Super Bowl, dem gern als größtem Einzelsportereignis der Welt apostrophierten Football-Endspiel. Die Herzen der Amerikaner aber, die hängen eher am College-Sport. Der Grund dafür ist simpel: Die Profi-Teams werden allein nach ökonomischen Gesichtspunkten geführt und verlassen schon mal die Stadt, wenn anderswo ein Stadionneubau mit einem lukrativeren Vertrag winkt. Die Rolle der traditionellen Vereine übernehmen in den USA dagegen eher die Universitäten. Dort können sich Traditionen und lokale Identifikation leichter entwickeln, auch weil die Studenten in ihren vier Jahren meist auf dem Campus wohnen und sich auch nach dem Abschluss noch ihrem College verbunden fühlen.

Zum Erfolg des College-Sports gehört auch der Mythos des Studenten, der neben seinem Studium allein der Ehre wegen seine Universität auf dem Parkett vertritt. Doch dass die Spieler illegale Zuwendungen bei der Entscheidung für eine bestimmte Universität erhalten, ist ein offenes Geheimnis. Allerdings sind diese im Vergleich zu dem, was Trainer und Clubs bekommen, nur Peanuts. Die Lehranstalten erhalten Millionen aus Fernsehgeldern und aus Verträgen mit Sportartikelherstellern. Die renommiertesten Übungsleiter dürfen sich über siebenstellige Dollarbeträge freuen.

Große Vorfreude bei den Patriots

Die Freude über das bisher Erreichte ist bei Jim Larranaga mindestens genauso groß, obwohl der Coach der George Mason Patriots vom Titel noch weit entfernt ist. Er könne gar nicht sagen, "wie viel Spaß mir das alles macht. Es wird zehn Jahre dauern, bis ich wieder mit dem Grinsen aufhören kann." Auf dem Weg ins Halbfinale schlugen die George Mason Patriots durchweg höher eingeschätzte Teams mit wesentlich gewichtigerer Tradition, darunter mit North Carolina und Connecticut die Meister der beiden vergangenen Jahre.

Auch bei den Spielern der Patriots ist die Vorfreude groß. "Davon habe ich geträumt, seit ich auf dem College bin", sagt Lamar Butler stellvertretend. Der Guard steuerte 19 Punkte zum vorerst letzten Sieg gegen Connecticut bei. "Unser Erfolg beweist, das wirklich alles geschehen kann", sagt er, blickt sehnsüchtig Richtung Finale, das am Montag steigt, und hofft dafür auf einen Sieg gegen die Gators, das Team um Joakim Noah, Sohn des ehemaligen Tennis-Stars Yannick. 

Weniger Begeisterung dürfte bei J.J. Reddick von der Duke University und Adam Morrison von Gonzaga herrschen. Die beiden unzweifelhaft besten Spieler in dieser Saison schieden mit ihren Teams bereits früh aus. Bittere Tränen waren die Folge. Am Samstag werden sie zwei von knapp 50 Millionen TV-Zuschauern sein. In wenigen Monaten dann wird man sie wohl bei den Profis in der NBA sehen - wahrscheinlich als Mitläufer neben Stars wie Kobe Bryant oder Dirk Nowitzki.

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