College-Star Joakim Noah Legendensohn auf Korbjagd

Joakim Noah ist Kopf eines amerikanischen College-Basketballteams, Fan von Michael Moore, Dreadlock-Träger - und Sohn von Tennisstar Yannick Noah. Wenn der intellektuelle Hüne seinen Club in die Finalrunde führt, könnte er schon bald prominenter als der Papa sein.

Von Thomas Winkler, Gainesville


Schlechte Nachricht für die Hühner in Kamerun: Zacharie Noah kehrt in sein Heimatland zurück und sein Enkel Joakim braucht Unterstützung - auch von den afrikanischen Göttern. Im März stehen für Joakim in der US-College-Meisterschaft die entscheidenden Basketball-Begegnungen auf dem Spielplan. Auf seinem Weg in die NBA kann der Sohn jede Unterstützung brauchen.


Das am Wochenende beginnende K.o.-Turnier der 64 besten Mannschaften im College-Basketball ist nach dem Super Bowl das zweite große Ereignis im Sportkalender der USA. Zehntausende Zuschauer verfolgen die Spiele in den Hallen, Millionen vor den Fernsehschirmen, so dass die Profiteams aus der NBA neidisch auf die Einschaltquoten schauen und die ehrwürdigen Lehranstalten gute Dollars im achtstelligen Bereich verdienen. Die Folge ist der alljährliche Irrsinn, der im Alltagssprachgebrauch längst "March Madness" getauft wurde.

Mitten drin: Joakim Noah, 21 Jahre alt, 2,11 Meter groß, Center der University of Florida, und auf dem besten Wege, den sportlichen Großtaten der Familie neue hinzuzufügen. Sollte der Sohnemann weiter so spielen wie zuletzt, er mit den Florida Gators die ersten Runden des Turniers überstehen und vielleicht sogar das Final Four am ersten April-Wochenende im texanischen San Antonio erreichen, dann dürfte er in den USA problemlos die Prominenz seines Vaters Yannick überflügeln, des French-Open-Gewinners von 1983.

Wozu er fähig ist, bewies Joakim Anfang März beim Spiel gegen Georgia. Großvater Zacharie war extra aus Kamerun angereist, hatte beim Umsteigen in Paris Sohn Yannick mitgenommen, um den Enkel zum ersten Mal spielen zu sehen. Sein Beitrag  für den 77:66-Erfolg unter den Augen der Verwandschaft waren nicht nur 37 Punkten und elf Rebounds. Vielmehr steuerte Noah auch genau jene überbordende und ansteckende Begeisterungsfähigkeit bei, für die schon sein Vater berühmt war.

Nach gelungenen Aktionen gellten die Urschreie des spielentscheidenen Mannes durch das ausverkaufte O'Connell Center in Gainesville. Dabei stapfte er mit geballten Fäusten auf den Block mit den treuesten Fans unter den Studenten zu, der ihn längst mit "Noah, Noah"-Sprechchören feierte. "Emotionen sind nicht immer gut", verriet Noah, als er sich nach dem Spiel wieder beruhigt hatte. "Am Anfang der Saison war ich da draußen auf dem Court manchmal so aufgeregt, dass ich kaum noch Luft bekam."

Seine extrovertierte Art hat ihn zur Seele der Gators werden lassen. "In einem Spiel wie heute trägt er uns auf seinen Schultern", erkannte sein Trainer Billy Donovan, "er ist so unglaublich leidenschaftlich, so voller Energie und Intensität in allem, was er tut."

Auf dem Campus in Gainesville lebt Noah zusammen mit drei seiner Teamkameraden in einer Wohnung, aber ein durchschnittlicher College-Sportler ist er nicht. Als Sohn eines Tennis-Stars und einer erfolgreichen Bildhauerin, die ihre Karriere als Miss Schweden begann, hat er das Sportstipendium im Gegensatz zum Großteil seiner Mannschaftskollegen finanziell gar nicht nötig. Er studiert Sozialwissenschaften, hält seinen Zimmergenossen Vorträge über die Armut und seinem Trainer empfiehlt er Michael-Moore-Filme.

Coach Donovan glaubt, Noah werde sein volles Potential erst mit 26 oder 27 Jahren erreichen. Dabei hat er heute schon weniger Probleme, ein College-Spiel zu dominieren, als seine Dreadlocks unter Kontrolle zu halten: Doch noch werden seine Aussichten auf eine Profikarriere von den Talentspähern der NBA nicht als die allerbesten eingeschätzt. Zwar hat Joakim noch zwei Jahre College vor sich, in denen er an seinen Schwächen arbeiten kann. Aber um in der NBA bestehen zu können, wird er nicht nur noch einiges an Muskelmasse auf seinen eher spindeligen Körper packen, sondern vor allem seinen Wurf aus der Distanz verbessern müssen.

Aber das weiß er selbst: "Was mache ich schon Besonderes?", fragte er die ihn umringende Reportertraube nach seinem großen Auftritt gegen Georgia. "Es ist ja nicht so, dass ich irgendwelche wichtigen Dreier getroffen hätte. Das waren doch nur ein paar Korbleger und Dunks." Und 22 Freiwürfe, von denen er sensationelle 19 im Korb versenkte. Eine Quote, die im vergangenen Jahr, seinem ersten in Florida, noch undenkbar gewesen wäre. "Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, Joakim erzielt 37 Punkte in einem Spiel", erinnert sich sein Trainer Donovan, "ich hätte ihn ausgelacht". Er habe noch niemanden gesehen, der so große Fortschritte wie Joakim in einem Jahr gemacht hat.

Die erstaunliche Entwicklung hat ihren Ursprung in Kamerun. Im vergangenen Sommer nutzte Joakim die Semesterferien, um in die Heimat seiner Vorfahren zu reisen. Dort, erzählt er, hätte ihm Opa Zacharie Bescheidenheit und harte Arbeit gepredigt. Das habe er sich zu Herzen genommen und seitdem "sehr, sehr schwer geschuftet".

Ob im Laufe der großväterlichen Schelte auch ein Hühnchen zu schaden kam, ist nicht überliefert. Aber, verspricht Joakim, der heimgekehrte Opa wetzt schon die Messer. Schließlich brauchen der Enkel und die University of Florida jeden Beistand, den sie bekommen können.

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