Dennis Rodman Bad Boy im Brautkleid

Er ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die je in der NBA spielte: Dennis Rodman. Ob eine Liaison mit Popstar Madonna, Ausraster auf dem Feld oder provozierende Outfits - für Schlagzeilen war der Basketballer immer gut. Dabei war Rodman in seiner Jugend schüchtern und voller Selbstzweifel.
Von Sven Simon

"Eines Aprilabends im Jahr 1993 saß ich in meinem Pickup-Truck, auf dem Schoß ein Gewehr, und überlegte, ob ich mich umbringen soll." So beginnt Dennis Rodmans erstes Buch "Bad as I wanna be". Damals ist er ein geschätzter Basketball-Profi. Zwei Mal wurde er bereits zum besten Verteidiger der Liga gewählt. 1989 und 1990 hatte er zwei Meisterschaften nach Detroit geholt.

Aber all diese Erfolge können den 31-Jährigen nun nicht mehr glücklich machen. Das Erfolgsteam ist in alle Winde zerstreut - und Rodman spürt, dass er zu lange bereits ein Leben lebt, das nicht seines ist. Ein Leben, wie man es von einem vorbildlichen Sport-profi erwartet. Aber Rodman merkt, dass er kein Vorbild im herkömmlichen Sinne ist. Also entscheidet er sich mit dem geladenen Gewehr in der Hand für eine Metamorphose.

Rodman lernt schnell

Als Rodman 1986 an 27. Stelle gedraftet wird, ist er ein schüchterner Rookie. Bei der Untersuchung in Detroit ist er so aufgewühlt, dass seine Herzfrequenz vor dem Belastungs-EKG wild zu steigen beginnt. Als er seinen Vertrag unterschreibt, beginnt er zu hyperventilieren. Nach der ersten Trainingseinheit fragt ein Journalist, wer er sei. "Ich bin niemand und komme direkt aus Nirgendwo", antwortet er.

Doch Rodman lernt schnell beim härtesten Team, das je die NBA bevölkerte. "Am Ende der Bank sah ich Jungs, die zwar punkten konnten, aber nicht spielten", sagt Rodman. "Deshalb suchte ich mir den Job, den keiner machen wollte, die Drecksarbeit, das Rebounden, die Verteidigung." Im zweiten Jahr rückt er in die Erste Fünf. Detroit gewinnt 20 der nächsten 24 Spiele.

1990 wird er in einem Spiel von Hakeem Olajuwon deftig vorgeführt. Im entscheidenden Play verlädt ihn der Rockets-Center bei Gleichstand erneut und geht zum Dunk. Rodmans Geist akzeptiert nicht, was die Augen sehen. Er steigt hinterher und blockt Olajuwon. Detroit siegt. In Rodmans Augen blitzen die Tränen. Auch als er als bester Verteidiger ausgezeichnet wird, fängt er an zu weinen.

"Dann wäre ich bloß irgendein Nigger"

Lesen Sie im zweiten Teil von einem Ausflug nach Las Vegas und den Folgen, Auftritten im Brautkleid und einer Ära, die Rodman maßgeblich mitprägte.

1992 bricht er mit 34 Rebounds den Uralt-Rekord von Pistons-Legende Bob Lanier. Noch auf dem Parkett sprudelt bei Rodman das Augenwasser. "Der Wurm", so sein Spitzname, antizipiert besser. Sobald der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, scheint er zu wissen, ob der Ball zu kurz oder zu lang ist oder nach links oder rechts abprallen wird. 1991/92 wird er bester Rebounder der Liga (18,7 pro Spiel).



Rodman nimmt keine Rücksicht, vor allem nicht auf den eigenen Körper. "Ich mag den Schmerz", sagt er. "Dann merke ich, dass ich am Leben bin und wirklich alles gebe, um zu verhindern, dass ich wieder in mein altes Leben zurückmuss. Wenn ich nicht Basketball gespielt hätte, wäre ich bloß irgendein Nigger gewesen." Seine Furcht, wieder ein Nobody zu sein, erhebt seinen Willen über seinen Körper. Diese Furcht, sie liegt in Rodmans Kindheit begründet.

Er wächst in einem Ghetto in Dallas auf. Sein Vater geht stiften, als Dennis drei Jahre alt ist. An der Highschool schafft er es nur bis auf die Bank des Basketballteams. Nach einer halben Saison gibt er auf. "Er war zerstört", berichtet seine Mutter Shirley. "Tagelang verließ er nicht das Zimmer." Als Dennis die Schule beendet, ist er erst 1,75 Meter groß. Der 19-Jährige arbeitet für 3,50 Dollar die Stunde als Reinigungskraft am Flughafen. Als er dort fünfzig Armbanduhren klaut und seinen Bekannten schenkt, steckt ihn die Polizei für eine Nacht ins Gefängnis. Er holt alle Uhren zurück. Die Anklage wird fallen gelassen.

Zum ersten Mal eine Richtung im Leben

Nach der Schule beginnt er zu wachsen. 28 Zentimeter in zwei Jahren. Als er mit 22 Jahren ein Angebot der Universität von Oklahoma bekommt, weiß er: "Das ist meine letzte Chance." "Ansonsten", sagt Rodman heute, "hätte mein Weg in den Knast geführt." An der Uni lernt er Bryne Rich kennen, die Familie des 13-Jährigen wird sein neues Zuhause. Zum ersten Mal hat er eine Richtung im Leben. Die NBA-Scouts werden auf den untypischen Basketballspieler aufmerksam. Aber niemand weiß etwas mit dem 25-Jährigen anzufangen. "Meinen Körperbau und meine Schnelligkeit fanden alle toll", erinnert er sich. "Es hieß, ich könnte über die 400 Meter bei den Olympischen Spielen starten." Die Pistons gehen das Wagnis ein und draften den Wurm.

In Detroit schwindet seine Angst, das Erreichte zu verlieren. Hunger und Hingabe bleiben. Die "Bad Boys" werden seine Familie, der Erfolg der Mannschaft sein Lohn. Er ist immer pünktlich, beschwert sich nie und erfüllt jede Aufgabe. In der Arbeiterstadt Detroit wird Rodman dafür geliebt. "Diese Leute befestigen Schrauben an Autotüren. Sie verrichten eine kleine, aber notwendige Arbeit. Aber sie sagen, dass sie Autos bauen", erklärt er. "Bei mir ist das ähnlich. Ich hole Rebounds und verteidige, aber ich sage, dass ich Basketballspiele gewinne."

Nach zwei Meisterschaften kommt der Umbruch. 1991 gehen James Edwards und Vinnie Johnson, 1992 folgt John Salley - und mit Coach Chuck Daly geht auch Rodmans Vaterfigur. Mit den alten Recken geht auch der Erfolg. Der Wurm fühlt sich vom Management betrogen, einsam und enttäuscht. Er ist ein Mensch, geformt nach den Erwartungen anderer - und der unterdrückte, wahre Dennis will ans Licht.

Dann kommt die Nacht im April 1993. Rodman ist frustriert. Er fährt zur Halle der Pistons, dreht im Kraftraum Pearl Jam bis zum Anschlag auf und versucht sich den Kummer aus dem Körper zu pumpen. Es hilft nicht. Die Waffe ist bereits durchgeladen. "Aber dann kam mir der Gedanke: 'Scheiß auf die Knarre. Warum bringst du nicht nur den äußeren Typ um und lässt den inneren leben?'", erinnert sich Rodman. Der Wurm verabschiedet sich von seiner Außenhülle. Doktor Jekyll ist tot, es lebe Mister Hyde. Morgens um fünf Uhr klopfen Polizisten an sein Auto, wecken ihn. Sie sehen die geladene Waffe. Es folgen Meldungen in allen Medien.



Nun beginnt die rasante Metamorphose, die ihn vom Basketballer zur wandelnden Freakshow werden lässt. Rodman lebt von nun an nicht mehr das Leben eines Profisportlers. Er lebt sein eigenes. Auf dem Court gibt er alles, sein Privatleben ist das eines Rockstars. Er schläft, wenn er zusammenklappt, isst, wenn er hungrig ist - und tut ansonsten, was ihm gefällt. Im Sommer haut er aus Detroit ab. Die Pistons erreichen ihn wochenlang nicht.

Im Oktober 1993 schieben ihn die Pistons nach San Antonio ab. Mit Rodman soll mehr Härte in den Kader der Spurs kommen. Außerdem soll er David Robinson am Brett entlasten. Beides klappt. Robinson kann sich aufs Punkten konzentrieren und wird Topscorer der NBA. Im zweiten Jahr holt San Antonio mit 62 Siegen die beste Bilanz aller Clubs, Robinson wird MVP. Aber im sechsten Spiel des Conference-Finales scheiden die Spurs gegen den Meister aus Houston aus. Rodman beschwert sich über die Taktik von Coach Bob Hill und das seiner Meinung nach mimosenhafte Auftreten Robinsons gegenüber Olajuwon.

"Behaltet das Scheißgeld!"

Rodman wird zum Buhmann. Vor der Serie gegen die Rockets jettet er nach Vegas. Nach dem vierten Spiel gegen Houston bringt das Sportmagazin "Sports Illustrated" eine Titelstory über Rodmans wildes Leben, aufgehängt am Vegas-Trip. Spurs-Direktor Gregg Popovich rastet aus. Rodman sagt, dass solche Reisen sein Spiel nicht beeinflussen würden. Es ist nur einer von vielen Zusammenstößen zwischen texanischem Club und Paradiesvogel. Bereits zum ersten Training der Saison vor 5.000 Zuschauern kommt er 40 Minuten zu spät. "Ihr könnt mich lieben oder ihr könnt mich hassen", spricht er ins Mikro. "Aber Fakt ist, dass ich auf dem Feld alles geben werde."

Einmal brüllen ihn Hill und Popovich 30 Minuten lang an. Rodman sitzt nur da, mit Sonnenbrille, die Augen geschlossen. "Ich werde dich nicht suspendieren und dir auch keine 40.000-Dollar-Strafe aufbrummen", sagt Hill. "Du musst nur deine Augen aufmachen und sagen: 'Okay, ich verstehe.'" Rodman steht auf, sagt: "Behaltet doch das Scheißgeld" - und geht.

Mit all seinen Tattoos und Piercings und wilden Frisuren ist Rodman glücklich. Er ist nun so, wie er gerne sein möchte, nicht so, wie andere ihn gerne haben wollen. Er will provozieren, zeigen, dass er anders ist. Zu einer Signierstunde in einer Buchhandlung kommt er im weißen Brautkleid. Durch seine Affäre mit Madonna bekommt er noch mehr Schlagzeilen abseits des Sports. In Interviews philosophiert er darüber, ob er bisexuell ist. All das macht ihn für die Clubs zum unkalkulierbaren Risiko, sein Werbewert jedoch steigt. Verdiente Rodman vorher kaum 100.000 Dollar im Jahr mit Werbeverträgen, so hebt Manager Manley sein Einkommen auf mehr als neun Millionen Dollar, zuzüglich seines Basketball-Gehaltes.

In dieser Situation kommen die Chicago Bulls auf Rodman zu. Sie brauchen einen für die Drecksarbeit. Bulls-Boss Jerry Krause und Coach Phil Jackson treffen sich mit ihm. Als der Zen-Meister alleine mit ihm spricht, öffnet sich der Forward. Chicago geht das Risiko ein, gibt dem Wurm einen Vertrag, der an viele Bedingungen gebunden ist. Nur wenn er regelmäßig beim Training ist und eine bestimmte Anzahl von Spielen absolviert, gibt es Geld. Viel Geld.

Drei Meisterschaften in Chicago

Schon beim ersten Vorbereitungsspiel bekommt er ein Technisches Foul. "Ich schaute direkt zur Bank, weil ich dachte, dass ich Ärger bekommen würde", erzählt Rodman. "Aber Phil Jackson lachte über die Aktion." Jackson akzeptiert seinen Power Forward, er versucht nicht, ihn zu erziehen. Rodman honoriert das. Außerdem merkt er, dass alle Bulls-Spieler - angesteckt von Jordan - nach dem Titel dürsten. Das erinnert ihn an gute Zeiten in Detroit.

Mit Jordan und Rodman sind die Bulls auf dem Weg zur besten Bilanz in der Geschichte der NBA. Zwar spricht Rodman auch bei den Bulls kaum ein Wort mit seinen Mitspielern, aber auf dem Feld zeigt er seine Basketball-Intelligenz. "Dennis hat die Triangle-Offense sofort verstanden. Schneller als ich", sagt Jordan. "Das alleine ist wichtig für uns." Zudem hilft er den Bulls mit seinen Psycho-Spielchen. Immer wieder provoziert er Gegner. "Er ist eine Pest. Er nervt dich so lange, bis er in deinem Kopf festsitzt", sagt Dominique Wilkins. "Und wenn du dich umdrehst, um ihm eine mitzugeben, lacht er dich aus. Er ist derjenige, der sich im Griff hat." In den Finals 1996 versucht Seattles Frank Brickowski, den Wurm mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen. Sinnlos. So bringt Rodman in seinen drei Jahren bei den Bulls in Erinnerung, wie wertvoll er sein kann. Mit 37 Jahren verlässt er Chicago. Zuvor verhilft er der Stadt zur sechsten Meisterschaft. Außerdem wird er das siebte Jahr in Folge bester Rebounder der Liga.

Gerüchte um ein Comeback

1998/99 läuft er für 23 Spiele bei den Lakers auf, wird aber entlassen. In der Saison darauf probiert er es bei den Mavericks, wird aber gefeuert, nachdem er Besitzer Mark Cuban kritisiert. Im September 2004 erscheint er zum Workout bei den Nuggets, bricht das erste Training aber wegen eines eingewachsenen Fußnagels ab. "Es gibt immer noch NBA-Clubs, die an mir interessiert sind", sagt der damals 43-Jährige.

Diese alljährlichen Gerüchte über sein Comeback sind natürlich nicht ernst zu nehmen, und auch seine Eskapaden waren nicht jedermanns Sache. Fakt ist aber: Er geht in die Geschichte ein als der beste Abräumer des Basketballs und hat fünf Meisterschaftsringe. Ein Urteil über den Basketballspieler, der polarisierte wie kein anderer, muss sich jeder selbst bilden. Aber klar ist auch, dass es Dennis Rodman egal ist, zu welchem Schluss man kommt.

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