Famose L.A. Clippers "Man muss die Kerle jetzt ernst nehmen"

Die Los Angeles Clippers waren die Losertruppe im Schatten des großen Lokalrivalen Lakers. Selbst Talkmaster Jay Leno verhöhnte das Team. Doch in dieser Saison mischen die Clippers die NBA auf. Ein Grund: Der Dagobert Duck der Liga ist auf einmal spendabel geworden.

Von Tobias Pox


Wer sich auch nur ein bisschen in der NBA auskennt weiß, dass es in der Basketballmetropole Los Angeles ein ungeschriebenes Gesetz gibt. Demnach stellt die Stadt mit den Lakers und den Clippers offiziell zwar zwei Ligateams; eine Daseinsberechtigung haben aber allein die glamourösen Lakers, die bereits 14 Meistertitel gewannen und einst von Ausnahmekönnern wie Kareem Abdul-Jabbar, Magic Johnson oder Shaquille O'Neal angeführt wurden.

Clippers-Forward Brand (r.): "Es fühlt sich gut an"
REUTERS

Clippers-Forward Brand (r.): "Es fühlt sich gut an"

Die Clippers hingegen gelten als die Losertruppe schlechthin und erfüllen allein einen Zweck: dass man Witze über sie macht. Als der amerikanische Talkmaster Jay Leno vor einigen Wochen in seiner "Tonight Show" die neue Kleiderordnung der NBA kommentierte, spottete er: "Die Spieler dürfen nichts mehr tragen, was die Liga in Verlegenheit bringen könnte - zum Beispiel ein Clippers-Trikot."

Doch spätestens nach dem gestrigen Sieg gegen die New York Knicks (84:79) macht sich niemand mehr über den Underdog lustig. Im Gegenteil, die Fachwelt ist voll des Lobes. Denn während die Lakers um Superstar Kobe Bryant immer mehr im Mittelmaß versinken (neun Siege, neun Niederlagen), ist der einst verhöhnte Stadtbruder mit 13 Siegen aus 18 Spielen bis an die Spitze der Pacific Division vorgestoßen. So gut standen "die Roten" noch nie da.

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
"Die haben ein echtes Team. Man kann nicht mehr einfach bei denen einkehren und mit einem Sieg rechnen. Man muss diese Kerle jetzt ernst nehmen," sagt Gary Payton von Miami Heat. "Sie sind ein gutes Team und werden gerade zu einem großartigen", sekundiert LeBron James von den Cleveland Cavaliers. Die prominenten Laudatoren wissen, wovon sie sprechen, schließlich waren ihre hoch gehandelten Clubs zwei der jüngsten Opfer der aufstrebenden Clippers.

Laut Trainer Mike Dunleavy ist die momentane Erfolgswelle ein erster Vorgeschmack dessen, was von seiner Mannschaft noch zu erwarten ist. "Unser Start ist ein sehr guter gewesen, aber das darf nicht alles sein", so der Coach. "Wir müssen so weitermachen. Wir wollen in die Playoffs kommen, und ich denke, das können wir erreichen, wenn wir gesund bleiben." Sollten sich die "Clips" tatsächlich für die Meisterschaftsrunde qualifizieren, würden sie eine neun Jahre währende Durststrecke beenden.

Dass der "andere Verein" von L.A. traditionell zum Bodensatz der Liga zählt, liegt vor allem an den Versäumnissen von Donald Sterling. Der Teambesitzer der Clippers hat es während seiner nunmehr 25 Jahre andauernden Regentschaft immer wieder geschafft, hoffnungsvolle Spieler mit seinem Geiz zu verprellen und an die Konkurrenz zu verlieren. Auch vor dieser Saison schlug "der Dagobert Duck unter den Clubeignern" wieder zu und ließ Bobby Simmons, der im vergangenen Jahr zum "am meisten verbesserten Spieler" gekürt wurde, nach Milwaukee ziehen.

42 Millionen Dollar für Mobley

Doch anders als in der Vergangenheit besserte Sterling diesmal mit einem tiefen Griff ins Portemonnaie nach. So wurde der Flügelspieler Cuttino Mobley verpflichtet und mit einem 42-Millionen-Dollar-Vertrag ausgestattet. Außerdem wurde per Trade (Spielertausch) der 36-jährige Routinier Sam Cassell geholt. "Cassell und Mobley sind großartige Ergänzungen und passen blendend zu unseren jungen Spielern", freut sich Trainer Dunleavy, "sie sind eine Inspiration und geben uns viel Selbstvertrauen."

Der Hauptgarant für den Aufschwung der L.A. Clippers ist jedoch Elton Brand. Der Power Forward spielt seit 2001 im Verein und ist dessen Anker. Derzeit rangiert er in nicht weniger als vier zentralen Statistikkategorien unter den Top Ten der Liga (erzielte Punkte, ergatterte Rebounds, geblockte Würfe, Trefferquote). Zum Lohn wurde er in der vergangenen Woche zum Spieler des Monats in der Western Conference ernannt.

Als der 26-Jährige am Montag beim 99:89-Heimsieg gegen Miami kurz vor Schluss zwei seiner insgesamt 37 Punkte mit einem spektakulären Dunking erzielte, hallten sogar "MVP! MVP!"-Rufe von den Rängen des ausverkauften Staples Center. Natürlich vergehen bis zur Wahl des "Most valuable players", also des wertvollsten Ligaspielers, noch einige Monate.

Aber Brand hat sich frühzeitig in den erweiterten Kandidatenkreis gespielt. "Es fühlt sich gut an", kommentiert der Überflieger den aktuellen Ruhm, "doch es geht, wie ich schon immer gesagt habe, um das Team. Sobald das Team Siege einfährt, kommen auch die individuellen Belohnungen". Als ich noch bei den Chicago Bulls spielte, markierte ich 44 Punkte in einem Spiel, 'MVP' rief aber niemand."

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