Fanmagnet NFL Konkurrenz statt Kapitalismus

American Football ist in den USA populärer denn je. TV-Sender reißen sich um die Übertragungen, die Zuschauer strömen wie nie zuvor in die Arenen. Den Erfolg verdankt die Liga vor allem einem Mann: Ligaboss Paul Tagliabue. Doch der tritt nun ab.

Von Tobias Pox, Detroit


Wie ersetzt man einen Heiligen? Über dieser kniffligen Frage brüten aktuell die 32 Clubbesitzer aus der American-Football-Profiliga NFL. Denn sie haben darüber zu entscheiden, wer die Nachfolge des in Rente gehenden Commissioners Paul Tagliabue antreten soll. Der scheidende Ligaboss übte sein Amt fast siebzehn Jahre lang aus und wurde kürzlich von dem US-Sportmagazin "Street & Smith's" zum "Saint Paul" ernannt – zum heiligen Paul. Zu welchem Ergebnis der seit Montag in Chicago stattfindende, auf drei Tage angesetzte Findungsprozess der Vereinspatriarche auch kommen wird, eines steht fest: die Messlatte könnte für den Nachfolger nicht höher gelegt sein.

NFL-Spielszene: Brüderliches Teilen
AP

NFL-Spielszene: Brüderliches Teilen

"Paul Tagliabue hat die NFL durch eine Phase des bemerkenswerten Wandels und des beeindruckenden Wachstums geführt", sagt Woody Johnson, Eigentümer der New York Jets, und spricht damit stellvertretend für seine Zunft. "Während seiner Amtszeit hat die Liga mehr (Fernseh-)Haushalte erreicht und mehr als jemals zuvor das Leben der Menschen berührt." Lobeshymnen wie diese mögen auf den ersten Blick allzu romantisch oder gar pathetisch überfrachtet daherkommen, doch sie spiegeln die Realität wider.

Seitdem der Besungene im Jahr 1989 die Football-Zügel in seine Hand nahm, hat sich die NFL zu der mit Abstand populärsten und ertragreichsten Profiliga in den Vereinigten Staaten entwickelt, viele Amerikaner – nicht zuletzt Tagliabue selber – sprechen ihr eine religionsähnliche Rolle zu. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Harris Poll" gaben 33 Prozent der Befragten American Football als Lieblingssport an. Der urtümliche Volkssport der USA, Baseball, landete mit 14 Prozent abgeschlagen auf Platz zwei; Basketball belegte Rang drei.

Wie kommt es nun, dass die NFL, die in der vergangenen Spielzeit einen Umsatz von fast sechs Milliarden Dollar machte und einen fantastischen Zuschauerschnitt von 67.593 Besuchern erzielte (zum Vergleich: die Fußball-Bundesliga hatte 2005/06 einen Schnitt von rund 39.000), derart beliebt ist, dass selbst die nun beginnenden, zumeist von B-Mannschaften absolvierten Saisonvorbereitungsspiele der Liga live im nationalen Fernsehen übertragen werden? Den Hauptgrund für den immensen Erfolg sehen die Experten in einem ökonomischen Kniff, der so gar nicht zu den darwinistischen Zügen des amerikanischen Kapitalismus passen will: dem sogenannten revenue sharing, also dem gleichmäßigen Verteilen der Ligaeinkünfte, die durch Fernsehgelder oder Sponsoring erzielt werden, auf alle Mannschaften. Gepaart mit der Gehaltsobergrenze ("salary cap"), die es in der NFL gibt, sorgt das brüderliche Teilen dafür, dass im Prinzip alle Teams konkurrenzfähig bleiben und monopolähnlichen Zuständen, wie sie etwa im europäischen Fußball zu beobachten sind, vorgebeugt wird.

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
Natürlich gab und gibt es Beschwerden der schwergewichtigeren NFL-Teams darüber, dass sie Gelder an die schwächeren Ligamitglieder abtreten müssen, dennoch ist an den von Tagliabue installierten wirtschaftlichen Grundsätzen bis dato nicht zu rütteln. Und so lange der Gesamtprofit der Liga weiter so exponentiell steigt, dürfte sich das auch nicht ändern. Zudem belegt die Statistik, dass der übergeordnete Zweck, Chancengleichheit und somit viel Spannung zu erzeugen, erfüllt wird. In den vergangenen dreizehn Jahren schafften es immerhin 19 der 32 Ligateams, sich für das Endspiel, die Super-Bowl, zu qualifizieren. "Es gibt an jedem Ligastandort großes Faninteresse, denn jedes Team kann in jedem Jahr gewinnen. Das steigert natürlich die Nachfrage", fasst der Sportökonom Phil Porter von der University of South Florida zusammen.

Die immense Popularität der NFL macht sich selbstverständlich auch das Fernsehen zu Eigen. Nicht weniger als vier große amerikanische TV-Kanäle besitzen Übertragungsrechte für die Spiele und teilen die Live-Berichterstattung unter sich auf. Diese Rundumversorgung spült jährlich geschätzte 3,7 Milliarden Dollar in die Kassen der Liga. Neuer Spartenführer unter den Fernsehkonkurrenten will ESPN werden. Der Sportsender hat die Rechte für das legendäre, seit den 70er-Jahren als Kultinstitution geltende "Monday Night Football" erstanden und will die allwöchentliche Montagabendpartie zu einem "Mini-Super-Bowl" machen, wie ein Präsidiumsmitglied des Kanals jüngst verkündete. Lies: Jedes dieser Spiele wird zur ultimativen Show hochstilisiert.

Es könnte für den neuen Ligaboss mithin zur Aufgabe werden, sicherzustellen, dass die Marke NFL nicht überstrapaziert und übervermarktet wird. Die Vergangenheit deutet jedoch nicht auf einen Overkill hin. Im Gegenteil. Seien es die immer unverschämter werdenden Preise für Eintrittskarten und Fanartikel oder die häufigen Eskapaden von Spielern: bis jetzt hat den geneigten Anhänger nichts davon abbringen können, in die Arenen zu pilgern oder das Fernsehgerät einzuschalten. Als wichtigeres Anliegen gilt für den neuen Commissioner daher, dass Los Angeles endlich wieder ein NFL-Team bekommt, schließlich ist die Westküstenmetropole nach New York der zweitwichtigste Medienmarkt in den USA. Doch dieses Ziel konnte selbst der heilige Tagliabue nicht erreichen.



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