Kleine NBA-Profis Im Reich der Giganten

Sie sind Winzlinge unter Riesen: Kleine NBA-Profis, die ihren Centerkollegen teilweise nur bis zum Bauchnabel reichen. Doch Spieler wie Denvers Spielmacher Earl Boykins haben sich den Respekt von Fans und Trainern erkämpft - auch wenn das manchmal wehtut.
Von Tobias Pox

Es ist ein lustiges Bild, das die "USA Today" vor kurzem fast ganzseitig in ihrem Sportteil abdruckte. Zu sehen war Shaquille O'Neal, wie er in einer Spielpause vor Earl Boykins steht und amüsiert auf diesen herabblickt. In Gedanken scheint der Center der Miami Heat seinen Gegenüber zu fragen: "Na, mein Kleiner, was läuft da unten?" Gewiss, neben dem 2,16 Meter großen, knapp drei Zentner schweren "Shaq" sieht so ziemlich jeder niedlich aus, aber Boykins ist ein Extremfall. Der Spielmacher der Denver Nuggets reicht O'Neal gerade mal bis zum Bauchnabel, mit einer Größe von 1,65 Meter ist er der kleinste Akteur in der NBA.

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NBA: Kleine große Rekordmänner

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Die Tatsache, dass Boykins 36 Zentimeter unter dem Durchschnittsmaß der Liga liegt, zieht seit jeher platte Vergleiche nach sich, das obligatorische Bildnis von David und Goliath oder dem Zwerg im Reich der Riesen ist längst überstrapaziert. "Die Medien haben mich immer als Attraktion verkauft, aber ich selber sehe mich nicht so", sagt Boykins. "Das Schwierigste auf dieser Welt ist, sich Respekt zu verdienen. Ich will nicht als 1,65 Meter großer NBA-Spieler gesehen werden, sondern einfach als NBA-Spieler."

Dieses Ziel schien in den ersten Karrierejahren unerreichbar. Bei den Golden State Warriors, seinem fünften Club in ebenso vielen Jahren, wurde Boykins selbst vom eigenen Verein zur Show gestellt. Immer wenn er bei Heimspielen für Freiwürfe antrat, wurde über die Hallenlautsprecher das amerikanische Kinderlied "It's a Small World" angespielt - jedenfalls so lange, bis sich Boykins lautstark bei seinem Arbeitgeber beschwerte und die Einspielungen stoppen ließ.

"Ich stehe immer wieder auf"

In Denver hat sich der einst Belächelte inzwischen mehr als etabliert. "Earl ist klein, agiert aber, als wäre er 2,40 Meter groß", lobt Mannschaftskollege Marcus Camby. Boykins spielt die beste Saison seiner Laufbahn. Er dribbelt seinen Gegnern Knoten in die Beine und erzielt durchschnittlich fast 14 Punkte pro Match. Gegen Phoenix stellte er letzte Woche mit 33 Zählern eine persönliche Bestleistung auf. "Earl ist einer der wenigen Spieler in dieser Liga, die überall hinrennen können, wohin sie wollen", sagt Denvers Trainer George Karl, "er besitzt unglaublich viel Mut und lebt für die wichtigen Würfe und Momente." Der Coach vertraut seinem eichhörnchenflinken Spielgestalter so sehr, dass er ihn in der Regel auf dem Feld lässt, wenn es im letzten Viertel um die Entscheidung geht.

Doch Boykins ist nicht der einzige "Kurze" der aktuellen NBA-Generation. Mit Nate Robinson von den New York Knicks schickt sich seit dieser Spielzeit der nächste an, die alteingesessene These zu wiederlegen, wonach Basketball allein das Spiel der langen Kerle ist. In den offiziellen Listen wird die Größe des 21-jährigen Rookies mit 1,75 Meter aufgeführt, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass 1,70 der Sache wesentlich näher kommen. Aber was bedeuten schon einige Zentimeter mehr oder weniger? So lange das Selbstvertrauen stimmt, muss man sich um die Länge nicht sorgen, wie Robinson nie müde wird zu betonen. "Jedes Mal, wenn ich das Feld betrete, weiß ich, dass niemand tougher ist als ich", sagt er. "Ich tue, was getan werden muss, selbst wenn ich die ganze Zeit umhergeschubst werde. Ich stehe einfach jedes Mal wieder auf und greife erneut an."

Die großen Töne kommen nicht von ungefähr. Robinson verfügt über einen bulligen Körper und eine sagenhafte Athletik, er katapultiert sich aus dem Stemmschritt 1,10 Meter in die Höhe und kann trotz seines Maßes spektakulär dunken, wie er während seiner Collegekarriere regelmäßig demonstrierte. Mit seiner beeindruckenden Sprungkraft steht Robinson in der Tradition von Spud Webb - jenes 1,68 Meter kleinen NBA-Spielers, der 1986 sensationell den Dunkingwettbewerb der Liga gewann. Die Fans der Knicks durften sich jüngst auch freuen. Im Spiel gegen die Miami Heat stopfte Robinson den Ball zum ersten Mal in einem Profispiel durch den Ring. Die Aktion von "Nate the Great" wurde zum "Dunk of the day" gewählt.

Eine Geschichte über die "kleinen Riesen" unter den NBA-Basketballern wäre aber nicht komplett ohne Muggsy Bogues, den mit 1,60 Meter kleinsten Liga-Akteur aller Zeiten. "Als ich an der Highschool und am College spielte, hielten mich alle für putzig, aber niemand nahm mich ernst", berichtete Bogues einst. "Als ich dann in die NBA kam, war ich ein Kuriosum. Die Leute fragten sich: 'Kann der Typ wirklich spielen?'". Die Antwort fiel eindeutig aus. Der "Winzling" verbrachte 14 Jahre (1987 bis 2001) in der härtesten Basketball-Liga der Welt und war lange Zeit einer ihrer besten Vorlagengeber.

"Wenn du in der NBA überleben willst, zählen allein deine Fähigkeiten und nichts anderes", sagte Bogues zum Ende seiner Karriere. "Wenn ich mir nicht den Respekt der anderen Spieler verdient hätte, wäre ich genauso schnell gekommen und gegangen wie ein Wanderzirkus." Obwohl er stets versuchte, von seiner Größe abzulenken, wusste Bogues, sein vermeintliches Handicap clever zu vermarkten. So veröffentlichte er noch während seiner Aktivenzeit eine Autobiografie. Der viel sagende Titel des Buches lautet: "In the Land of Giants" - im Reich der Giganten.

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