Krise in der NBA "Ein Haufen Pferdemist"

Fans schütten Bier auf die Spieler, die Basketball-Stars lassen die Fäuste sprechen. Was sich wie ein B-Movie anhört, ist in der NBA traurige Wirklichkeit - live im TV zu sehen. Nicht erst seit den Tumulten von Detroit ist der Graben zwischen Spielern und Fans gewachsen.

Von Andreas Lampert


Pacers-Spieler Artest während der Tumulte in Detroit: "Hässlichsten Szenen der amerikanischen Sportgeschichte"
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Pacers-Spieler Artest während der Tumulte in Detroit: "Hässlichsten Szenen der amerikanischen Sportgeschichte"

Hamburg - Der leichteste Teil seiner Arbeit bestand für David Stern darin, die Spielersperren auszusprechen. Nur zwei Tage nach den Tumulten beim Ligaspiel in Detroit zwischen den Pistons und den Indiana Pacers gab der NBA-Comissioner die Strafen gegen die daran beteiligten Akteure bekannt. Dabei traf es die drei Pacers-Akteure Ron Artest (Sperre für den Rest der Saison), Stephen Jackson (30 Spiele Sperre) und Jermaine O'Neal (25 Spiele) am härtesten. Das Trio hatte sich an jenem unrühmlichen 19. November kurz vor Ende der Partie mit Fans auf den Tribünen eine zünftige Schlägerei geliefert und sorgte so für die höchsten Strafen, die es bislang in der NBA-Historie gab.

Mit dem Begriff "Basketbrawl" (Korbprügel) wird diese handfeste Auseinandersetzung seitdem bezeichnet, bei der die einst zuschauerfreundlichste Profiliga der USA sich mindestens zwei blaue Augen holte. Als Spieler sich mit Zuschauern zu schlagen, ist ein absolutes Tabu, nicht nur in den USA. Nicht wenige Basketball-Kolumnisten verkünden nach den "hässlichsten Szenen der amerikanischen Sportgeschichte" bereits das endgültige Ende der Liebesbeziehung zwischen Zuschauern und Spielern: "Es müssen nur ein paar überteuerte Biere in die Hände der Falschen geraten und schon werden alle Feindseligkeiten ausgelebt", stellt etwa Phil Taylor von der Sportzeitschrift "Sport Illustrated" frustriert fest.

"Ich muss ja meine Familie ernähren"

Vorbildlich oder wenigstens professionell verhalten sich einige NBA-Stars in der Öffentlichkeit schon seit längerem nicht mehr. So hat manch Spieler umfamgreichere Einträge in den Kriminalregistern als in den Statistiken der Sportseiten. Meist sind es Vergehen wie Marihuana-Missbrauch, Trunkenheitsdelikte oder Frauengeschichten. Das Bad-Boy-Image will gepflegt werden, egal welche Konsequenzen das nach sich zieht.

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NBA-Skandal: Basketball brutal

In einer Nation, die ihre dunklen Seiten nicht erst seit Präsident George W. Bush mit einem Mantel der Moral überdeckt, sorgen derlei Geschichten zwar für schnelle Schlagzeilen, gefährden jedoch auf Dauer den guten Ruf der Liga. Spieler wie Latrell Sprewell von den Minnesota Timberwolves, der sein exorbitantes Jahresgehalt von 14,6 Millionen Dollar mit den zynischen Worten "Ich muss ja irgendwie meine Familie ernähren" kommentierte, tun alles, dieses schlechte Image zu bestätigen.

Erst am vergangenen Samstag sorgte Sprewell, der einst als Spieler der Golden State Warriors seinen Coach P. J. Carlesimo im Training würgte und dafür von der NBA für 68 Spiele gesperrt wurde, erneut für Aufsehen. Beim Sieg der T-Wolves bei den Los Angeles Clippers lieferte er sich mit einer Zuschauerin einen wüsten Wortwechsel - die obszönen Beschimpfungen waren deutlich in der Fernsehübertragung zu hören. Kritiker wie ABC-News-Autor Dan Harris halten die Parkett-Helden nicht nur deshalb für "überbezahlt, kaum leistungsbereit, verhätschelt und völlig unreif". Sprewell erhielt für seinen neuerlichen Ausraster eine Sperre von einem Spiel.

Beste Voraussetzungen für Scharmützel

So ist es wenig verwunderlich, dass auch der gemeine Fan längst die Gelegenheit nutzt, seinen Frust auf den Zuschauerrängen abzubauen. Zumal die NBA fast optimale Voraussetzungen für gelegentliche Scharmützel bietet. Nirgendwo sonst im amerikanischen Sport sitzt das Publikum so nahe am Geschehen wie bei einem Basketball-Spiel. Auf den teuren Plätzen direkt am Court werden sogar Cocktails serviert. Nicht selten nutzen die Zuschauer aus den oberen Rängen die Halbzeit, um sich auf die besten Plätze und nah an die Auswechselbänke zu schleichen, wo sie ihre Schimpftiraden loswerden.

NBA-Comissioner Stern: In 20 Jahren den Umsatz verfünffacht
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Für die Experten sind Geld und Alkohol die Ursachen der zunehmenden Entfremdung zwischen Athleten und Publikum. Galt es noch vor einigen Jahren als großartige Errungenschaft eines NBA-Clubs, den teuersten Spieler der Liga in den eigenen Reihen halten zu können, trägt ein solches Szenario inzwischen längst nicht mehr dazu bei, die Anhängerschaft zu beruhigen. Im Gegenteil. "Die Fans verübeln den Spielern ihre obszönen Gehälter, und die Athleten sind es leid, deswegen beschimpft zu werden", schreibt Taylor.

"Ich denke nicht, dass Artest Recht hatte, sich auf der Tribüne mit den Zuschauern anzulegen", kommentierte der ehemalige NBA-Star und heutige TV-Experte Charles Barkley das berüchtigte "The Malice in the Palace" von Detroit, "aber wir sind noch lange keine Tiere im Zoo, nur weil wir eine Menge Geld verdienen. Niemand darf uns mit Bechern bewerfen. Jeder, der so denkt, ist bescheuert."

Problem Alkohol

"Hier hat eindeutig das Bier das Kommando übernommen", kritisiert George Hacker vom Center for Science in the Public Interest die Vorfälle in Detroit. "Wenn die Leute nüchtern gewesen wären, wäre es nie zu dieser Eskalation gekommen", analysiert der Vertreter des CSPI, eines gemeinnützigen Vereins, der einen reiferen Umgang mit Alkohol und Ernährung in der Öffentlichkeit propagiert. Doch beim Thema Alkohol sind NBA-Commissioner Stern die Hände gebunden, denn die Brau- und Schnapswirtschaft ist einer der größten Sponsoren des US-amerikanischen Profisports. Allein 540 Millionen Dollar zahlten Alkoholfirmen 2003 für TV-Spots, die während Sportübertragungen gesendet wurden. Brauerei-Konzerne wie Miller's oder Coors haben Baseball-Stadien in Milwaukee und Denver mitfinanziert. Ein Alkoholverbot in den Hallen dürfte nicht so leicht umzusetzen sein, wie Stern bereits angedeutet hat. "Wir werden uns des Themas annehmen - unter Berücksichtigung der Alkohol-Lieferanten", heißt es beschwichtigend aus dem NBA-Office.

Basketball-Stars Sprewell, Bryant: "Habe eine Familie zu ernähren"
AP

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Auf Stern kommt die Aufgabe zu, die ins Schlingern geratene Liga wieder auf Kurs zu bringen. Als der 62-Jährige im Februar 1984 das Amt des NBA-Vorsitzenden übernahm, hatte der gelernte Jurist und Marketing-Experte mit derlei Problemen nicht zu kämpfen. Zum Zeitpunkt von Sterns Amtsantritt wurde ein junger schlaksiger Bursche aus North Carolina namens Michael Jordan Profi. Zur landesweit begeistert verfolgten Rivalität zwischen Teamspielern wie Magic Johnson (Los Angeles Lakers) und der weißen Hoffnung Larry Bird (Boston Celtics) tauchte nun noch der geniale Einzelspieler auf. Jahre des Wachstums und spielerischer Klasse machten die NBA so zum familienfreundlichsten Profisport der USA. Unter Sterns Ägide wuchs die Liga von 23 auf inzwischen 30 Teams an, verfünffachte den Umsatz und setzte sich als globale Sportmarke durch.

Seit Jordans Abgang keine Identifikationsfigur

Doch inzwischen sieht Stern sein Lebenswerk in Gefahr. Nicht nur fehlt es der Liga nach dem endgültigen Abgang von Michael Jordan an einer Identifikationsfigur. Die TV-Quoten sinken bereits seit einigen Jahren. Nun kommen die peinlichen Ausschreitungen in Detroit dazu. Die dramatische Lage bringt "Sports Illustrated" desillusioniert auf den Punkt: "Wenn Sport der Spiegel unserer Gesellschaft ist, dann latschen wir derzeit durch einen Haufen Pferdemist." Sterns harte Bestrafung der am "Basketbrawl" beteiligten Spieler war eine erste Maßnahme, um den guten Ruf der NBA wieder herzustellen. Ob das reichen wird, Sponsoren künftig davon zu überzeugen, dass die Liga ein positiv besetztes Unterhaltungsprodukt ist, bleibt abzuwarten.

Die Spielergewerkschaft der NBA hat bereits Protest gegen die Suspendierungen angekündigt, an diesem Donnerstag beginnt die Befragung der Spieler vor einem ordentlichen Gericht in New York. Längst sind auch in Michigan die Zivilgerichte eingeschaltet. So mancher in die Tumulte verwickelte Zuschauer hofft, die kassierten Schläge juristisch in einen pekuniären Vorteil umzuwandeln und sich so ein neues Auto oder den nächsten Urlaub zu finanzieren. Rund zwei Jahre wird es voraussichtlich dauern, bis die Auseinandersetzungen auf gerichtlichem Weg geklärt werden.

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