Lakers-Niedergang Hundstage in der Stadt der Engel

Für die Bewohner von Los Angeles gibt es drei Dinge im Leben, die sie für selbstverständlich nehmen: Dichter Verkehr auf den Highways, eine Smogschicht über der Stadt und ein Basketball-Team der Lakers, das in die Playoffs einzieht. Doch in diesem Jahr ist eine Konstante weg gebrochen. Die Lakers sind nur noch ein Witz der Liga.

Von Andreas Lampert


Für die Los Angeles Lakers kommt es derzeit knüppeldick. Selbst die treuesten Anhänger des neunfachen NBA-Champions haben die Lust verloren, ihre Helden anzufeuern. "Dies ist ein abscheuliches Basketball-Team", beschwerte sich Lakers-Fan Michael Kassett letzte Woche auf der Leserbriefseite der "Los Angeles Times". Und Joel Rapp brachte es an selber Stelle auf den Punkt: "Die Truppe ist total verwirrt - ideenlos im Angriff und armselig in der Abwehr". Der einstige Stolz der Stadt ist in der zweiten Saisonhälfte nur noch ein Prügelknabe in der NBA.

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Lakers-Niedergang: Hundstage in der Stadt der Engel

Nicht nur die Fans sind wütend, auch die Journalisten verzweifeln an den schwankenden Leistungen der Mannschaft; Spieler und Trainer sind gleichermaßen ratlos. Der erfolgsverwöhnte NBA-Club macht in diesen Tagen die schlimmste Niederlagen-Serie seit elf Jahren durch - die letzten sechs Spiele gingen alle verloren, in den vergangenen 15 Spielen gab es nur vier Siege - und erstmals seit 1994 drohen die Lakers wieder die Playoffs zu verpassen.

Koffer packen oder kämpfen?

Sogar gegen das in dieser Saison zweitschlechteste Team der Western Conference, die Utah Jazz, mussten sich die Lakers vergangenen Dienstag mit 107:115 geschlagen geben - obwohl Superstar Kobe Bryant in der Partie 43 Punkte gelangen und die Lakers zu Beginn des letzten Viertels noch einen Vorsprung von sieben Punkten hatten. "Einfach furchtbar. Wir haben es nicht geschafft, irgendjemand in Schach zu halten", stellte Lakers-Coach Frank Hamblen nach der erneuten Niederlage zerknirscht fest, "es ist schrecklich. Irgendetwas passiert dieser Truppe immer. Die Spieler müssen sich jetzt entscheiden: Jetzt schon die Koffer packen oder noch um den letzten Playoff-Platz kämpfen?"

Heute treten die Lakers bei den Denver Nuggets an. Es ist die letzte Chance für Bryant & Co., ihrer missratenen Saison wenigstens noch einen Zuckerguss zu verpassen. Mit einem Sieg in Denver blieben ihre Playoff-Hoffnungen am Leben. Die Nuggets liegen derzeit mit 36 Siegen und 30 Niederlagen auf dem achten Rang der Western Conference, dem letzten Platz, der noch zum Einzug in die Playoffs berechtigt. Die Lakers (32/35) rangieren auf Rang zehn bereits viereinhalb Spiele hinter den Nuggets. 15 Spiele bleiben den Lakers noch, dieses Defizit aufzuholen.

Die Stimmung im Lager der Kalifornier ist alles andere als zuversichtlich. "Im Augenblick ist eine Playoff-Teilnahme nicht realistisch", gibt sich Hamblen vor der Partie gegen die Nuggets skeptisch. "Die Lakers haben über Jahre Erfolg gehabt, aber im Augenblick wird von Grund auf renoviert. Manchmal muss man sich bescheiden und die Zeche bezahlen. Und wir werden diese Zeche eine Weile bezahlen müssen."

Hundstage in Los Angeles

Hamblen ist in diesen Hundstagen von Los Angeles derzeit der ärmste Hund in der Lakers-Organisation. Als Assistent von Trainer Rudy Tomjanovich in die Saison gegangen, übernahm er Anfang Februar nach langem Zögern den Chefposten, nachdem sich Tomjanovich "aus gesundheitlichen Gründen" bei den Lakers zurückgezogen hatte, und muss nun die Prügel nach jeder Niederlage einstecken. Völlig eindimensional würde sich seine Mannschaft präsentieren, heißt es in den Medien immer wieder, mit einem Kobe Bryant, der macht, was er will, und einem Team, das den Ball stets zu Bryant passt, wenn es nicht mehr weiter weiß. Eine solche Taktik ist selbst von den schwächsten Gegnern leicht auszurechnen.

"Wir spielen eine grausame Saison", muss auch Bryant zugeben. Der Punktedurchschnitt des 26-Jährigen ist im Vergleich zur letzten Saison zwar von durchschnittlich 24 Punkten auf 28,2 Punkte pro Spiel angestiegen - was in der individuellen Statistik Rang zwei hinter Philadelphias Allen Iverson (30,3) bedeutet -, doch die Prozentzahl seiner verwandelten Würfe ist mit 42,9 Prozent bereits im dritten Jahr in Folge niedriger als in der Saison zuvor. Über die Playoff-Chancen seines Teams sagt Bryant nur: "Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, kann man nicht auf die Knie fallen und anfangen zu heulen."

"Wie eine Flipperkugel"

"Wie eine Flipperkugel, die wild im Automaten herum geschossen wird, werden die Lakers derzeit von den Gegnern über den Platz gescheucht", schrieb die "Los Angeles Times" frustriert nach der 81:95-Niederlage bei den Washington Wizards in der vergangenen Woche. Von der Lakers-Dynastie, die in den letzten fünf Jahren drei NBA-Titel holte, ist nur noch ein Scherbenhaufen übrig.

Dabei ist der Aufruhr im "Lakerland" für viele keine Überraschung. Nach dem Abgang von Trainer Phil Jackson im vergangenen Sommer ist die einstige Startruppe ungebremst ins Mittelmaß abgerutscht. Jackson hatte sich nach dem anhaltenden Zank zwischen Shaquille O'Neal und Bryant auf die Seite des hünenhaften Centers geschlagen, doch Lakers-Besitzer Jerry Buss entschied sich für Bryant, obwohl dieser gerade wegen eines Vergewaltigungsprozesses viel von seinem makellosen Image eingebüßt hatte. Jackson packte darauf seine Koffer - und ging auf Weltreise.

O'Neal wurde wenig später im Tausch gegen drei Spieler von Los Angeles nach Miami verfrachtet, weil er mehr Geld haben wollte als Bryant, der für die nächsten sieben Jahre mit einem Salär 137 Millionen Dollar entlohnt wird. Zwei so teure Spieler konnten und wollten sich selbst die Lakers nicht leisten.

Aufschwung der Clippers

Die schwache Saison der Lakers hat sich nun auch in der Zuschauerresonanz niedergeschlagen. Um 30 Prozent ist die Einschaltquote im Fernsehen für Lakers-Heimspiele zurückgegangen. Konkurrenz droht den Lakers sogar in der eigenen Stadt. Die Los Angeles Clippers, über Jahrzehnte im Schatten belächelt, haben sich in diesem Jahr zu einem echten Konkurrenten gemausert. Zwei der vier Begegnungen zwischen den beiden Clubs konnten die Clippers für sich entscheiden. Das gab es zuletzt 1997.

Auch die Clippers-Heimbilanz ist besser als die der Lakers - und bei Clippers-Heimspielen ist die Halle fast immer voll. Ganz anders bei den Lakers: Bereits neunmal in dieser Saison war das Staples Center nicht ausverkauft - so oft wie noch nie. Schwacher Trotz für Fans der Violet-Goldenen: Mit einer Bilanz von 30 Siegen und 37 Niederlagen sind die Clippers immer noch einen Tick schlechter als die Lakers.

Ob der Einzug in die Playoffs die Lakers-Fans versöhnen würde, darf bezweifelt werden. "Jeder Artikel über die Lakers spekuliert derzeit über den Einzug in die Playoffs", zeigt sich Lakers-Fan John Humble über die Berichterstattung genervt, "wen interessiert das? Glaubt denn irgendjemand ernsthaft daran, dass die Lakers die erste Runde überstehen würden?" Mit seiner Meinung steht Humble nicht alleine da. Selbst in den Reihen der Spieler hat man inzwischen den Glauben an die eigene Stärke verloren. Lakers-Center Brian Grant: "Im Augenblick ist unsere Abwehr grauenhaft. Einfach grauenhaft. Selbst wenn wir es bis in die Playoffs schaffen, heißt doch die Frage, was kommt dann?"

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