Miami Heat Big Daddy und die Profiteure

Vom Durchschnittsteam zum Meisterschaftsfavoriten - dank Shaquille O'Neal haben die Miami Heat einen Qualitätssprung gemacht wie selten ein NBA-Team zuvor. Der bewegliche Riese spielt ohne seinen verhassten Ex-Kollegen Kobe Bryant besser denn je. In seinem Schatten wächst ein Aufbauspieler zum Superstar heran.

Von Tomas Lansky, Miami


Shaq-Poster: Papas Zuhause
Tomas Lansky

Shaq-Poster: Papas Zuhause

Plötzlich hing an der schmucken American Airlines Arena an der Miami Bay ein sechsstöckiges Plakat mit der Aufschrift "Papas Zuhause". In Amerika übertreibt man gerne, aber dieser neue Name eines Sporttempels scheint angebracht, wenn man das Bild des milde, weise und belustigt lächelnden Neu-Besitzers sieht, Shaquille O'Neal.

"Es ist, als ob man gegen eine Wand spielen würde" sagt zum Thema Shaq sein genauso großer (aber 30 Kilogramm leichterer) Kollege Amare Stoudemire, immerhin Center des Teams mit der besten Bilanz der gesamten NBA. Wenn alles wie vorgesehen läuft, wird er mit seinen Phoenix Suns im Juni im Liga-Endspiel auf "Big Daddy" und dessen Miami Heat prallen. "Ich glaube er ist 2,50 Meter, wiegt 200 Kilo und hat dabei die Flexibilität eines Aufbauspielers", sagt Emeka Okafor, ein weiterer 2,10-Meter-Mann. Und selten war eine Übertreibung weniger realitätsfern.

Als Shaquille O'Neal vor einem Jahr nach vielen Streiterein mit Kobe Bryant aus Los Angeles nach Miami wechselte, empfingen ihn die Zweifler. Zwar hatte O'Neal mit den Lakers drei Titel geholt, aber trotzdem dominierte Skepsis: Er sei zu alt, zu fett, zu verletzungsanfällig und habe Miami nur gewählt, um dem offiziellen South-Beach-Motto zu fröhnen: Party, Party, Party.

Miamis Superstar O'Neal: Lustiger Riese
REUTERS

Miamis Superstar O'Neal: Lustiger Riese

Doch der lustige Riese hatte anderes vor. Vielleicht von Altersweisheit gepackt - oder es sitzt ein wirklich kluger Kopf auf diesem enormen Körper - kam er in Miami an, trainierte wie besessen in seinem 28 Millionen Dollar teuren Haus, nahm dabei 20 Kilogramm ab (was ihn bei nun 145 Kilogramm fast schlank aussehen lässt), und förderte seine neuen Mitspieler in Wort und Tat. Immer einen guten Spruch auf der Lippe gab er dem faszinierend wendigen Talent Dwyane Wade den Kumpelnamen "Flash" (Blitz) und vergaß weder bei Pressekonferenzen noch im Spiel, Wade in den Vordergrund zu schieben. Von seinen Gegnern gerne als "lebende bewegliche Hauswand" beschrieben, fiel es O'Neal auf einmal leicht, im Hintergrund zu stehen - und trotzdem aufzufallen.

Shaq hat seine neue Heimat verwandelt und nicht nur Miami die Lust am Basketball wiedergegeben. Die NBA sollte ihm genauso dankbar sein wie seine Mannschaft. Immer noch wartet die Liga auf den neuen Michael Jordan, der Basketballfans weltweit elektrisiert hat. Kobe Bryant scheint für diese Rolle, die er immer begehrte und nie erreichte, nicht die richtige Besetzung zu sein. Seine Lakers beendeten die Saison zum ersten Mal seit endlosen Jahren noch hinter dem Ortsrivalen L.A. Clippers und verpassten die Playoffs.

Supertalent LeBron James war klasse anzusehen, aber auch er konnte nicht verhindern, dass sich seine Cleveland Cavaliers wegen einer Negativserie am Saisonende nicht für die Meisterrunde qualifizierten. Der andere der beiden talentiertesten Jungspunde, Carmelo Anthony, hat mit den Denver Nuggets zwar die Playoffs erreicht, aber Anthony scheint nicht der Mann zu sein, dem allgemeine Sympathie zufließt.

Ex-Lakers-Profi O'Neal (m.): Von Altersweisheit gepackt
AP

Ex-Lakers-Profi O'Neal (m.): Von Altersweisheit gepackt

Ganz anders Shaq. Alle wollen ein Teil von ihm, wenn nötig auch ohne Erlaubnis. Er ist der meistgefoulte Spieler in der NBA, leider aber kein begnadeter Freiwurf-Experte, seine Trefferquote von der Linie ist erbärmlich. Man kann aber auch von Glück sprechen, dass Shaq nach zwölf Jahren Training immer noch so schlecht ist, ansonsten würden die Spiele langweilig. Und niemand hätte die wenig unterhaltsame, aber faszinierende "Hack-a-Shaq"-Taktik erfunden, bei der die gegnerische Mannschaft den armen O'Neal in den letzten Spielminuten andauernd foult, damit eben weniger als die zwei Punkte herausspringen, die er als NBA-Spieler mit der besten Feldwurf-Quote eben sicher erzielt.

Das Beste am neuen, verbesserten Miami-Shaq: Er wurde zum uneigennützigen Mannschaftsspieler, sein wichtigster Beitrag, um aus einem talentierten Team plötzlich sogar einen Meisterschaftsanwärter zu machen. O'Neal lenkt die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich und verteilt dann Bälle an Mitspieler, die bis vor kurzem keiner kannte. Dank Shaq wurde beispielsweise ein gewisser Damon Jones zum besten Drei-Punkte-Werfer der gesamten Liga.

Ehemalige Kollegen O'Neal , Bryant: Endlose Streitjahre
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Ehemalige Kollegen O'Neal , Bryant: Endlose Streitjahre

Der Riese rotiert unterm Korb - und die gegnerische Mannschaft hat oft nur zwei Möglichkeiten, einen Korb zu verhindern. Zwei Mann gegen Shaq (und so dessen Mitspieler freistehen lassen) oder O'Neal machen zu lassen, dem Bälle hoch zugespielt werden, die er mit seiner Mauer-Dominanz nur noch einzulupfen braucht. Oder, falls der Gegner auch gedemütigt werden soll, bei Bedarf per Dunking zu versenken, bei dem die Halle bebt. Das Ergebnis ist meist gleich. Shaqs Team gewinnt. Auch weil der 23-jährige "Blitz" Wade im zweiten Jahr seiner Profi-Laufbahn erwachsen wurde.

Ohne Lorbeeren in Miami angekommen, entwickelte der drahtige Aufbauspieler nicht nur sein Spiel, sondern auch Charme. In einer Liga, in der Testosteron aus allen Poren fließt, zeigt Dwyane die gute Seite des wohlerzogenen Jungen aus einfachen Verhältnissen. Keine Skandale, keine Aufmüpfigkeit. Und das Zusammenspiel mit O'Neal klappt auch außerhalb des Courts. Wade blickt zu Shaq auf und gibt ihm den Respekt, den Big Daddy erwartet, ohne es auszusprechen. Nach acht Jahren mit dem Egomanen Bryant gibt O'Neal die Komplimente mehr als zurück. Er wird nicht müde zu sagen, Miami Heat sei "Dwyanes Team". Jeder weiß, dass dies eine nette Lüge ist, aber alle finden es süß.

Heat-Guard Wade: Kleine Geschenke des Mentors
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Heat-Guard Wade: Kleine Geschenke des Mentors

"Dwyane Wade steht kurz davor, eine der dominierenden Persönlichkeiten in der NBA zu werden", sagt Marc Gains, Vorstand von Sportscorp Ltd., einer großen Sport-Marketing Agenturen in Chicago. "Wenn Miami gute Playoffs hat und ihn alle Leute im Fernsehen an Shaqs Seite als sympathischen und erfolgreichen Mannschaftsspieler sehen, hat Wade ausgesorgt" - und würde weit mehr belohnt, als mit dem 100.000 Dollar teuren, aufgemotzten Geländewagen, den er quasi im Vorbeigehen bei einem lokalen Autohändler für ein paar Fotos neben dessen Logo bekommt.

Wade zielt in die Werbe-Stratosphäre, in der O'Neal bereits ist. 14 Millionen Dollar pro Jahr bekommt der neue Miami-Papa für verschiedene Produkte aufs Konto überwiesen. Eigentlich wenig verglichen mit dem jungen, aber sportlich noch wenig erfolgreichen LeBron James, der bei 35 Millionen Dollar pro Jahr liegt. Von Tiger Woods, für den Golfspielen inzwischen ein nettes Hobby ist, um Parkgroschen zu verdienen, nicht zu sprechen. 70 Millionen Dollar bekommt der "Tiger" pro Jahr.

Wade selbst muss sich aber noch mit kleinen Geschenken seines Mentors begnügen. Der Geländewagen-Deal wurde erst O'Neal angeboten. Doch der Meisterpsychologe bemerkte nur, er hätte leider keinen Platz für noch mehr Autos in seiner Garage. Man solle doch seinen Kumpel Wade fragen. Dem wurde zur gleichen Zeit auch ein Turnschuh-Deal angeboten. So hatte der bescheidene Dwyane plötzlich neben dem Luxus-Wagen auch ein Riesen-Plakat mit seinem Konterfei - am New Yorker Times Square. Das ist zwar (noch) etwas kleiner als das O'Neal-Monster-Poster an Miamis Arena, doch vom Superstar-Status seines Mentors trennen den "Blitz" womöglich nur noch ein paar erfolgreiche Wochen in den Playoffs.



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