Michael Jordan in Deutschland Sportler, Showstar, Schuhverkäufer

Wenn "Air" kommt, verlieren selbst prominente Basketball-Fans die Fassung. Michael Jordan verrät SPIEGEL ONLINE bei seiner umjubelten Europatour, dass er sich spielerisch immer noch voll auf der Höhe fühlt - und vom Kult um ihn in Deutschland schockiert ist.

Von Martin Fünkele


Die Teenies kreischen, die Bodyguards gucken grimmig, die Eventmanager funken hektisch miteinander: Eine Legende ist zu Besuch in Deutschland. Ein Spieler, der dem Basketball weltweit zu ungekanntem Fan-Kult verholfen hat. Ein Popstar, der noch heute zu den beliebtesten Sportlern der Welt zählt: 13 Jahre war Michael Jordan in den USA auf Platz 1, bis er den Titel kürzlich in der Rangliste des Marktforschungs-Instituts "Harris Interactive" an Tiger Woods abgab. Und jetzt dieser Besuch in Berlin und Hamburg - Michael Jordan kann gar nicht fassen, wie beliebt er hierzulande ist. "Ich bin schockiert. Ich war jetzt in Paris und in London", sagte er zu SPIEGEL ONLINE, "aber nirgends waren die Menschen nur annähernd so begeistert wie in Deutschland."

Michael Jordan - die Welt-Ikone eines Sports zu Gast bei Freunden. Es war erst sein dritter Besuch in Deutschland. Entsprechend groß der Andrang: In Hamburg warteten 2500 Fans mehrere Stunden hinter einem Metallgitter in der Hoffnung, zumindest einen kurzen Blick auf den 43-Jährigen zu erhaschen. In Berlin brüllte dann eine ganze Sporthalle begeistert seinen Namen. Er ist einfach immer noch die Werbefigur des Basketball. Der Mann hat zwischen 1991 und 1998 sechs NBA-Titel für die Chicago Bulls gewonnen. Dem US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" zufolge verantwortete er einen globalen Umsatz in Sachen Basketball von zehn Milliarden Dollar.

Jordans Marktwert ist immer noch enorm. Obwohl er sich seit drei Jahren eigentlich nur noch um sein Handicap beim Golf kümmert, musste er jetzt für seinen Sponsor Nike ran. Der eher schnöde Grund seiner Europatournee ist ein neues PR-Konzept der Sportartikelmarke "Jordan", einem Tochterunternehmen von Nike. "Jordan" beherrscht in den USA den Basketball-Schuhmarkt, der auf 2,6 Milliarden Dollar geschätzt wird. Die Verkäufe in Europa stagnieren dagegen. "Wir wollen eine globale Marke werden", sagt "Jordan"-Präsident Larry Miller, "und dafür müssen wir uns mehr um Europa kümmern."

Oliver Korittke ist aufgeregter als beim Film

Wer wäre da geeigneter als Jordan in Fleisch und Blut? Ende der neunziger Jahre war er der bekannteste Amerikaner der Welt. Durch Nikes massive PR-Kampagnen wurde "Air" zum "Global Player" in Sport und Werbung. Behilflich war eine revolutionäre Neuerung auf dem US-Fernsehmarkt: Das Kabelfernsehen kam auf und schaffte plötzlich viel Platz für neue Inhalte. Davon profitierte besonders die darbende NBA: Jordans Image wurde per Werbespot nachhaltig in die Köpfe der Konsumenten gehämmert. Und das am Ende nicht nur in den USA. Der neue Ruhm des Idols verbreitete sich aus Amerika über die Welt. Bei den Auftritten in Hamburg und Berlin am Wochenende zeigte alleine schon die Prominenz im Publikum, wie wichtig der Athlet für viele Sportler und Fans bis heute ist - auch in Deutschland.

In Hamburg war es Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela, der im Szeneschuppen "Snipes" auf die Ankunft von "His Airness" wartete. "Jordan ist nun mal der Popstar des Sports", sagte er. "Für mich ist er der größte Athlet unserer Zeit, weil keiner seinen Sport so sehr dominiert und revolutioniert hat wie er."

Oliver Korittke ließ sogar den Deutschen Filmpreis sausen, um an Jordans Auftritt in Berlin teilzunehmen: "Ich war noch bei keinem Dreh so aufgeregt wie vor dem Treffen mit Michael Jordan", sagte der Schauspieler ("Die Musterknaben", "Bang Boom Bang"). Schuhfetischist Korittke hat schon mehr als 850 Turnschuhe. Er bekam von Jordan höchstpersönlich ein Unikat überreicht. Und strahlte vor Freude.

Jordan machte auch Maurice Stuckey glücklich. Der 16-jährige Augsburger hatte sich auf einem Nachwuchs-Turnier namens "Jordan Classics" unter 30 Basketballspielern als Bester durchgesetzt. Jordan ehrte ihn persönlich - und lud ihn zum "Camp der Allerbesten" nach New York ein.

Mental fit - aber der Körper macht nicht so ganz mit

Reizt ihn der ganze Kult um seine Person nicht, selbst wieder bei den Besten der Besten in der NBA mitzumischen? Man kann das bei ihm ja nie wissen: 1993 trat er erstmals zurück; 1995 folgte das erste Comeback bei den Chicago Bulls; 1998 der zweite Rücktritt; 2001 das zweite Comeback bei den Washington Wizards. Dort sollte er den General Manager mimen - aber als das nicht klappte, schnürte er erneut die Nike-Stiefel und spielte mit. "Wenn Sie mich jetzt fragen würden, ob ich heute noch in der NBA spielen könnte, würde ich sagen: Ich glaube schon", sagt Jordan zu SPIEGEL ONLINE. Und fügt hinzu: "Mental wäre ich dazu immer noch in der Lage." Körperlich dagegen nicht: "Dazu bin etwas zu schwer geworden. Mein Körper würde eine Saison mit 82 Spielen nicht mehr durchhalten."

Der Megastar ist seit kurzem Anteilseigner des eher mittelmäßigen Basketball-Teams Charlotte Bobcats und macht lieber Voraussagen über die kommende NBA-Saison, die am 31. Oktober beginnt. Am Ende sieht er den Titelverteidiger aus Miami erneut ganz vorn: "weil sie jetzt wissen, worauf es ankommt". Aber auch den Dallas Mavericks mit Dirk Nowitzki räumt er gute Chancen ein, "weil sie nach dem verlorenen Finale hungriger als jedes andere Team sind". Jordans Prognose: "Dirk wird gewinnen, solange die Mavericks ihn mit guten Spielern versorgen", sagt er.

Dann ist Jordans Auftritt vorbei. Den Visagisten, den man ihm für seinen Auftritte in Deutschland zur Seite gestellt hat, hatte er übrigens rasch weggeschickt. Michael Jordan braucht kein Make-up. Er weiß, dass er noch bestens in Form ist.



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