NBA-Champion Boston "Ich hoffe, wir haben dich stolz gemacht"

Die Celtics sind wieder da: Nach 22 titellosen Jahren ist der Rekordmeister auf den NBA-Thron zurückgekehrt. Den entscheidenden vierten Sieg in der Finalserie gegen die Los Angeles Lakers feierten die Stars von heute mit den Helden von gestern.

Aus Boston berichtet


Der eine rennt mit einem Handtuch übers Spielfeld, der andere sinkt überwältigt am Mittelkreis nieder und der Dritte greift spontan zum großen Getränkekübel und gießt dessen eiskalten, orangefarbenen Inhalt Trainer Doc Rivers in den Nacken. Drei Spieler, drei unterschiedliche Emotionsausbrüche, ein gemeinsames Glücksgefühl – endlich NBA-Meister.

Auf diesen Moment hatten Ray Allen, Kevin Garnett und Paul Pierce so sehnsüchtig gewartet. Am späten Dienstagabend wird das Trio zusammen mit seinen Mitspielern und Zehntausenden Fans erlöst. Die Boston Celtics haben ihre sensationelle Saison so beendet, wie es zwar viele erhofft, aber nur wenige erwartet hatten. Die Renaissance des Rekordmeisters ist geschafft, die 17. NBA-Meisterschaft nach dem entscheidenden 131:92-Heimsieg gegen die Los Angeles Lakers.

"Ich hoffe, wir haben dich stolz gemacht", brüllt Garnett gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Zuschauer Richtung Bill Russell, der einen Meter von ihm entfernt steht. "Das habt ihr", schreit die Celtics-Legende zurück. Anschließend fallen sich beide in die Arme, und Russell sieht dabei so glücklich und erleichtert aus, als habe er soeben seinen ersten NBA-Titel gewonnen. Dabei ist es Garnetts Premiere und der musste immerhin 32 Jahre alt werden, bis es soweit ist. Russell hingegen war bereits mit 23 Jahren Meister und einer der Pioniere des bis heute magischen Celtics-Mythos.

In den fünfziger und sechziger Jahren holte er mit den Celtics insgesamt elfmal die Larry O'Brien-Trophy nach Boston. "Für diesen Moment haben wir seit dem ersten Trainingstag an gearbeitet. Ich bin so glücklich, es ist überwältigend", schreit Garnett in die Mikrofone der Journalisten. Elfmal stand er im Allstar-Team, war 2004 sogar der wertvollste Spieler der Liga.

Doch all das ist nichts gegen den Moment um kurz nach Mitternacht, als er den Meisterpokal Richtung Hallendecke streckt. Dort hängen die 16 Banner, die die Celtics bislang gewonnen haben. Es sei eine riesige Verantwortung, das Trikot dieses Vereins zu tragen, betont er. Dieser Verantwortung wird die Nummer fünf im sechsten Finalspiel gegen die Lakers gerecht. 26 Punkte und 14 Rebounds weist seine Statistik auf – beides sind Bestwerte.

Und dennoch ist Garnett nicht der Beste an diesem begeisternden Abend in Boston. "Jeder Einzelne von uns wollte Meister werden und zwar zu einhundert Prozent", betont Doc Rivers auf der Pressekonferenz. In seiner rechten Hand hält er eine große Champagnerflasche, denkt jedoch gar nicht dran, sie zu öffnen. Vielmehr erzählt er ausführlich über das Team, dessen Typen und die Bedeutung des Basketballs in Boston. Auf der Fahrt zur Halle habe er ausschließlich Menschen in Grün gesehen. Das habe ihn sehr beeindruckt, so Rivers.

Die Farbe der Hoffnung hat in Amerikas Sportstadt Nummer eins seit dieser Saison wieder ihren Platz gefunden neben dem Blau der New England Patriots und dem Rot und Weiß der Red Sox. So richtig verschwunden war Grün sowieso nie, aber auf jeden Fall seltener geworden in den vergangenen Jahren. Und um sich an den letzten Titel der Celtics 1986 erinnern zu können, muss man schon fast 30 Jahre oder älter sein. "Wir hatten nicht viele großartige Jahre, aber ihr habt immer zu uns gehalten und deshalb ist dieser Titel auch für euch", sagt Paul Pierce, der seit zehn Jahren in Boston spielt.

"Beat LA" (Besiegt LA!) hatten sie schon den ganzen Tag über in der Stadt skandiert. Selbst vom Rathaus hängt ein großes Banner mit dieser Aufforderung. Der Schlachtruf entstand in den achtziger Jahren, als sich die Erzrivalen von der Ost- und der Westküste zwischen 1959 und 1986 zehn Mal im Finale gegenüberstanden.

Vom Celtics-Hasser zum Helden von Boston

Pierce hat die letzten Duelle vor gut 20 Jahren vor dem Fernseher verfolgt, in seiner Heimat Los Angeles. Dass er die Lakers liebte und die Celtics hasste, füllte vor den Endspielen die Tageszeitungen. Auch jetzt werden dem Kapitän wieder die Schlagzeilen gehören. Denn er ist zum wertvollsten Spieler der Finalserie gewählt worden. Paul Pierce, der Arbeiter, nicht Kobe Bryant, der Akrobat unter dem Korb.

Die Finals im Überblick

1959 Celtics Lakers 4:0
1962 Celtics Lakers 4:3
1963 Celtics Lakers 4:2
1965 Celtics Lakers 4:1
1966 Celtics Lakers 4:3
1968 Celtics Lakers 4:2
1969 Celtics Lakers 4:3
1984 Celtics Lakers 4:3
1985 Celtics Lakers 2:4
1987 Celtics Lakers 2:4
2008 Celtics Lakers 4:2
Pierce war es zu verdanken, dass der Lakers-Star gegen Boston keine Sternstunden, sondern nur durchschnittliche Arbeitstage erlebte. In den ersten drei Play-off-Runden erzielt der MVP der regulären Saison noch 31,9 Punkte pro Partie. In den Finals waren es sechs Zähler weniger. Und bei zwei ihrer vier Siege gewannen die Celtics eben mit jenen sechs Punkten Vorsprung.

Das letzte Spiel hingegen wird zu einer Gala der Grünen. Als Rivers seine Topstars Pierce, Garnett und Allen vier Minuten vor dem Ende vom Feld holt, beginnen bereits die Feierlichkeiten – auf der Bank und auf den Rängen. Dort rauchen zahlreiche Zuschauer Zigarren – trotz strengen Rauchverbots. Aber das interessiert diesmal niemanden. Auch nicht die Ordner.

"Zündet eine für Red an" steht auf vielen Schildern geschrieben. Gemeint ist Red Auerbach, der die Celtics als Trainer, Manager und Präsident zu den bisherigen 16 Titeln geführt hatte und vor zwei Jahren verstarb. Auerbach liebte Zigarren und war bekannt dafür, im Erfolgsfall gerne schon vor dem Spielende auf der Bank seinem Laster zu fröhnen.



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