NBA-Champion Horry Der alte Mann und die Ringe

Seit vergangener Nacht ist er auf Augenhöhe mit der Basketball-Legende Michael Jordan. Robert Horry holte mit den San Antonio Spurs seinen sechsten NBA-Titel. Auch "Air" Jordan kam in seiner ruhmreichen Karriere auf ein halbes Dutzend Meisterschaftsringe. Richtig bekannt ist Horry deswegen trotzdem nicht.

Von Tobias Pox


Horry mit NBA-Trophäe: Sechster Titel, drittes Team
REUTERS

Horry mit NBA-Trophäe: Sechster Titel, drittes Team

Gewohnheit führt leicht zu Langeweile. Es gibt jedoch Dinge, an die gewöhnt man sich gerne. Zum Beispiel, dass es Konfetti von der Decke des heimischen SBC Centers regnet. Oder dass NBA-Commissioner David Stern einem zum dritten Mal in sieben Jahren die Larry-O'Brien-Trophäe, den NBA-Siegerpokal, überreicht. Entsprechend ausgelassen war der Jubel der San Antonio Spurs, nachdem sie in der vergangenen Nacht im alles entscheidenden Spiel sieben der NBA-Finals den amtierenden Meister Detroit Pistons in eigener Halle mit 81:74 besiegt und den Titel nach 1999 und 2003 erneut nach Texas geholt hatten.

Dass man trotz aller Macht der Gewohnheit als Champion nicht emotional abstumpft, demonstrierte keiner deutlicher als Robert Horry (ausgesprochen "Orry", Anm. d. Red.). Der Power Forward der Spurs umklammerte nach dem Schlusspfiff den Spielball so fest, dass dieser zu platzen drohte. Horry wollte das Spielgerät partout nicht hergeben. Er schien zu sagen: das ist meiner - und das bleibt meiner. Genau wie die nunmehr sechs Meisterringe, die er in seiner Karriere schon sammeln konnte. Womit der 2,08 Meter große Dreipunktespezialist endgültig ins Pantheon der erfolgreichsten NBA-Akteure aller Zeiten aufgestiegen ist.

Nur sieben Spieler, die allerdings aktiv waren, als die Boston Celtics von 1957 bis 1969 elfmal im Finale siegten, verbuchten mehr Titel als Horry. Selbst ein Michael Jordan trägt nicht mehr Meisterschmuck an den Fingern. "Es ist wunderbar. Dieser Titel rangiert ganz weit oben, denn es ist das dritte Team, mit dem ich es geschafft habe", ordnete Horry seinen jüngsten Coup unmittelbar nach dem Spiel ein. Die fünf anderen Meisterschaften gewann der 34-Jährige mit den Houston Rockets (1994, 1995) und den Los Angeles Lakers (2000 bis 2002). Neben dem nicht mehr aktiven John Salley ist Horry der einzige NBA-Spieler, der es geschafft hat, mit drei unterschiedlichen Clubs Champion zu werden.

Antreiber Horry: Bester Ergänzungsspieler aller Zeiten
AP

Antreiber Horry: Bester Ergänzungsspieler aller Zeiten

Trotz aller Erfolge zählt Horry nicht zu den großen Namen der Liga. Er stand bei seinen Vereinen stets im Schatten von Superstars wie Houstons Hakeem Olajuwon oder L.A.'s Shaquille O'Neal und Kobe Bryant. Bei den Spurs verrichtet Horry seinen Dienst im Schlepptau von Alleskönner Tim Duncan. "Ich weiß einfach, wie man sich an die Stars dranhängt", sagte Horry einmal im Scherz. Natürlich steckt aber viel mehr dahinter, wie Larry Brown, Trainer der im Finale unterlegenen Detroit Pistons, betont: "Man spielt nicht für Mannschaften mit Meisterschaftskaliber, wenn man nicht die Fähigkeit dazu besitzt, und Horry zeigt dies in der Regel, wenn es darauf ankommt."

Insbesondere Spiel fünf des Finales bewies, dass diese Aussage stimmt. San Antonio schwächelte merklich, selbst Duncan offenbarte gravierende Defizite, vor allem von der Freiwurflinie. Den Spurs drohte die dritte Niederlage in Folge. Doch dann zeigte Horry, warum er in der Fachwelt "Big Shot Rob" genannt wird. Der nervenstarke Routinier erzielte alle seine 21 Punkte in den letzten 18 Minuten und stellte 5,8 Sekunden vor Schluss mit seinem fünften Dreier des Abends den 96:95-Sieg nach Verlängerung sicher.

Es war die Vorentscheidung in der Serie. Wieder einmal hatte Horry seinen Ruf als so genannter "clutch performer" bestätigt, also als Spieler, der im entscheidenden Moment den Hebel umlegt. "So ist er halt. Er hängt die ganze Saison herum und fängt erst richtig an zu spielen, wenn es um etwas geht", kommentierte Teamkollege Duncan.

Der Held der Medien

Auch die Ligaverantwortlichen hatten plötzlich gut Lachen. Dank des Gala-Auftritts von Horry erhielt die Finalserie endlich die Spannung und Dramatik, die sie in den vier langweiligen Partien zuvor hatte schmerzlich vermissen lassen. Die Medien nahmen die Vorlage dankend an und berichteten ausgiebig, natürlich vor allem über den neuen Helden. Selbst die ansonsten nüchterne "New York Times" brachte ein ausführliches Feature, das an alle großen Playoff-Momente von Horry erinnerte.

NBA-Legende Jordan: Genauso viele Ringe wie Horry
AP

NBA-Legende Jordan: Genauso viele Ringe wie Horry

Besonders wichtig aus Sicht der Liga war jedoch das plötzlich steigende Interesse der Fernsehzuschauer. War die TV-Quote in den Spielen eins bis vier im Vergleich zum Vorjahr um erschreckende 34 Prozent gesunken, so schoss sie jetzt nach oben. Der Showdown-Charakter des ersten entscheidenden Spiels sieben seit elf Jahren tat sein Übriges. Angesichts der durch ihn entstandenen medialen Kehrtwende war es nicht abwegig zu glauben, dass die Liga - nie um eine bühnenreife Inszenierung verlegen - Horry zum wertvollsten Spieler der Finals (MVP) wählen würde. Dass die Trophäe schließlich an Duncan ging und Horry, der in der Abschlusspartie 15 Punkte und fünf Rebounds erzielte, nur der Titel des heimlichen MVPs blieb, passt jedoch ins Gesamtbild.

Robert Horry wird zwar von vielen Experten als der beste Ergänzungsspieler aller Zeiten gehandelt, eine offizielle individuelle Auszeichnung fehlt allerdings bis heute. Dennoch ist Horry mit seinem Schicksal zufrieden. "Ich werde wohl nie ein All-Star, aber ich finde, ich gebe eine ziemlich gute Quizfrage ab", sagt er. Wie wäre es zum Beispiel mit dieser: Welcher aktuelle NBA-Spieler hat genau so viele Meisterschaften gewonnen wie Michael Jordan und Kareem Abdul-Jabbar?



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