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13. Juni 2006, 15:25 Uhr

NBA-Finale

Nowitzkis lebenswichtige Helfer

Von Tobias Pox, Miami

Im Endspiel vertrauen die Dallas Mavericks vor allem auf Dirk Nowitzki. Doch neben dem deutschen Superstar haben sich auch andere Akteure ins Rampenlicht gespielt. Einer davon verdankt den aktuellen Erfolg vor allem seinem speziell ausgewählten Schlafanzug.

Dallas - Auf den ersten Blick war es ein Allerweltsvorkommen, eine Situation, wie sie zuhauf im Basketball zu sehen ist. In der 11. Spielminute der zweiten NBA-Finalbegegnung zwischen den Dallas Mavericks und den Miami Heat nahm Dallas-Trainer Avery Johnson eine Auswechslung vor; er beorderte Marquis Daniels aufs Parkett. Was die wenigsten gemerkt haben dürften, ist dass Daniels bereits der zehnte Akteur der Mavericks war, der ins Geschehen eingriff. Die Szene verdeutlicht, warum Dallas dem Gegner derzeit so überlegen ist und mit 2:0-Siegen in der Best-of-seven-Serie führt. Die Mavericks sind nicht nur das jüngere, athletischere und taktisch variablere Team, sie sind vor allem die wesentlich tiefer besetzte, kompaktere Mannschaft.



Dass Coach Johnson problemlos zehn Spieler rotieren lässt, ist der Hauptgrund, warum Gegner Miami in der Offensive überhaupt nicht zu seinem Rhythmus findet. Durch die vielen Wechsel sind die Mavericks selten erschöpft und haben fast nie schwere Beine. So machen sie abwechselnd den zwei Superstars der Heat, Flügelspieler Dwyane Wade und Center Shaquille O'Neal, das Leben schwer. Da außerdem stets sofort ein zweiter Dallas-Verteidiger aushilft, wenn einer der zwei Heat-Ausnahmekönner den Ball erhält, werden diese regelrecht zermürbt.

Der aktuelle Erfolg basiert "auf der kompletten Leistung des gesamten Teams", sagt Nowitzki, vor der heute Nacht in Miami stattfindenden dritten Partie. Was sonst schwer phrasen-verdächtig klingt, ist in diesem konkreten Fall voll zutreffend.

Nowitzki ist zweifellos das mit Abstand wichtigste Puzzleteil im Gesamtkonstrukt der Texaner. Aber ohne seine leistungsstarken, medial ehedem trotzdem vernachlässigten Helfer würde der 27-Jährige nun nicht so dicht an der Erfüllung seines Kindheitstraumes stehen – dem Gewinn des NBA-Titels.

Es ist bezeichnend, dass die entscheidenden Impulse in den ersten zwei Endspielen nicht von Nowitzki, sondern von anderen Darstellern ausgingen. In der ersten Partie war es Jason Terry, der mit seinen 32 Punkten und seiner unglaublichen Trefferquote von 72 Prozent den 90:80-Auftakterfolg der Mavericks sicherstellte. Außerdem kompensierte er so die schwache Leistung seines deutschen Kompagnons.

Im zweiten Finalduell am Sonntag sicherte Jerry Stackhouse seinem Club den Sieg, als er am Ende der ersten Halbzeit innerhalb von 79 Sekunden unglaubliche zehn Punkte nacheinander zauberte und für die 50:32-Pausenführung sorgte.

Dabei steht Stackhouse nicht einmal in der Anfangsformation, sondern kommt regelmäßig als "sechster Mann" von der Bank. Vor wenigen Jahren noch zählte er im Dress der Detroit Pistons zu den besten Werfern der Liga. In Dallas findet sich der Edelreservist klaglos damit ab, weitaus weniger Einsatzzeit auf dem Feld zu bekommen. "Es stellt für mich eine großartige Reise dar", bilanziert der Guard seine inzwischen immerhin elfjährige Karriere in der Liga, "in meinem Rookie-Jahr stand ich in einem Team, das gerade einmal 18 Spiele gewann (Philadelphia 76ers, d. Red.), jetzt stehe ich in den Finals."

Auch Terry betont den Kollektivgedanke als Urquell des Mavericks-Erfolgs. "Im Trainingslager haben wir begonnen, einander zu vertrauen und an das System zu glauben", erzählt er, "dieser Glaube ist definitiv ein Grund, warum wir jetzt hier im Finale sind." Terry, der als der beste "Clutch-Shooter" seines Vereins gilt, also der Mann für die großen, wichtigen Würfe, hat indes in Sachen Glauben durchaus seine eigene Agenda: Er schläft in der Nacht vor einem Spiel aus Aberglaube in den Shorts des Gegners.

Josh Howard gehen derartige Macken ab. Trotzdem spielt auch er eine zentrale Rolle im Dallas-System. Der 26-Jährige ist die Allzweckwaffe der Mavericks und vielseitig wie ein Schweizer Offiziersmesser. Er hechtet im Feld nach Abprallern, versucht bei jeder sich bietenden Möglichkeit dem Gegner das Spielgerät wegzunehmen, erkämpft sich Rebounds und kann Angriffe in jeder nur erdenklichen Manier abschließen.

Es würde ins Bild passen, wenn heute Nacht nach Terry und Stackhouse nun Howard seinen großen Auftritt in der Endspielserie haben würde. Sollte der Hoffnungsträger auf mehr als 20 Zähler kommen, kann Dallas davon ausgehen, dass auch Spiel drei gewonnen und die Larry-O'Brien-Trophäe zum Greifen nahe rückt: 25 Mal knackte der Small Forward in dieser Saison die 20-Punkte-Marke, in allen Fällen gewann Dallas. Sollte Howard keinen guten Tag erwischen, besteht kein Grund zur Panik. Dann wechselt Mavericks-Coach Johnson einfach aus und lässt weiterrotieren.

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