NBA-Finale Nowitzkis lebenswichtige Helfer

Im Endspiel vertrauen die Dallas Mavericks vor allem auf Dirk Nowitzki. Doch neben dem deutschen Superstar haben sich auch andere Akteure ins Rampenlicht gespielt. Einer davon verdankt den aktuellen Erfolg vor allem seinem speziell ausgewählten Schlafanzug.

Von Tobias Pox, Miami


Dallas - Auf den ersten Blick war es ein Allerweltsvorkommen, eine Situation, wie sie zuhauf im Basketball zu sehen ist. In der 11. Spielminute der zweiten NBA-Finalbegegnung zwischen den Dallas Mavericks und den Miami Heat nahm Dallas-Trainer Avery Johnson eine Auswechslung vor; er beorderte Marquis Daniels aufs Parkett. Was die wenigsten gemerkt haben dürften, ist dass Daniels bereits der zehnte Akteur der Mavericks war, der ins Geschehen eingriff. Die Szene verdeutlicht, warum Dallas dem Gegner derzeit so überlegen ist und mit 2:0-Siegen in der Best-of-seven-Serie führt. Die Mavericks sind nicht nur das jüngere, athletischere und taktisch variablere Team, sie sind vor allem die wesentlich tiefer besetzte, kompaktere Mannschaft.



Dass Coach Johnson problemlos zehn Spieler rotieren lässt, ist der Hauptgrund, warum Gegner Miami in der Offensive überhaupt nicht zu seinem Rhythmus findet. Durch die vielen Wechsel sind die Mavericks selten erschöpft und haben fast nie schwere Beine. So machen sie abwechselnd den zwei Superstars der Heat, Flügelspieler Dwyane Wade und Center Shaquille O'Neal, das Leben schwer. Da außerdem stets sofort ein zweiter Dallas-Verteidiger aushilft, wenn einer der zwei Heat-Ausnahmekönner den Ball erhält, werden diese regelrecht zermürbt.

Der aktuelle Erfolg basiert "auf der kompletten Leistung des gesamten Teams", sagt Nowitzki, vor der heute Nacht in Miami stattfindenden dritten Partie. Was sonst schwer phrasen-verdächtig klingt, ist in diesem konkreten Fall voll zutreffend.

Nowitzki ist zweifellos das mit Abstand wichtigste Puzzleteil im Gesamtkonstrukt der Texaner. Aber ohne seine leistungsstarken, medial ehedem trotzdem vernachlässigten Helfer würde der 27-Jährige nun nicht so dicht an der Erfüllung seines Kindheitstraumes stehen – dem Gewinn des NBA-Titels.

Es ist bezeichnend, dass die entscheidenden Impulse in den ersten zwei Endspielen nicht von Nowitzki, sondern von anderen Darstellern ausgingen. In der ersten Partie war es Jason Terry, der mit seinen 32 Punkten und seiner unglaublichen Trefferquote von 72 Prozent den 90:80-Auftakterfolg der Mavericks sicherstellte. Außerdem kompensierte er so die schwache Leistung seines deutschen Kompagnons.

Tobias Pox, 1972 in Hamburg geboren, lebt seit Sommer 2005 in Detroit und arbeitet dort als freier Journalist. Pox kaufte sich 1989 bei seinem ersten Besuch in den USA ein T-Shirt der L.A. Lakers und kam nicht mehr von seiner Leidenschaft für Basketball los. Es ärgert ihn noch immer, dass der ehemalige NBA-Profi Detlef Schrempf ("Bester deutscher Import seit dem Volkswagen") ohne Meisterschaftsring abtreten musste.
Im zweiten Finalduell am Sonntag sicherte Jerry Stackhouse seinem Club den Sieg, als er am Ende der ersten Halbzeit innerhalb von 79 Sekunden unglaubliche zehn Punkte nacheinander zauberte und für die 50:32-Pausenführung sorgte.

Dabei steht Stackhouse nicht einmal in der Anfangsformation, sondern kommt regelmäßig als "sechster Mann" von der Bank. Vor wenigen Jahren noch zählte er im Dress der Detroit Pistons zu den besten Werfern der Liga. In Dallas findet sich der Edelreservist klaglos damit ab, weitaus weniger Einsatzzeit auf dem Feld zu bekommen. "Es stellt für mich eine großartige Reise dar", bilanziert der Guard seine inzwischen immerhin elfjährige Karriere in der Liga, "in meinem Rookie-Jahr stand ich in einem Team, das gerade einmal 18 Spiele gewann (Philadelphia 76ers, d. Red.), jetzt stehe ich in den Finals."

Auch Terry betont den Kollektivgedanke als Urquell des Mavericks-Erfolgs. "Im Trainingslager haben wir begonnen, einander zu vertrauen und an das System zu glauben", erzählt er, "dieser Glaube ist definitiv ein Grund, warum wir jetzt hier im Finale sind." Terry, der als der beste "Clutch-Shooter" seines Vereins gilt, also der Mann für die großen, wichtigen Würfe, hat indes in Sachen Glauben durchaus seine eigene Agenda: Er schläft in der Nacht vor einem Spiel aus Aberglaube in den Shorts des Gegners.

Josh Howard gehen derartige Macken ab. Trotzdem spielt auch er eine zentrale Rolle im Dallas-System. Der 26-Jährige ist die Allzweckwaffe der Mavericks und vielseitig wie ein Schweizer Offiziersmesser. Er hechtet im Feld nach Abprallern, versucht bei jeder sich bietenden Möglichkeit dem Gegner das Spielgerät wegzunehmen, erkämpft sich Rebounds und kann Angriffe in jeder nur erdenklichen Manier abschließen.

Es würde ins Bild passen, wenn heute Nacht nach Terry und Stackhouse nun Howard seinen großen Auftritt in der Endspielserie haben würde. Sollte der Hoffnungsträger auf mehr als 20 Zähler kommen, kann Dallas davon ausgehen, dass auch Spiel drei gewonnen und die Larry-O'Brien-Trophäe zum Greifen nahe rückt: 25 Mal knackte der Small Forward in dieser Saison die 20-Punkte-Marke, in allen Fällen gewann Dallas. Sollte Howard keinen guten Tag erwischen, besteht kein Grund zur Panik. Dann wechselt Mavericks-Coach Johnson einfach aus und lässt weiterrotieren.



insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
adrian01, 24.04.2006
1. Respekt, aber keinen Titel
Dirk Nowitzki hat eine MVP-reife Saison gespielt, so viel steht fest. Erstmals in seiner Karriere war er der alleinige Anführer der Mavericks und er löste die Aufgabe ohne die Hilfe der Kameraden Nash und Finley herausragend. Weil er nicht mehr nur der Punktesammler war, sondern eben der Anführer, der der in den Situationen Verantwortung übernimmt, wenn das Spiel entschieden wird. Diese Fähigkeit hat Nowitzki in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen, zuerst bei der EM, jetzt auch in der NBA. Dazu kam, dass die Mavericks in diesem Jahr (endlich einmal) ein System gespielt haben dessen Grundphilosophie nicht aus "Wer zuerst 120 Punkte macht gewinnt" besteht. Avery Johnson hat es geschafft, seinen Spielern zu erklären, dass "D" nicht nur der erste Buchstabe von "Dallas" ist, sondern auch von "Defense". Die Spieler haben die Umstellung gemeistert, der Erfolg spricht für sich. Die Mavericks aber jetzt zum Favoriten auf den Titel zu erheben, wäre vermessen. Zu stark ist die Konkurrenz aus Detroit und San Antonio. Schon der Finaleinzug (und damit ein Duell gegen die Pistons) wären eine große Überraschung, obwohl man die Regular Season-Serie gegen die Spurs mit einem Unentschieden beendete. Um in den Playoffs ernsthaft am Thron des amtierenden Champions zu rütteln, müssten einige von Nowitzkis Teamkollegen deutlich über ihre Verhältnisse spielen (vor allem Center Eric Dampier) und man müsste einen Weg finden, die Kreise von Aufbauspieler Tony Parker zu stören. Vor allem letzteres ist schwer vorstellbar, zu gering sind die Verteidigungskünste der Mavs-Guards Devin Harris und Jason Terry. Das Finale dürfte deshalb wieder San Antonio gegen Detroit lauten. Zu ausgeglichen und stark präsentierten sich die beiden Teams in der regulären Spielzeit. Im Osten gibt es wohl kein Team, dass den Pistons ernsthaft Paroli bieten kann. Sowohl bei den Nets (im Frontcourt gibt es mit Nenad Krstic nur einen überdurchschnittlichen Spieler), den Cavaliers (zu viel hängt offensiv von "King" James ab) und den Miami Heat (mangelnde Qualität, O'Neal und Wade ausgenommen) gibt es immer ein Handicap, dass den großen Wurf, den Finaleinzug,verhindern wird. Im Westen wird es zwar enger, doch letztlich werden sich die Spurs gegen Dallas und Phoenix (ohne Amare Stoudemire) durchsetzen. Wer am Ende den Titel holt ist schwer zu sagen: Dort wird die jeweilige Tagesform des Ausschlag geben, auch wenn die Bilanz der regulären Saison für Detroit spricht.
Silberkamp, 25.04.2006
2.
es wäre ein traum, wenn nowitzki den titel holen würde. es würde auch den deutschen basketball nach vorne bringen.
coolste, 26.04.2006
3.
Ich bin nicht der Meinung, dass Dallas chancenlos ist in Runde 2 gegen die Spurs. Vor allem heisst es Daumen drücken für die Kings. Schaffen diese es die Serie gegen San Antonio lange offen zu halten wäre das Gold wert für Dallas, da Tim Duncan und Manu Ginobili, die beide mit Verletzungen zu kämpfen haben, wenig Zeit zur Erholung hätten. Leider sieht es momentan nicht nach einer wirklich langen Serie aus, die Spurs führen bereits 2-0 und das erste Spiel war eine regelrechte Vorführung. Aber vielleicht macht das 2. Spiel ja Hoffnung, in dem Sacramento nur sehr unglücklich in der Verlängerung verlor, und das ohne ihren besten Spieler Ron Artest (gesperrt für ein Spiel). Analog ist es natürlich auch wichtig, dass Dallas ihre Serie frühzeitig entscheidet, um wiederum ihren angeschlagenen Spielern die Möglichkeit zur Erholung zu geben. Besonders auf Devon Harris ruhen einige Hoffnungen, da er der einzige ist, der annähernd mit dem Antritt von Tony Parker mithalten kann. Letztendlich wird es denke ich eine knappe Geschichte, die die Spurs aber wohl für sich entscheiden werden. Nicht zuletzt, da so erfahrene Leute wie Finley, van Exel, Horry und, wie gegen Sacramento zu sehen, Brent Barry von der Bank kommen. Zudem wird Nowitzki es schwer haben sich in jedem Spiel gegen den Defensivspezialisten Bruce Bowen so zu behaupten wie im Finale der regulären Saison. Egal wer diese Serie gewinnt wird aber wohl auch in die NBA Finals einziehen, da die andere Hälfte des Playoff-Baums im Westen doch deutlich schwächer besetzt ist. Im Osten sehe ich Detroit nicht unbedingt als automatischen Finalteilnehmer. Zwar haben sie eine absolut überragende reguläre Saison gespielt und sind sicherlich Favorit, aber ich denke das Miami oder New Jersey nicht chancenlos sind. Miami ist dank Shaq per Definition immer gefährlich und sollte Detroit in nichts nachstehen, sollten sie verletzungsfrei bleiben. Auch letztes Jahr war diese Serie äußerst knapp und wurde unter anderem auch durch die Verletzung von Wade entschieden. Müsste New Jersey in der zweiten Runde gegen Detroit spielen anstatt gegen Miami, würde ich ihnen noch größere Chancen einräumen. Aber Shaq und Zo haben sie einfach nichts entgegenzusetzen. Da reicht auch das Duo Kidd-Carter nicht aus. King James wird in seinen ersten Playoffs leider nicht über die erste Runde hinaus kommen. Da müsste er schon jedes Spiel so dominieren wie Spiel 1 und das schafft selbst er nicht. Mein Tipp für das Finale lautet Miami vs. San Antonio, welches Miami in 6 Spielen für sich entscheiden wird.
Herr K, 28.04.2006
4.
Um über die Titelchancen vermeintlicher Favoriten zu räsonieren, ist es in der ersten Runde noch zu früh. Es empfiehlt sich daher, erst einmal abzuwarten, wer die zweite erreicht. Was würde zum Beispiel passieren, wenn die Lakers überraschenderweise die Suns schlagen? Dann sieht die Welt doch gleich ganz anders aus. Die Lakers sind schließlich mit Lamar Odom und vor allem smush Parker weniger von ihrem Star abhängig als beispielsweise Cleveland. Und sollten die Lakers tatsächlich in die zweite Runde einziehen, dann können sie jeden schlagen, auch die Spurs (wie in der Saison) oder die Pistons (ebd.). Also abwarten!
Herr K, 28.04.2006
5.
Es ist zu früh, um über die Aussichten vermeintlicher Favoriten zu räsonieren. Es empfiehlt sich daher den Ausgang der ersten Runde abzuwarten. Was wäre nämlich, wenn die Lakers die Suns schlagen? Die hatte nämlich (wie die Suns) bisher hier im Forum keiner auf der rechnung, doch wenn sie es schaffen, Phoenix zu schlagen, wen sollen sie dann nicht schlagen können? San ANtonio, Detroit? Gegen beide konnten die Lakers in der Saosin mindestens einmal triumphieren. Zudem haben die Lakers zwar mit Bryant den Spieler, der trifft wie er will und von wo er will, aber sie sind von ihm dank Lamar Odom, und vor allem auch Smush Parker, weniger abhängig als die Cavaliers von James. Also abwarten bis zur zweiten Runde!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.